Tageskarte Klassik Schatzsuche am Rande
Geheimnisvoll in den Tiefen beginnt es. Sonor stimmen Cello und Klavier eine herzerwärmende Bass-Melodie an; erst nach ein paar Takten singt auch die Geige mit, aber dann folgt sehr bald der erste in Terzen glühende Ausbruch der Leidenschaft. Edel kontrapunktisch und stimmungssatt, klingt dieser Klaviertrio-Anfang fast täuschend wie ein neuentdecktes Opus des reifen Brahms.
Kein Wunder, denn sein Komponist Heinrich von Herzogenberg (1843 bis 1900) hatte an dessen Werken geradezu eine Bekehrung erlebt: Programmatisch gegen den expressiven Stil der "Zukunftsmusiker" um Liszt und Wagner setzte der Mann aus Graz seit 1872, dem Jahr seiner Übersiedlung in die Musikmetropole Leipzig, auf soliden Traditionalismus, Variationskunst und perfekte Formensprache, durchaus auch mit volkstümlichen Elementen. Wer seinen beiden Trios lauscht, kann ins Träumen geraten über so viel unbedrohte Meisterschaft in bürgerlicher Harmonie. Nur: Wann sind Herzogenbergs Stücke schon zu hören? Im Konzertsaal jedenfalls so gut wie nie. Für nahezu jede wichtige Kammermusik-Gattung hat sein Vorbild Brahms mindestens ein dankbares Werk hinterlassen, und wer es sentimentaler liebt, ist bei Antonin Dvorák gewöhnlich bestens bedient.
So wirkt es geradezu mutig, dass sich das junge Atos Trio unlängst Herzogenbergs von Insidern als "Nischenrepertoire" abgehakten Stücke vorgenommen hat. Fulminant zeigen Annette von Hehn (Violine), Stefan Heinemeyer (Cello) und Thomas Hoppe (Klavier) dabei ihr Können: Zarte Übergänge, perfekte Dynamik und überhaupt ein Zusammenspiel wie aus einem Guss machen die Klangarbeit zu einem Erlebnis.
Wie schon andere legendäre Ensembles, die als Schatzsucher anfingen, bis sie ins Zentrum dauerhaften Ruhms vorgedrungen waren, möchten offenbar auch diese erst seit fünf Jahren verbündeten, aber schon vielfach gelobten und mit Preisen geradezu überhäuften Könner das Feld vom Rand her aufrollen. Feinschmecker der Kammermusik, die mitbekommen möchten, was sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch für Funde machen lassen, sollten jedenfalls in nächster Zeit das Atos Trio im Auge, oder besser im Ohr behalten: Noch dieses Jahr wollen sich die drei weiteren lohnenden Seltenheiten widmen.
CD Heinrich von Herzogenberg: "Klaviertrios" Nr. 1 c-moll und Nr. 2 d-moll mit dem Atos Trio (cpo).