Suzanne Cowan: Tanztheater im Rollstuhl - DER SPIEGEL
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Profi-Tänzerin im Rollstuhl "Mein Leben ist nicht defizitär"

Suzanne Cowan ist die erste Querschnittsgelähmte der Welt mit einem Doktortitel in Tanz. Hier erzählt sie, wie sie den Begriff "Krüppel" zurückerobern will - und warum sie das Laufen nicht vermisst.
Von Anke Richter
Tänzerin Suzanne Cowan: Binäres Denken hinterfragen
Tänzerin Suzanne Cowan: Binäres Denken hinterfragen

Tänzerin Suzanne Cowan: Binäres Denken hinterfragen

Foto: Bronwyn Evan
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Zur Person

Suzanne Cowan, 52, ist promovierte Tänzerin und lebt in Auckland. Sie gehörte zum Ensemble von Touch Compass (Neuseeland) und CandoCo (England). Ihre Arbeiten und Choreographien wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet.

SPIEGEL: Frau Cowan, Sie touren gerade mit einem Soloprogramm. Welche Rolle spielt Ihr eigenes Leben bei Ihren Auftritten?

Cowan: Mein aktuelles Stück ist autobiografisch. Es handelt von Landschaften, durch die wir uns bewegen und die ihre Spuren auf Körpern hinterlassen. Etwa von der kanadischen Natur, die ich 1990 bereiste, als ich meinen Autounfall hatte und mir den Rücken brach. Von einem Moment zum nächsten befand ich mich in einer anderen Realität. Ich war sechs Wochen im Krankenhaus, dann monatelang in der Reha. Vom Zweifüßler zum Rollstuhl, das ist eine massive Transformation, ein neuer Lebensstil.

SPIEGEL: Keine Tragödie?

Cowan: Mein Leben ist nicht defizitär. Ich reise, trete auf, liebe. Mein Körper hört nicht bei der Haut auf. Davon handelt meine Kunst.

SPIEGEL: Waren Sie schon immer Tänzerin?

Cowan: Seit ich ein Kind war, tanze ich, damals Ballett. Nach meinem Unfall stieß ich auf die Touch Company, eine Tanztruppe für Menschen mit ganz verschiedenen körperlichen Fähigkeiten, und ging danach nach England. Wir hatten als Ensemble viel Spaß und einiges durchgemacht.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Cowan: In Russland wurden wir bei der Einreise als Rollstuhlfahrer erst mal in Quarantäne gesteckt. Behinderung kann sehr isolierend sein, vor allem wenn man die einzige damit in der Familie oder Firma ist. Es ist wichtig, Kollektive zu bilden.

SPIEGEL: Wie war es, beim Tanzen von Beinen zum Rollstuhl zu wechseln?

Cowan: Ich fühlte mich anfangs schwerfällig und unsicher. Es dauerte, bis ich mit dem Stuhl eins wurde. Jetzt bin ich ein Hybrid, der Stuhl ist die Verlängerung meines Körpers. Oder er ist ein Tanzpartner, den ich führe und der mich nie verlässt (lacht).

SPIEGEL: Was denken Sie, wenn Sie heute ans Laufen denken?

Cowan: Wenn ich heute Leute sehe, die laufen, vermisse ich es nicht. Ich denke dann nur: "Wie gewöhnlich!" Für viele sind körperliche Differenzen jedoch bedrohlich oder unangenehm. Ich kann das nachvollziehen. Mein Unfall bedeutet ja nicht, dass ich plötzlich all meine tiefsitzenden Defizit-Konditionierungen losgeworden bin. Das dauert viele Jahre.

SPIEGEL: Wenn ich fragen darf: Sind neue Beziehungen komplizierter für eine Frau mit Körperbehinderung?

Cowan: Ich habe einige Beziehungen mit Männern mit Behinderungen gehabt, das ist weniger fremd. Manche Männer ohne Behinderung finden mich zwar attraktiv, aber scheuen sich vor mir, weil ich mich anders fortbewege. Das kann sehr verwirrend sein. Mit jedem, den man neu kennenlernt, muss man eine Verbindung schaffen, dann verschwinden diese anfänglichen Ängste. Unser größtes Sexualorgan ist sowieso unser Gehirn.

SPIEGEL: Ihre Show heißt "Manifest des guten Krüppels". Was steckt dahinter?

Cowan: In der "crip culture" versuchen wir, das Wort "Krüppel" zurückzuerobern. Ein guter Krüppel ist angepasst und versucht, sich brav in die nichtbehinderte Gesellschaft einzufügen. Man ist geschmeidig und gesellig, damit sich die anderen besser fühlen. Der schlechte Krüppel dagegen genießt es, sich nicht für sein Anderssein zu entschuldigen.

SPIEGEL: Was sind Sie, gut oder schlecht?

Cowan: Beides. Ich hinterfrage binäres Denken, da wir uns alle auf einem Spektrum bewegen und nicht unter einem Etikett geführt werden wollen. Das tun wir zwar selbst, wenn wir uns als Minderheit definieren, das stimmt - aber eben, weil das aus politischen Gründen wichtig sein kann. Meine Arbeit besteht darin, die Vorstellungen über Menschen zu ändern, die mit "Behinderung" identifiziert werden.

SPIEGEL: Welche Vorstellungen sind das?

Cowan: Dass wir keine normalen Sachen machen - dass wir etwa nicht arbeiten, nicht auf Konzerte gehen, dass wir keine sexuellen Beziehungen führen. Diese Vorstellungen bilden sich zwar aus Unwissenheit, aber dahinter steckt die Etikettierung als "anders". Damit tun wir uns schwer. Wie bewegen wir uns damit? Ich setze diese Bewegung in Tanz um und habe meine Karriere darauf aufgebaut.

SPIEGEL: Sie benutzen auch häufig den Begriff "Inspiration Porn" - was genau ist das?

Cowan: Der Begriff stammt aus der Krüppel-Bewegung: Es bezieht sich zum Beispiel auf Bilder von Behinderten, die dazu benutzt werden, Nichtbehinderte zu motivieren - etwa ein Foto von einem Kind mit Beinprothese, das einen Marathon läuft, und darauf den Spruch "Deine einzige Einschränkung ist deine Einstellung". Das ist herablassend, genauso, wie Behinderte dafür abzufeiern, dass sie ganz normale Sachen machen wie heiraten oder Sport.

SPIEGEL: Jetzt haben Sie sich einen Rekord erforscht: Sie sind die erste Querschnittsgelähmte der Welt mit einem Doktortitel in Tanz.

Cowan: Es gibt allerdings eine Tänzerin mit einer Hand, die auch einen Doktor in Tanz gemacht hat. Meine Promotion war Praxisarbeit als Forschung, das Thema hieß "Choreographie durch eine expandierte Körperwirklichkeit". Ich bin dafür in queere Politik und Pluralismustheorien eingetaucht. Diese radikalen Konzepte habe ich dann in einer Reihe von Aufführungen verkörpert. Das war ein sehr intensiver Prozess.

SPIEGEL: Welche Reaktionen bekommen Sie, wenn Sie als Beruf "Tänzerin" angeben?

Cowan: Kommt ganz darauf an, wo ich bin. Wenn ich Einreiseformulare in Ex-Ostblockstaaten ausgefüllt habe, bekam ich manchmal Blicke, als ob ich mir einen schlechten Scherz erlaube. Und in Asien starrte mich im Lift eine Reinigungskraft an und fragte: "Was ist passiert?" Als ob dieser eine Moment vor 29 Jahren der einzig entscheidende meines Lebens war. Das reduziert.

SPIEGEL: Rennen Sie jemals in Ihren Träumen?

Cowan: Ich laufe, fliege und fahre Rollstuhl. Fliegen gefällt mir am besten.