Tageskarte Küche: Doppelt geschraubte Doping-Rolle - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Tageskarte Küche Doppelt geschraubte Doping-Rolle

Zwischen dreifach geschraubten Aua-Bachern mit Aufschrei, steroiden Siebenkämpfern und anderen Mutanten der Freakshow namens "Olympia" müssen auch wir zum Abschluss der Spiele ordentlich dopen: mit Cha Gio Viet Nam.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn der Unterschied zwischen 10,0 und 9,7 Sekunden auf 100 Meter tatsächlich, wie der mexikanische Sport-Spin-Doktor Angel Heredia behauptet, "nur die Drogen sind", wüssten wir als langjährige Kostverächterverächter doch gern mal, was sich Typen wie das jamaikanische Sprintwunder Usain Bolt das ganze Jahr über so reinpfeifen. THC-triefendes Ganja aus den Blue Mountains wird es ja wohl nicht sein, dann bräuchte er gefühlte 9,7 Stunden für die Königsdistanz.

Köche – Hobbyisten wie Profis – dopen sich bekanntlich mit anderem Stoff. Eckart Witzigmann zum Beispiel, in den neunziger Jahren immerhin neben Paul Bocuse, Joël Robuchon und Frédy Girardet vom Gault-Millau zum offiziellen "Koch des Jahrhunderts" geadelt, verlor wegen sechs Gramm Kokain die Restaurant-Konzession für seinen Münchner Schlemmertempel "Aubergine" und um ein Haar seine Bürgerrechte auf Zeit (zwei Jahre auf Bewährung). Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: sechs Gramm! Damit kriegen Schnee-Königinnen wie Lindsay Lohan oder Kate Moss nicht mal das linke Nasenloch voll!

Doping in der Küche dient dabei ähnlichen Zwecken wie im Trainingslager: durchhalten, immer besser, immer weiter, immer schneller.

Nach den zwei Riesenfelgen, dem Kolman-Salto, dem Stalder-Rybalko, dem Markelov, ein paar Tkatschews plus weiteren Riesenfelgen dann auch noch ansetzen zum finalen Reck-Abgang – das fällt einem Fabian Hambüchen ungedopt schwer.

Fast so schwer wie einem Harald Wohlfahrt das Fünfgangmenü "Terrine vom Lachs, Sankt-Jakobsmuscheln und Zwiebellauch an Limettenvinaigrette", "Essenz von der Barbarieente mit Entenleberraviolo und Enokipilzen", "Blanquette von Seezunge und Gillardeau-Austern mit leichter Kokosnussnage, Kafirblättern sowie Pepperoniwürfeln", "Kartoffeltourte mit Kalbsbries, Entenleber und Perigordtrüffel an Trüffeljus" bis hin zum finalen Abgang mit "Knusperspirale mit Bananen-Kardamonsorbet, Air von Arabica-Kaffee und Schokoladenkrümel mit salzigen Erdnüssen".

Der eine schafft damit Bronze in Peking, der andere Gold in Baiersbronn. Beide hantieren nur mit legalen Substanzen. Und sind hinterher ziemlich platt.

Damit uns Olympia-Marathon-TV-Guckern zumindest Letzteres nicht passiert, auch nicht nach den Spielen, empfiehlt sich für alle, die in sämtlichen Sportarten vor dem Fernsehschirm stets die volle Distanz gehen, also weder Wohlfahrts triathletisches Sternemenü noch die Nudel-Gemüse-Fleisch-Mast der deutschen Athleten. Wer so viel im Sitzen schafft, braucht was Leichtes. Passenderweise vom China-Service um die Ecke also?

Weit gefehlt. Während in weiten Teilen Asiens die Mehrzahl der angebotenen Speisen tatsächlich (zumindest aus deutscher Saumagenschweinsbratensahnetorte-Sicht) eher das Prädikat "leicht" verdienen, kredenzen uns die heimischen Chinamänner zumeist nur fettig-glutamatige Kalorienbomben mit viel, viel, viel zu viel Reisbeilage.

Die ohnehin schon dickschwartige Ente trieft vom Bratfett in ihrer Zucker-Mononatriumglutamat-Pampe "süß sauer", während der ja eigentlich recht bekömmliche Fisch als handliche Würfel in den dicken Mehlteig getaucht wird und sich dann im Frittierwok mit dem gleichen Öl vollsaugt, das kurz zuvor schon die Wan Tans und Frühlingsrollen auf dem Abtropfrost nicht wirklich los geworden sind. Auf Krepp entfetten? Ei Wei!

Da nehmen wir uns lieber an den Vietnamesen ein Beispiel. Die haben zwar nur im Gewichtheben der Dünnen-Hemden-Klasse (Männer bis 56 kg; Silber für Hoang Anh Tuan) eine Medaille geholt, dafür leben sie unter dem Strich besser und gesünder als die meisten olympischen Nationen. Zumindest beim Frühlingsrollensiebenkampf. Denn in Hanoi wirft keiner den Gasbrenner an und dreht den Fetthahn auf, wenn er lecker gefüllte Reispapierröllchen naschen will.

Nachfolgendes Rezept für Cha Gio Viet Nam ist so federleicht, dass ich nach dem Verzehr sogar gegen den Badminton-Chinesen Lin Dan eine goldene Chance hätte.

Als Ball.

Rezept für Cha Gio Viet Nam (kalte Vorspeise für 4 oder Alleingericht für 2 Personen)

Zubereitungszeit: 30 Minuten

Schwierigkeitsgrad: leicht

Zutaten: 1 Packung Bahn Trang Viet Nam (je nach Belieben rundes oder eckiges Reispapier aus dem Asia-Laden); je 200 g in sehr dünne Längsstreifen geschnittene Frühlingszwiebeln und Karotten, 50 g frischer Ingwer in dünnen Stiften, 250 g Enokipilze (zarte, weiße Pilze mit langen Stielen und kleinen Köpfchen), 1 kleine Dose Bambus-Sprossen (in feine Streifen geschnitten), 4 El klein gehackter frischer Koriander; 3 Zehen vom chinesischen Knoblauch, 500 ml Erdnussöl; 2 Packungen Partygarnelen, 1 Packung Flusskrebsfleisch (besser: 12 frische Garnelen, geschält und gekocht, in 2 cm große Stücke geschnitten), Saft von 1/2 Limone, 1/2 Tl Kaffirlimettenblätterpulver, 400 g Hühnerkeulenfleisch; 100 g dünne Glasnudeln; 100 g Sojasprossen, 1 El Erdnussöl, 2 El klein gehackte Cashew-Kerne, 1 kleine, fein gehackte Chilischote, 1 El Sojasauce (ohne Zucker); 1/2 Glas Nuoc Mam Sauce (oder selbst gemacht: 1 Knoblauchzehe, 2 kleine Chilischoten, Fruchtfleisch von 1 Limone ohne Kerne und Schale mit 1 Tl Zucker, 1 El Wasser, 1 El Reisessig und 1 Tasse Fischsauce im Mixer fein pürieren), je 1/2 Glas Hoi Sin Sauce, Ginger-Garlic Sauce und Sate Sauce (alles aus dem Asia-Markt).

Zubereitung: Glasnudeln 10 Min. in Salzwasser kochen, abgießen, erkalten lassen. Gemüse in feinste Längsstreifen schneiden, Enokipilze mit Bürste trocken abbürsten, Wurzelstock großzügig abschneiden (darf nicht gegessen werden), Gemüse auf Anrichtplatte beiseite stellen. Knoblauch schälen, in feine Stückchen schneiden, bei 160 Grad im Erdnussöl goldbraun frittieren, auf Küchenkrepp vollständig entfetten, leicht salzen. Garnelen und Flusskrebse im Limonensaft marinieren, mit etwas Kaffirlimettenblätterpulver würzen. Hühnerkeulenfleisch ohne Haut in feine Längsstreifen schneiden, mit wenig Erdnussöl kross braten, am Ende mit etwas Sojasauce und Kaffirlimettenblätterpulver würzen, auf Krepp entfetten, vollständig erkalten lassen. Sojasprossen im sehr heißen Öl zusammen mit den Nüssen und den Chilis 1 Min. anrösten, mit Sojasauce ablöschen, erkalten lassen.

Anrichten: Reispapier einzeln je 30 Sek. in kaltem Wasser einweichen, auf großen, feuchten Teller legen, Zutaten nach Belieben gemischt in die Mitte setzen, rechts und links je mindestens 3 cm frei lassen. Seiten einklappen, Rest straff zusammenrollen. Frühlingsrolle auf Anrichteplatte servieren, jeder Gast bekommt vier Schüsselchen mit den Saucen. Die Rollen werden mit der Hand direkt (oder in je 1 großes Salatblatt gewickelt) in die Sauce gedippt und gegessen.

Unterhaltsamer und interaktiver ist die Erlebnisvariante: Alle Zutaten plus zwei Schalen mit kaltem Wasser auf den Tisch stellen – jeder Gast weicht sein Reispapier ein und stellt sich seine Rollen selbst zusammen (eine nette Anleitung dazu gibt's auf youtube ).

Küchen-Klang: Eine schöne Alternative zum klassischen Vietnamesischen Singspiel könnte der relaxte Surfersound von "Pass It Around" (Lost Highway/Universal) abgeben, den Sunnyboy Donavon Frankenreiter lässig aus seinem Gitarrenkoffer aufsteigen lässt. Mehr Fleisch? Da hilft Ex-Manowar Ross The Boss mit dem unglaublich authentisch vokuhilamäßig loskrachenden Hardrock auf "New Metal Leader" (AFM/Soulfood Music) weiter.

Getränketipp: Ja, es gibt Dutzende von Weißwein-Fruchtbomben, die gut zu asiatischem Essen passen. Wir fanden es viel lustiger, die am Tisch selbst gerollten Cha Gio Viet Nam mit eiskaltem "Saigon Export"-Bier aus der Flasche runterzuspülen, das zum Glück noch den alten Namen von Thanh pho Ho Chi Minh (Ho-Chi-Minh-Stadt) trägt.

Mehr lesen über