Tageskarte Küche: Aprilscherzkekse - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Tageskarte Küche Aprilscherzkekse

Wer nach der Lektüre des folgenden Rezepts "Schwachsinn" ruft, hat Recht. Wem Tränen der Vorfreude im Auge stehen, ebenfalls. Denn wer würde nicht gern mal drei Wurzelseppen verspeisen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das einzig Gute am 1. April ist, dass man nur ein Mal reinfällt. Erst acht Jahre war ich alt, doch schon seit Monaten quengelte ich herum, weil die Erwachsenen ständig etwas tranken, das ich nicht haben durfte. Doch nun sollte der große Moment kommen für mein erstes Bier. Feierlichen Schrittes kam mein Vater in die Küche, hob die dunkle Flasche in die Höhe, schenkte mit weit ausladender Bewegung meinen Kinderhumpen voll und reichte ihn mir mit einem beherzten "Prost, mein Sohn!". Auf einem vergilbten Super-8-Film ist mein angewidertes Gesicht ob des ungezuckerten Kamillentees im Babybierkrug ebenso verewigt wie das hämische "April April" meiner Eltern und Geschwister auf der Tonspur. Ich hatte begriffen: Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.

Ja, gut, das war die Zeit, als noch Hunderte von Tageszeitungslesern zu der am 1.4. vermeldeten Meteoritenabsturzstelle auf dem Marktplatz strömten, als Buben und Mädchen bei Hinweisen wie "Dein Unterrock schaut hinten raus" oder "Dein Hosentürl steht offen" zart erröteten. Doch keiner soll glauben, er sei trotz des nachlassenden Interesses an Aprilscherzen resistent gegen diesen in den meisten westeuropäischen Ländern und den USA seit Jahrhunderten verbürgten Brauch. Nein, es kann jeden treffen, einfachere Gemüter wie Hobbyköche zu aller vorderst. Die Küche, das kann so mancher Koch mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht bestätigen, ist ja von jeher ein prima Ort für derbe Späße. Nicht nur am 1. April werden die tagelang geruchsdicht eingeschweißt vor sich hin gammelnden Fischköpfe ausgepackt und in der Schürzentasche des Kollegen versteckt - oder ein Topf mit Aluboden auf den Induktionsherd gestellt, um "mal eben eine Suppe zu kochen, aber zackig!".

Und wenn ich Ihnen verrate, dass das heutige Rezept nur funktioniert, wenn Sie sich das erst seit wenigen Wochen in Europa zugelassene, im Thermosublimationsverfahren gewonnene Nuchi-masu-Salz  aus Okinawa besorgen, das feiner staubt als Puderzucker und die selbstgedörrten Rote-Bete-Chips in den kulinarischen Sternenhimmel schießt - April, April? Oder glauben Sie lieber dem Ernährungsexperten, der Sie in der Wissenschaftssendung auf Vox warnt: "Wenn man Nudeln zu lange kocht, meine Damen und Herren, dann werden sie nicht nur matschig, sondern saugen sich mit dem gefährlichen Lebergift Dihydrogen-Monoxid  voll." Wie? Nie gehört? Wohl mal wieder die Chemiestunde geschwänzt? Das ist H2O. Waschechtes Aprilwasser.

Auch das nachfolgende Rezept, in aller Aprilscherzboldigkeit krachledern annonciert als "Drei Wurzelseppen", balanciert schwankend auf der Haarlinie zwischen Wahn und Witz: Für diese drei lustigen Gaumenkitzler, die auch der ehrfürchtigste Gast in fünf Minuten vertilgt hat, steht der Hobbykoch-Autist insgesamt eineinhalb Tage in der Küche. Wer da "Schwachsinn" ruft, hat Recht. Wem Tränen der Vorfreude im Auge stehen, ebenfalls.

Rezept für Drei Wurzelseppen (Vorspeise für 4 Personen)

Zubereitungszeit: 3,5 Stunden plus diverse Gefrierzeiten

Schwierigkeitsgrad: sauschwer

Zutaten: 3 Bund glatte Petersilie, 1 Petersilienwurzel, 300ml klare Gemüsebrühe, 1/4 Tl Selleriesalz, 5g Gellan (E418 - rein pflanzliches Geliermittel  aus der Ferran-Adria-Serie Texturas oder bei bosfood ) 200 ml Madeira-Wein, 1g Agar-Pulver (aus dem Reformhaus oder Molekular-Textura "Agar"; E406); 5 große rote Bete, 200ml Portwein, 2 ganze Sternanis, 50 ml alter Sherryessig, 1/2 Tl gemahlener Curcuma, 2 Tl rotes Hibiskussalz , 150g Foie Gras d'Oie Entier (Gänseleber in hoher Blockform, flache Scheiben sind ungeeignet); 1 sehr große Pastinake, 1/2 Tl Bockshornkleesamen, 300ml Geflügelbrühe, weißer Pfeffer aus der Mühle, 250l trockener Rotwein, 150 ml Sahne, 1/2 Tl Rosensalz , 1El Sauerkirschtopping (z.B. " Fabbri Mini Top Amarena" - gibt's für kleine Münze im italienischen Feinkostgeschäft oder bei vinondolo ), 1 El grober, brauner Rohrzucker, 100 ml dunkler Balsamicoessig

Zubereitung:

Petersiliengelee: Blattpetersilie gut waschen und abtropfen, 2 Bund mit Stielen fein hacken. Petersilienwurzel vom Ansatz befreien, schälen, fein würfeln. Beides in der Gemüsebrühe plus 200 ml Wasser und dem Selleriesalz 20 Minuten bei niedriger Hitze weich kochen, durch Sieb abseihen, leicht ausdrücken (es sollte möglichst klarer Saft übrig bleiben). In dieser Brühe die restliche Petersilie (ohne Stiele fein gehackt) 5 Minuten stark aufkochen, mit Schneidstab oder im Mixer pürieren, erst durch feines Sieb und danach nochmals durch ein Leintuch abseihen. Saft auf Zimmertemperatur abkühlen. 250 Gramm davon abwiegen, mit dem Gellan gut verrühren (Schneebesen, nicht mit Elektromixer), 45 min quellen lassen. Langsam auf 85 Grad erhitzen (mit Bratthermometer kontrollieren), in eine mit Klarsichtfolie ausgelegte rechteckige Form füllen, mindestens 3 Stunden kalt stellen.

Bete-Eis, Chips und Zylinder: Am Vortag 4 Bete gründlich waschen, nass in Backofen legen und bei 200 Grad 50 Minuten gar backen, komplett auskühlen lassen, schälen (Tipp: bei Bete-Verarbeitung dünne Latexhandschuhe tragen - sie färben stark). Bei 3 Wurzeln Stilansatz und gegenüberliegende Rundung parallel abschneiden, auf Schnittfläche legen. Mit einem runden hohen Ausstecher von ca. 4 cm Durchmesser insgesamt drei exakte Zylinder ausstechen, Reste aufheben. Zylinder in exakt gleich dünne (ca. 5 mm) Taler schneiden (geht auch mit einem Eierschneider). Die Hälfte der Abschnitte mit Portwein, Sternanis, Sherryessig, Curcuma und Hibiskussalz aufkochen, im Mixer pürieren, etwas abkühlen lassen. Die Bete-Taler über Nacht im Kühlschrank darin marinieren.

Rest der Abschnitte und vierte Wurzel klein schneiden, 20 Minuten im Wein köcheln, im Mixer pürieren, durch feines Sieb ziehen, Flüssigkeit aufkochen, Sahne und Rosensalz dazu geben, alles leise auf 200 ml einkochen, am Ende das Sauerkirschtopping mit Schneidstab einmixen. Masse in Eismaschine gefrieren lassen (oder in Schüssel im Gefrierfach - alle 20 Minuten kurz umrühren).

Am Folgetag die verbleibende Bete-Wurzel roh schälen (dabei so viel abschälen, bis eine gleichmäßige Form entsteht. Hälftig teilen. Hälften mit den großen Seiten über Küchenhobel dünn hobeln (es werden nur 4 Scheiben gebraucht, sicherheitshalber aber 12 vorbereiten), auf Küchenkrepp verteilen, beidseitig stark mit gesiebtem Puderzucker bestreuen, schwitzen lassen, mit Krepp abtupfen, auf Backpapier bei 85 Grad 2 Stunden im Backofen trocknen, nach 1 Stunde wenden. Eine Scheibe testweise entnehmen, abkühlen lassen, probieren - wenn sie noch nicht kross ist, weitere 30 Minuten trocknen. Herausnehmen, abkühlen lassen, beidseitig mit dem Nuchi-masu-Salzpulver bestreuen, in luftdicht abgeschlossenem Gefäß bis zum Servieren aufheben.

Die Bete-Taler abbrausen, sehr gut abtrocknen (auf Küchenkrepp). Foie Gras 20 Minuten im Gefrierfach kurz anfrieren, mit dem für die Bete benutzten Ausstecher Zylinder ausstechen. Reste evtl. verkneten und erneut ausstechen. Ebenfalls in gleich dünne Taler schneiden (Eierschneider). Abwechselnd Bete und Foie Gras zu Türmchen aufschichten, zügig arbeiten, da die Foie Gras schnell schmilzt. Leicht zusammendrücken. Mit sehr scharfem, dünnen Messer mittig teilen, abgedeckt im Kühlschrank bis zum Servieren aufheben.

Madeira-Gel: Wein und Agar vermengen, bei mittlerer Hitze zum Kochen bringen (ständig rühren!). In flache, mit Folie ausgelegte Form füllen, mindestens 2 Stunden im Kühlschrank ausgelieren lassen.

Balsamicoreduktion: In beschichteter Pfanne bei mittlerer Hitze Zucker vollständig flüssig werden lassen, mit dem Essig löschen (stark rühren!) und langsam auf honigartige Konsistenz einkochen.

Pastinakentaler: Bei den Pastinaken an der dicken Seite den Strunk großzügig abschneiden, den dünneren Teil abschneiden, mit Schäler den Rest auf gleiche Dicke bringen (4-5 cm Durchmesser), in 1,5 cm gleichmäßig dicke Taler schneiden. Mit dem Bockshornkleesamen und dem weißen Pfeffer 5 Min. in kochender Geflügelbrühe blanchieren, danach über der Brühe im Dünstgerät (oder Sieb über Topf) al dente garen (nicht zu hart, aber etwas Biss). Kleines Küchenbrett mit 4 Backpapierquadraten (5x5 cm) belegen, Bete-Eis so weit antauen lassen, dass es sich durch eine Gebäckspritze pressen lässt. 4 hohe Türmchen auf die Backpapiere spritzen, sofort wieder für 15 Minuten im Gefrierfach nachfrieren lassen.

Anrichten: Madeiragelee mit Messer fein hacken, auf rechteckigem Teller zu einer langen Spur ziehen. Mittig mit geöffneten Flanken (siehe Foto) die Betezylinderhälften drapieren, in der Mitte mit einem Punkt Balsamicoreduktion dekorieren. Petersiliengelee auf Brett stürzen, Folie entfernen, mit dünnem, scharfen Messer 4 gleich große, exakte Quader (ca. 5xcm) abschneiden. Quader zusammen mit den Pastinakentalern kurz (ca. 2 Min.) unter dem Backofengrill (nicht zu naher Abstand!) erhitzen. In dieser Zeit Bete-Eistürmchen aus dem Gefrierfach holen, Betechips zurecht legen. Geleequader und Pastinake rechts und links vom Bete-Zylinder anlegen, Betechip in Gelee stecken, Eis vom Backpapier auf heiße Pastinake schieben, so schnell wie möglich servieren.

Küchen-Klang: Die viele Zeit in der Küche lässt sich prima vertreiben mit der neuen 3-Disc-Edition von Simply Reds Klassiker "Stars" (Warner Music) inklusive des incredibilen Nelle-Hooper-Remix von "Thrill Me" auf Bonus-CD plus einer fetten Live-DVD (während der Gefrierzeiten). Zum Finale vor dem Servieren brauchen wir mehr Power - und greifen zu dem Energieriegel "Funplex" (Astralwerks/EMI) der wiederbelebten Wavepunks B-52's.

Getränketipp: Um das Adrenalin des nun völlig nervenflatternden Hobbykochs und seiner ob der postmodernen Essensbildhauerskulpturen auf dem Teller nicht minder erregten Mitesser auf die Spitze zu treiben, darf man eigentlich nichts minderes als einen staubtrockenen Rose-Champagner wie dem wunderbaren Louis Regnier Grande Réserve Brut Rosé ins Glas lassen.

Mehr lesen über