Streit ums Berliner Kulturhaus Tacheles: Kunst am Bauzaun - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Kunsthaus Tacheles: Legendärer Siff

Foto: Schuh, Florian/ dpa

Streit ums Berliner Kulturhaus Tacheles Kunst am Bauzaun

Eine in letzter Minute aufgeschobene Zwangsversteigerung, eine dubiose Million Euro Auszugsprämie: Das Tauziehen um die Berliner Kultur-Institution Tacheles spitzt sich zu. Die verbliebenen Künstler wollen nicht weichen, und das ist durchaus verständlich: Endlich spricht man wieder über sie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum zu glauben. Gerade schlendert eine Gruppe junger Franzosen über die staubige Brache hinter dem Berliner Kunsthaus Tacheles, bestaunt die zusammengeschweißten Schrott-Kunstwerke, knipst Erinnerungsbilder. Alles wie immer - wären da nicht die neuen Bauzaun-Absperrungen und dahinter dieser knatternde Bulldozer, der gerade die Fläche abräumt.

Das Ende ist nahe, konnte man überall lesen: Auszug, Verkauf, Sanierung. Das Tacheles, dieser einzigartige Ort der freien Kunst in Berlin, wird plattgemacht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. "Die Bagger stören uns überhaupt nicht", sagt Linda Cerna, sie ist die Pressesprecherin der im Tacheles verbliebenen Künstler. "Wir haben das beobachtet: Die wissen genau, wo sie abräumen dürfen und halten Abstand zum Kunsthaus."

Das Gelände um das Tacheles ist eine der letzten unbebauten Flächen im Zentrum Berlins, ein "Filetgrundstück" nennt es Gesine Dähn, die Sprecherin der HSH Nordbank. Einem Gutachten zufolge ist es 35 Millionen Euro wert. Die Bank will das Gelände demnächst Zwangsversteigern lassen. Sie tut das, weil das Grundstück die Sicherheit für einen geplatzten Kredit war: eine Investorengruppe namens "Fundus" wollte hier in den Neunzigern Wohn- und Geschäftshäuser hochziehen, scheiterte - die Fläche fiel an die Bank. Und mit ihr das Tacheles. Gegen sämtliche Bewohner bestünden seit geraumer Zeit rechtsfeste Räumungstitel. Die seien aber bisher stets "kreativ" durch die Bewohner verhindert worden, weil aus diesem oder jenem Grund die Zustellung der Räumungsaufforderung unmöglich gemacht wurde. Ein Versteigerungstermin, für Anfang April angesetzt, wurde abgesagt, weil die Vorgespräche mit den Interessenten noch nicht weit genug fortgeschritten waren, sagt Dähn.

Eine Million für den Auszug

Um das Tacheles gibt es seit Jahren Streit - bis vor kurzem war es ein Streit, der sich vor allem innerhalb der Ruine abgespielt hat. Weitgehend unbeachtet bekriegten sich die Bewohner: da gab es einerseits die Künstler-Fraktion  um den Österreicher Martin Reiter, die sich vor allem in den oberen Geschossen des Hauses eingerichtet haben mit Ateliers, einer Bühne und Ausstellungsräumen. Und es gab die Gastronomen-Fraktion  um Ludwig Eben, tätig im Erdgeschoss der Ruine, mit dem "Café Zapata" und seinem Biergarten, dem Kino "Studio 54", dem Biotop auf der Freifläche hinter dem Gebäude.

Es ging um Geld für die Betriebskosten, aber vor allem ging es um die Frage, was das Tacheles sein soll und sein darf. "Ballermann", so spottete Reiter über den stark von feierfreudigen Touristen besuchten Betrieb im Erdgeschoss, im Gegenzug machten sich die anderen über die "Kleinkünstlermentalität" Reiters lustig und widmeten ihm ein als Friedensangebot getarntes Spottlied . Mit dem Streit ist es nun vorbei: die "Gastronomen" sind ausgezogen. Eine Million Euro haben sie für die Räumung bekommen, eingezahlt auf ein Notarkonto, vermittelt von einer Anwaltskanzlei, deren Auftraggeber sich im Verborgenen hält. Wer die Million gezahlt hat, um zumindest einen Teil des Gebäudes leer zu bekommen? "Davon haben wir keine Kenntnis.", sagt Bank-Sprecherin Dähn.

"Es riecht schon deutlich weniger nach Urin"

Das sehen die letzten Bewohner des Tacheles anders. "Die HSH hat eine Million Bestechungsgeld bezahlt. Was für ein schmutziger Deal wurde hier abgezogen?", wettert Martin Reiter, graue Locken, rote Jacke, die Hände schmutzig von der Arbeit an der Kunst. Gemeinsam mit seiner Pressesprecherin empfängt er im ersten Stockwerk der Ruine zum Gespräch. Er macht nicht den Eindruck eines Mannes, der sein Projekt am Ende sieht. Der Auszug der Gastro-Fraktion ficht ihn nicht an, ganz im Gegenteil, er freut sich demonstrativ: "Es riecht heute schon deutlich weniger nach Urin, wir sind von den Dealern befreit, es gab heute Morgen nur noch eine einzige zerbrochene Bierflasche." Der Ausschank im Erdgeschoss habe ein schlechtes Image für das ganze Haus gebracht. Das sei man jetzt los.

Und so machen die Künstler weiter, als drohe weder Räumung noch Versteigerung. Sie schmieden Pläne, entwerfen Programme, arbeiten in ihren Ateliers, achtzig Künstler aus 25 Nationen zählt Linda Cerna. Gerade kommt die bayerische Trash-Künstlerin Adler A.F. die Treppe herauf. Auch sie sieht keinen Grund, sich nach einem neuen Atelier umzusehen. "Hier sind nur noch die Härtesten der Harten", sagt Adler A.F.

International anerkannt - oder doch eher unbedeutend?

Cerna betont im Gespräch auffallend häufig die internationale Bedeutung des Tacheles und seiner Künstler in der jetzigen Form und Erscheinung. Das Land Berlin hat von der Relevanz der im Tacheles vertretenen Kunst offenbar eine andere Auffassung: Seit Jahren schon fließt kein öffentliches Geld mehr in das Projekt. Die drohende Zwangsräumung und das öffentliche Tauziehen um das Tacheles ist so gesehen das Beste, was den verbliebenen Künstlern geschehen konnte: All das ist kostenlose Werbung für ihre Arbeit - eine Arbeit, die abseits von den Berichten über die Besitzverhältnisse nur spärliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Der Streit um die Brache und um die Ruine ist die erfolgreichste Inszenierung, die im Kunsthaus jemals aufgeführt wurde. Aufrechte Künstler sollen von schmierigen Banken platt gemacht werden - diese Geschichte verspricht ein großes Drama. Mehr Publikum war nie. Der Streit um das Tacheles ist längst die eigentliche Kunst im Tacheles.

Daran, dass im Tacheles auch in Zukunft Kultur betrieben wird, besteht indes kein Zweifel - unabhängig davon, wer das Gebäude und das Gelände schließlich kaufen wird, wenn ein neuer Versteigerungstermin angesetzt ist. Im Grundbuch ist es als "kultureller Ort" festgeschrieben, die Ruine selbst steht unter Denkmalschutz. Und, das betont der für Kultur zuständige Senatssprecher Torsten Wöhlert, ein neuer Investor wird das Gelände nur in Abstimmung mit dem Land Berlin entwickeln können. Wöhlert sagt, Berlin wolle das Tacheles schon im eigenen Interesse als Kulturstätte erhalten: "Das Tacheles steht für den Aufbruch der Neunziger Jahre, für eine Zeit, in der alles möglich war. Es ist das letzte Relikt, die letzte Erinnerung an diese Zeit in dieser Gegend. Und die wollen wir erhalten. Wir wollen das Ding nicht weiß anstreichen." Allerdings wolle man auch keine "Käseglocke" über das Tacheles stülpen. Wöhlert spricht lieber von einem "Neustart".

Die legendär versiffte Kreativität der Wendejahre

Die Frage wird also nicht sein, ob, sondern welche Kunst und Kultur in den kommenden Jahren im Tacheles blühen soll. Martin Reiter hat die Schreckensvision von einem Kultur-Youth-Hostel mit angeschlossenem Bookshop, dazu ein Musikclub, in dem einmal in der Woche eine Lesung stattfinden soll. Es wäre die Verbürgerlichung des Tacheles, zwar scheinbar noch hinreichend wild, um es den Berlin-Gästen als buntes Gewächs der Wendezeit präsentieren zu können - innerlich aber tot, die legendär versiffte Kreativität zum Erliegen gebracht. "Und dann noch die Wände im Treppenhaus hinter Plexiglas, damit die Graffiti schön erhalten bleiben", ätzt Reiter. "Doch das Tacheles ist kein Logo, ist kein Turnschuh, ist kein Plattenlabel."

Reiters Gruppe wünscht sich, dass das Land Berlin das Tacheles-Gebäude und den direkt umliegenden Grund kaufen möge, etwa fünf Prozent der Gesamtfläche, und beides in eine Stiftung überführt. In dieser Stiftung sollen dann paritätisch die Stadt, die Kunsthochschulen und die Künstler das Sagen haben. Reiter ist sich im Klaren darüber, dass diese Interessengruppen sich permanent über Konzepte und Nutzung streiten würden - und schon hätte man den schönsten permanenten kreativen Prozess! Die Idee einer Stiftung ist nicht neu. Fragt man Torsten Wöhlert, was der Berliner Senat von diesem Vorschlag hält, erzählt er, die Idee sei zwar nachvollziehbar. "Doch ich sage, was ich dann immer sage: Wenn man einen Viertellaib Brot kaufen will, aber der Bäcker verkauft das Brot nur als ganzen Laib oder gar nicht - dann muss ich das Brot entweder ganz kaufen. Oder den Laden hungrig verlassen." Und so sei es auch mit dem Tacheles: die HSH Nordbank will das Kunsthaus nicht einzeln verkaufen, sondern nur im Gesamtpaket. Dass der Senat das ganze Areal erwirbt, ist ausgeschlossen, und damit die Stiftungsidee hinfällig. "Wir konzentrieren uns deshalb darauf, mit einem künftigen Investor über die Zukunft des Tacheles als Kunsthaus zu verhandeln."

Das Gespenst der Gentrifizierung

Ephraim Gothe, für Mitte zuständiger Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, hat vertraulich vier Konzepte von möglichen Investoren auf den Tisch bekommen. Er sagt, dass da durchaus "sympathische" Ideen für das Gelände dabei wären. In einem finde sich sogar die Aussage, die Künstler im Tacheles bleiben lassen zu wollen. "Noch eine Shopping-Mall fände ich schwierig", sagt Gothe. Er wünscht sich eine Mischnutzung aus urbanem Wohnen, Geschäften und Büros.

Aus der Ferne betrachtet könnte man das Gezerre um das Tacheles als ein Musterbeispiel der Gentrifizierung betrachten, jenes Phänomens, das zunehmend das Gesicht der Großstädte verändert: Viertel, die über Jahrzehnte gewachsen waren, mit einer bunt durchmischten Einwohnerstruktur und bezahlbaren Mieten, verschwinden, weil ihr Charme zu attraktiv geworden ist. Inverstoren kaufen sich ein, sanieren, wandeln die Wohnungen in Eigentum um.

Von so einer Entwicklung lässt sich bei der Gegend um das Tacheles allerdings nur schwerlich sprechen. Das Kunsthaus ist vielmehr ein Unikum, entstanden in der wilden Zeit nach der Wende. Sollte es hier so etwas wie eine gewachsene Bewohnerstruktur gegeben haben, dann ist diese schon kurz nach dem Mauerfall verschwunden. Seither ist die Szene um das Oranienburger Tor vor allem eines: eine beliebte Touristenmeile mit zahlreichen Bars und Büdchen.

Wollte man das Tacheles seiner ursprünglichen Bestimmung zuführen, müsste man konsequenterweise das tun, was andernorts als grauenhafte Modernisierung gelten würde: man müsste es in eine Shopping-Mall umwandeln. Als solche ist das Gebäude 1907 errichtet worden, unter dem Namen "Friedrichstadtpassage" war sie die zweitgrößte der Stadt. Das Einkaufszentrum, das könnte dem künftigen Eigentümer als Mahnung dienen, ist allerdings schon ein halbes Jahr nach Eröffnung pleite gegangen.

Der letzte Akt? Noch lange nicht

Hört man sich unter den Beteiligten um, tippen viele auf Harm Müller-Spreer als wahrscheinlichsten Käufer des Geländes. Der Hamburger Investor hat auch schon das Berliner "Spreedreieck" in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße erworben und gestaltet - seine Kritiker würden sagen: verunstaltet. Zwar wird gemunkelt, Müller-Spreer habe weitreichende Vorabsprachen mit der HSH-Nordbank getroffen und stecke womöglich auch hinter der millionenschweren Auszugsprämie. Zuletzt hat Müller-Spreer zwar öffentlich sein Desinteresse an der Tacheles-Brache bekundet, doch diese Aussage könnte auch Teil des laufenden Pokerspiels sein.

Stadtentwickler Gothe verweist indes auf ein nicht ganz unwesentliches Detail, mit dem sich jeder neue Eigentümer noch beschäftigen wird müssen: den Bebauungsplan für das Gelände. Zwar existiere noch ein genehmigter Bebauungsplan aus der Zeit der Fundus-Gruppe, doch, so Gothe: "Da wird ein neuer nötig werden, da alle Konzepte wesentlich vom alten Bebauungsplan abweichen." Bis ein neuer Plan erstellt und letztlich genehmigt ist, kann viel Zeit vergehen, kann viel gestritten werden, kann noch viel Kunst gemacht werden im und Theater um das Tacheles.

Ein kreativer Prozess, wenn man so will.