Sybille Berg über Schutz und Gesetz - DER SPIEGEL
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Sibylle Berg

meinung •S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wer schützt uns vor unseren Beschützern?

Regierungen? Zu konservativ, zu langsam, reden nur von Toleranz. Sie versagen, wenn es darum geht, die Schwachen zu schützen. Jetzt muss ich wohl ran.
Händehaltendes Paar
Händehaltendes Paar

Händehaltendes Paar

Foto: David Silverman/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich würde gerne alle beschützen. Die Alten und Kleinen, die Schwachen, die Kranken. Und die Angst würde ich gerne denen nehmen, die lieben, egal wen, und die nicht wagen, einander zu küssen und an den Händen zu halten, weil der, den sie lieben oder die, ein Geschlecht haben oder keins, oder das falsche  - aber wer bestimmt das?

Das angeblich Normale bestimmt das. Das machen wir immer so, das gehört sich so, selbst in der Bibel steht, im Koran steht, in der Tora steht... Das angeblich Normale setzt sich aus dem kleinsten gemeinsamen Vielfachen von Vorurteilen und Aberglaube zusammen. Es wohnt in den Köpfen jener, die zu träge sind, sich zu hinterfragen.

Ich würde gerne alle schützen, vor einer Regierung, die Menschen, die einander lieben, die Ehe verweigert, weil sie sich eine alte Religion ins Logo geschrieben hat , die vor Hunderten von Jahren taugte, um den Menschen die Angst vor dem Gewitter und dem Tod zu nehmen. Weil die Angst vor einem höheren Wesen die Menschen hervorragend manipulierbar macht.

Ich würde gerne alle beschützen, die sich in der Welt nicht mehr zurechtfinden, in der Menschen mit ein paar Pigmenten mehr als der keltische Hauttyp mit Schreckschusspistolen gejagt oder mit Schlägen bearbeitet werden, in der jede Frau mit asiatischem Aussehen von Männern für käuflich gehalten wird, in der Kinder gequält und in Kellern gehalten werden und Alte in Heimen mit der Wand reden. Männer möchte ich vor sich beschützen, weil sie meinen, versagt zu haben, in einer Zeit, in der fast jeder nur versagen kann, schützen vor sich selbst, ehe sie aggressiv werden. Aus diesem Gefühl heraus, den Anschluss verpasst zu haben, und die darum die anderen hassen, die schuld sind. Die sind nicht schuld.

Wir müssen Gesetze einhalten - für Fortschritt und Offenheit

Es gibt keinen Schuldigen mehr in dieser Zeit, die keine Arbeiter mehr braucht, keinen Mittelstand, nur noch Konsumenten, und wenn das nicht mehr klappt - seid ihr unbrauchbar. All die Unbrauchbaren würde ich gerne beschützen, ein Heer bilden mit ihnen, das sich verweigert. Und wieder glaubt, dass die Welt ein noch zu rettender Planet ist, in dem man sich mit Freundlichkeit begegnen kann. Regierungen scheinen überholt, sie sind zu langsam, zu konservativ, sie können ihre Wähler nicht mehr verstehen, nicht schützen, sie quatschen nach jedem Terrorakt, nach jedem Scheißdreck, von Toleranz. WTF.

Leute, die nicht dem Bild einer Magarinewerbung entsprechen, brauchen keine Toleranz. Sie sind gleichberechtigt. Sie sollten es sein, weil sie in einem aufgeklärten, demokratischen Land leben. Deutschland, die Schweiz, Österreich; Länder, deren Bewohner bei allem Genörgel stolz sind auf ihre gelebte Fortschrittlichkeit und Offenheit. Ihre gewählten Vertreter in den Regierungen sollten sich ihrer Vorbildwirkung bewusst sein, indem sie ihre Bewohner ernst nehmen. Sie mit konsequent angewendeten Gesetzen vor Verbrechern schützen, gleich, ob die schon lange in Europa leben oder als Flüchtlinge neu dazukommen. Sie können mit ihrem Toleranzgelabere aufhören und allen die gleichen Rechte und Pflichten geben: Das Recht, im Rahmen der Gesetze zu leben, wie und als was man will, zu sterben, wann man will, zu lieben, wen man will - die Pflicht, Gesetze einzuhalten.

Dafür wurde die Regierung gewählt, und nicht, um Spießer vor der Wahrheit zu beschützen, dass es andere Lebensformen gibt, dass es Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Religionen gibt. Dass es Krankheit gibt und Tod. Solange wir solche Regierungen nicht haben, weil die nur Menschen sind, weil die wiedergewählt werden wollen, so lange muss ich eben ran.

Ich möchte alle beschützen, die freundlich sind, die andere in Ruhe lassen, die in ihrem kurzen Leben lieben können, wen sie wollen, und nachts gehen, wohin sie mögen, und sich streicheln, wann immer sie Lust dazu haben. Ich gehe jetzt trainieren.

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Foto: SPIEGEL ONLINE