Superwahlabend im TV: Lingua Laber - DER SPIEGEL
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Superwahlabend im TV Lingua Laber

Zu viele Diagramme, zu viele Sender, zu viel sinnfreie Politiker-Rhetorik - und dann auch noch Sabine Christiansen: SPIEGEL-ONLINE-Autor Reinhard Mohr verbrachte den Superwahlabend vor dem Fernseher und versuchte, der Langeweile etwas Positives abzugewinnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war eine praktische Demonstration des deutschen Föderalismus-Gedankens: Unentwegt, unermüdlich und überwiegend pannenfrei schalteten ARD und ZDF gestern Abend zwischen Stuttgart, Mainz, Magdeburg und Berlin hin und her, zwischen Wahlstudios, Parteizentralen und Diskussionsrunden der unterschiedlichsten Art.

Jubelnde CDU-Anhänger in Baden-Württemberg: So viel K(r)ampf

Jubelnde CDU-Anhänger in Baden-Württemberg: So viel K(r)ampf

Foto: DDP

Oft sorgten nur kleine Inserts dafür, dass die Fernsehzuschauer halbwegs die Orientierung behielten und erfuhren, wer wo gerade wie viel Prozent erobert hatte und sich dafür umgehend bei den "Wählerinnen und Wählern" bedanken musste. Nebenbei entdeckte man Gesichter, die man fast schon vergessen hatte – wie Matthias Wissmann, unter Helmut Kohl einst Bundesverkehrsminister, der Mehmet Scholl der CDU.

Kurt Beck, "König Kurt", der große Sieger des Landtagswahlabends, musste nicht lange nach den richtigen Worten suchen. Das war für Wolfgang Böhmer in Magdeburg schon schwieriger, und so zog er sich lange Zeit auf den schönen Satz zurück, "dieses Land" brauche "eine stabile Mehrheit". Wie wahr. Die wird er nun, zusammen mit der Bullerjahnschen Schrumpf-SPD, auch bekommen.

Klare Wahlverlierer wie die baden-württembergische SPD und ihre vor der Wahl so auskunftsfreudige Spitzenkandidatin Ute Vogt klammerten sich an die schöne Formulierung, man habe "unter schwierigen Bedingungen einen engagierten Wahlkampf gemacht". Tolle Sache. Das sollten sich auch abgewiesene Liebhaber und gescheiterte Jobbewerber für den privaten Gebrauch merken: Unter schwierigen Bedingungen engagiert gekämpft... Na dann.

Sieger wie der wiedergewählte CDU-Ministerpräsident und Schnellredner Günther Oettinger können es rasant kurz und gewohnt schmallippig machen: "Wir haben geschlossen gekämpft." Die Grünen, nur im "Ländle" erfolgreich, resümierten unverdrossen: "Wir haben für unsere Inhalte gekämpft." Was sonst?!

So viel Kampf.

Aber auch so viel Krampf.

Denn gerade die außerordentlich schwache Wahlbeteiligung, die meist wie erwartet eingetroffenen Ergebnisse und der routinierte Verlauf der Fernsehberichterstattung ließen die Sprechblasenkultur besonders deutlich hervortreten. Die politische Seifensprache, die Lingua Laber, beherrschen inzwischen nicht nur die Generalsekretäre der Parteien, sondern fast alle führenden Politiker.

Wenn CDU-Generalsekretär Roland Pofalla von "unserer Bundeskanzlerin Doktor Angela Merkel spricht", die die "stärkste politische Persönlichkeit in Deutschland" sei, so will man das einerseits überhaupt nicht wissen an einem solchen Abend; andererseits aber klingt es wie die Warteschleifenansage eines Stromkonzerns: "Doktor Merkel ist gleich für Sie da. Einen Augenblick noch."

Aber auch Hubertus Heil (SPD), Dirk Niebel (FDP) und Dietmar Bartsch (Linkspartei/WASG/PDS) haben längst das Niveau eines ihres einstigen Kollegen und Amtsbruders Olaf Scholz erreicht, dessen Spitzname "Scholz-o-Mat" eine durchaus treffende Berufsbezeichnung war. Automatenhaft reden auch sie, und wenn man ihnen, beim zweiten Glas Pfälzer Riesling, nur lange genug zugehört hat, würde man ihnen beinahe alles abkaufen, sogar einen überdimensionalen Plasma-Fernseher mit eingebauter Selbstzerstörungsfunktion im Kriegsfall – wenn sie nur endlich aufhören würden!

Einschlafen mit der Große-Kuschel-Koalition

Einschläferungseffekte hatte der gestrige Wahlabend noch aus einem ganz anderen Grund, der auch die Kommentare beherrschte: die großen politischen Leidenschaften, die scharfen Auseinandersetzungen, Streit überhaupt – Fehlanzeige. Die Große Kuschel-Koalition in Berlin färbt ab, die Stimmung reicht von wohltemperiert bis gleichgültig. Die einen sagen: Lass die ruhig mal machen. Schaun mer mal. Die anderen sagen: Lass sie doch machen. Ändert ja doch nichts.

Der Rest sind immer neue Befürchtungen im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft ("Streiken jetzt auch noch die Fluglotsen?"), ein zäh austrocknender Streik um 18 Minuten unbezahlte Mehrarbeit am Tag im Öffentlichen Dienst, und die Frage: Hat Rainer Calmund wirklich schmutzige Finger in einem möglichen Bundesliga-Bestechungsskandal?

Man kann das Ganze natürlich auch ganz anders betrachten – als demokratische Normalität in einem kurzen Augenblick relativer politischer Windstille. Ein Blick nach Weißrussland genügt, um den Wert dieser Normalität zu schätzen, die Freiheit, selbst entscheiden zu können, ob man wählen geht oder nicht, ob man protestiert oder nicht, ob man redet oder schweigt.

Das brutale Zusammenprügeln der Demonstranten in Minsk und die Verhaftung von über tausend Menschen, die nichts anderes getan haben, als öffentlich ihre Meinung zu sagen, erinnert an die Kostbarkeit unserer demokratischen Selbstverständlichkeiten, die uns manchmal als pure Langeweile erscheinen. Eine durchaus luxuriöse Ästhetik. Dabei wird selbst die stundenlange Präsentation von Zahlenkolonnen, Tabellen und Paradigmen des Wählerverhaltens im Fernsehen zum Ausdruck einer kulturellen Zivilität, die an vielen Orten dieser Welt reine Utopie ist.

Sabine Christiansen - das Mantra des Standorts Deutschland

Was Kompetenz, Glaubwürdigkeit und persönliche Ausstrahlung betrifft, machte wieder einmal Jörg Schönenborn in der ARD das Rennen – knapp vor Bettina Schausten im ZDF. Seine Mischung aus Präzision und Charisma wirkt zudem angenehmer als die doch stets ein wenig überambitioniert-seifige Präsenz von Steffen Seibert, der, nach Johannes B. Kerner, eine Art zweite Allzweckwaffe des ZDF geworden ist.

Kein Wahlabend in Deutschland freilich kann zu Ende sein, bevor nicht Sabine Christiansen alles noch mal aufrührt, umrührt und auf den Tisch des Hauses bringt. So redeten von 22.15 bis 23.15 Uhr Christian Wulff, Lothar Späth, Klaus Wowereit, der Parteienforscher Jürgen Falter, PDS-Frau Katja Kipping und ein IG-Metallchef aus NRW noch einmal über alles und jedes: Über den Arbeitsmarkt und die Gesundheitsreform, Bürgerversicherung und Kopfpauschale, Rente und Steuer, über Kindergeld und kostenlose Kitas, den Ver.di-Streik und den Mittelstand, Flexibilisierung und Bürokratieabbau, Deutschland als Exportweltmeister und den Umbau des Sozialstaats – die ewig währende Sabine-Christiansen-Talkshow also, das Mantra des Standorts Deutschland. Es wird uns in die Rente mit 67 begleiten, höchstwahrscheinlich bis in den verdienten Tod.

Während man das dritte – oder war es schon das vierte – Glas Wein geleert hatte, fühlte man sich einerseits ein wenig erschöpft – andererseits aber bereit für eine "geruhsame Nacht" (Ulrich Wickert). Wir dachten kurz an Deutschland in der Nacht – und waren nicht mehr um den Schlaf gebracht.

Wenn das kein Fortschritt ist.