Tabubruch "FTD" empfiehlt Stoiber
Hamburg - Sie kommt erst auf Seite 27, nimmt jedoch eine ganze Seite ein: die mit Spannung erwartete Wahlempfehlung der "FTD". "Zeit für einen Wechsel" überschreibt die "FTD" den namenlosen Leitartikel, der angeblich die Meinung der Redaktion widerspiegelt. Allerdings, so gab auch Chefredakteur Christoph Keese im "ZDF-Morgenmagazin" zu: "In der Regel werden Entscheidungen in der Leitartikelkonferenz einvernehmlich gefällt. Hier musste jedoch die Chefredaktion entscheiden."
Trotz großen Lobs für die Grünen, von denen die meisten Reformimpulse in den vergangenen Jahren ausgegangen seien, und scharfer Kritik an den Spitzenpolitikern der FDP empfiehlt die Zeitung schließlich einen Regierungswechsel. "Trotz aller Bedenken bietet die Union die besten Aussichten für eine Politik, die Wachstum und internationale Integration in den Mittelpunkt stellt", heißt es in dem Leitartikel. Deshalb gelte "unsere Stimme" der CDU.
Dass den Verfassern diese Empfehlung nicht leicht gefallen ist, ist offenkundig: "Erreicht die Union ausreichend Stimmen, um die rot-grüne Regierung abzulösen, gäbe es wohl eine Koalition mit den Liberalen - jener Partei, die wir auf Grund ihres Personals für kaum wählbar halten", schließt der Artikel. "Und just die Grünen, deren Reformwillen wir bei aller Kritik anerkennen, würden in die Opposition gehen." Aber dem Wechsel zuliebe seien diese Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Stoibers Positionen in der Außen- und Wirtschaftspolitik seien ausschlaggebend gewesen, hatte Keeses Chefredakteurs-Kollege, Wolfgang Münchau, schon tags zuvor im "Tagesspiegel" verraten.
Als Rechtfertigung für den Tabubruch im deutschen Journalismus führt die "FTD" angelsächsische Beispiele an: In den USA ist es durchaus üblich, dass Zeitungen vor allem in Kleinstädten ihren Lesern Wahlhilfen anbieten. Der Katalog der Posten, die bei einer Wahl zu bestimmen sind, ist häufig ellenlang - er reicht vom Sheriff über den Bezirksstaatsanwalt bis zum Kongressabgeordneten. Da werden Orientierungshilfen gerne beachtet.
Das Problem bei der "FTD": Das gefällte Votum hat die Redaktion entzweit. Bei der vorliegenden Empfehlung habe es eine hoch engagierte Diskussion, aber keinen Konsens gegeben, schreibt die Zeitung. "Daher wählte die Chefredaktion unter den diskutierten Positionen diejenige aus, die aus ihrer Sicht am ehesten in der Linie der FTD steht."
Die bei der "FTD" jedoch, die sich von Berufs wegen am meisten mit Politik beschäftigen, teilen diese Ansicht nicht. Der übergroße Teil der Politikredaktion, so Ressortleiter Hanke, habe für Schröder votiert. Einige Redakteure zeigen sich deshalb bereits verbittert über die harte Linie der Chefredaktion: "Wenn die die Union wollen, dann sollen sie mit ihrem eigenen Namen unterschreiben", beschwert sich einer. "Ich kann mich nicht mehr mit der Zeitung identifizieren", klagt ein anderer.
Keese ist indes um Schadensbegrenzung bemüht. In den kommenden Tagen sollen nun auch abweichende Meinungen zu Wort kommen. Schon am Dienstag wird ein Sondervotum des Politik-Ressorts abgedruckt. Und auch die "FTD"-Leser sind aufgerufen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Unter leserbriefe@ftd.de erwartet sich die Chefredaktion Zustimmung und Widerspruch ihrer Leser.