Stuttgarter Theater Neustart mit Auszeichnung
Stuttgart/Berlin - Mit einer Faust als Markenzeichen trat Hasko Weber vor einem Jahr als Intendant in Stuttgart an - und gewann. Aus Sicht von Theaterkritikern hat er den "überzeugendsten Neustart" der vergangenen Saison hingelegt. Für diese Leistung wählten sie sein Haus in der jährlichen Umfrage des Magazins "Theater Heute" zum "Theater des Jahres". Damit erreichte der gebürtige Dresdner in nur einer Spielzeit, wovon sein Vorgänger Friedrich Schirmer während seiner zwölf Jahre dauernden Amtszeit in Stuttgart nur träumen konnte. Ganze 30 Jahre ist es sogar her, dass Claus Peymann zuletzt den Titel "Theater des Jahres" in die schwäbische Metropole holte.
Nun ist es nicht so, dass der "Ossi" Weber, Jahrgang 1963, aufgewachsen im DDR- Plattenbau und gelernter Maschinenmonteur, nur rauschende Erfolge zu verbuchen hatte. Seine Inszenierung von "Faust I" oder seine besonnen-ruhige Regie bei Ibsens sperrigem Stück "Klein Eyolf" wurden eher verhalten aufgenommen. Vielmehr überzeugte die Theaterkritiker - ähnlich wie Anfang August in einer Umfrage des Fachmagazins "Die Deutsche Bühne" - die Gesamtleistung des Hauses: Theater, das Ästhetik, Aktualität und Sinnlichkeit packend und poetisch miteinander verbindet - so lässt sich die Lobeshymne der Kritiker zusammenfassen.
Zu den herausragenden Theatererlebnissen zählte Karin Henkels furiose und aufwendige Inszenierung von Anton Tschechows "Platonow" mit dem nun auch zum besten Schauspieler gekürten Felix Goeser in der Titelpartie. Als Teil des mit 1200 Mitarbeitern weltgrößten Dreispartenhauses ist das Schauspiel nun gleichauf mit der Oper des gerade verabschiedeten Klaus Zehelein und dem Ballett von Reid Anderson, die seit Jahren bundesweit in der Spitzenklasse spielen.
"Alle Erschütterungen unserer Zeit zwingen zum Innehalten und Überdenken der eigenen Situation", zitiert die Nachrichtenagentur dpa den Intendanten. Zu Wende-Zeiten in der DDR betrieb er mit seiner "Dramatischen Brigade" im heutigen Chemnitz Revolutionstheater, später machte er als Schauspieldirektor in Dresden mit formal strengen und bewegungsreichen Inszenierungen von sich reden. "Weber hat sich nicht an die Stuttgarter angebiedert. Das Publikum durfte sich ernst genommen und anspruchsvoll herausgefordert fühlen", urteilten jetzt die Kritiker.
Weber kann für sein intelligentes Gegenwartstheater vor allem auf Hausregisseur Volker Lösch setzen. Dessen Inszenierungen haben längst Kultstatus, selbst wenn er mit seiner ersten deutschen Bearbeitung des Filmstoffs "Dogville" von Lars von Trier etliche Zuschauer brüskierte.
Für die nächste Spielzeit hat Weber die Beschäftigung mit "Ulysses" von James Joyce in den Mittelpunkt gestellt. Lösch wird die "Heilige Johanna der Schlachthöfe" von Brecht und "Medea" nach Euripides inszenieren.
hoc/dpa