Tageskarte Küche: Kill mit Dill! - DER SPIEGEL
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Tageskarte Küche Kill mit Dill!

Jahrelang waren sie von der Hochküche ins Hausfrauenexil verbannt, die aromatischen Spitzen, Samen und Blüten der Dillpflanze. Dabei kann das Gewürz weit mehr als nur die Nebenrolle in der grünen Sauce spielen. Geschickt eingesetzt wird der Dill zum Killerkraut.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ach, Sie wollten längst mal wieder all Ihre verstaubten Gläser aus dem Schrank holen und ordentlich aufpolieren; indes fehlte immer der letzte Impuls? Da gibt es einen todsicheren Geheimtipp: Einfach die komplette gläserne Aussteuer in die Spülmaschine schichten, in den oberen Spülkorb ein Tellerchen mit einem Teelöffel getrockneter Dillspitzen dazu stellen, Maschine durchlaufen lassen - und schon kleben an jedem Glas hartnäckig vertrocknete, braungrüne Reste, die sich nur durch intensivstes Polieren mit dem Leintuch beseitigen lassen. Und schwuppdiwupp strahlt alles wieder im tollen Glanz und endlich klappt's auch mit dem/der Nachbar/in.

Alle anderen, die, warum auch immer, glauben, ihre Hechtklößchen, ihre gedünsteten Flusskrebse, ihre Schmorgurken oder ihre Sauce Tartar mit getrockneten Dillspitzen, diesem staubigen, nach modrigen Sägespänen schmeckendem Gebrösel, würzen zu müssen, sei entgegen gerufen: Spült wenigstens Teller und Besteck unter fließendem Heißwasser ab, bevor der Kram in die Maschine wandert!

Dabei ist der Dill an sich gar keine besonders ausgeprägte Zicke. Allein, es verliert beim Trocknen all seine ätherischen Öle und Duftstoffe, die es im frischen Zustand nicht nur zu dem wohl besten Begleiter von nordischen Fisch/Krustentiergerichten macht. Aber Hand aufs Herz - verlieren wir alle nicht erheblich an Charme, wenn wir langsam austrocknen?

Den Dill an sich gibt es im engeren Sinn gar nicht, es sind stets gleich drei Gewürze, die uns die einjährig wachsende Dillpflanze (Anethum graveolens) beschert: die grünen, stark ätherisch-frisch und duftenden feinen Blätter (davon am besten nur die Spitzen verwenden), die nicht mehr nachwachsen, wenn die Pflanze erst einmal ihre ebenfalls wunderbar aromatischen, aber eher ins süßlich-fenchelige tendierenden gelbgrünen Blüten ausgetrieben hat, sowie am Ende des Wachstums die Samen (die streng genommen nur Früchte sind).

Letztere erinnern geschmacklich und in der Nase dezent an Kümmel, Fenchelsamen und Anis, was von der ähnlichen Verwandtschaftslinie als Doldenblütler (Apiaceae) herrührt. Bei indischen Kochbüchern ist hier Vorsicht geboten, denn die zentralasiatischen Dillsorten sind weitaus weniger aromatisch als unsere - hier also sicherheitshalber erst mal nur die Hälfte der angegebenen Mengen ins Essen matschen.

Seinen Namen bekam der Dill wahrscheinlich vom Altnordischen "dilla", was so viel wie "beruhigen" hieß. Entsprechend unaufgeregt ist auch seine Heilsgeschichte. Seit dem Mittelalter wird er als Aufguss, roh oder in Speisen von den Kräuterfrauen gereicht gegen Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Blähungen, Hämorrhoiden, Magenbeschwerden, Gebärmutterkrämpfe, Menstruationsbeschwerden, Geschwüre - haufenweise ekliges Zeugs zwischen Darmwinden und Feuchtgebietsstörungen also. Damit will keiner was zu tun haben.

Und noch ein anderer Aberglauben hemmt den Einsatz von Dill in der bekanntlich von Männern dominierten Hochküche. Dillpflanzen wurden in Klöstern gern in der Nähe der Fenster gesät, weil die Aromen angeblich die fleischlichen Begierden dämpfen. So schrieb auch Jacobus Theodorus Tabernaemontanus , Leibarzt des Bischofs von Speyer, 1564: " … / die so Kinder zu zeugen begehren / und auch sonsten den ehelichen Werken ungeschickt sind / die sollen des Dills müßig gehen / und in ihren Speisen nicht gebrauchen / … ."

Wir halten also fest: Frischer Dill fährt erstens dermaßen brutal die Geschmacksellenbogen aus, dass er außerhalb des multikräuterellen Frankfurter Allerlei "Grüne Soß" keinerlei andere Gewürze neben sich duldet. Zweitens hält er uns solange vom Geschlechtsverkehr ab, bis die Männer Hämorrhoiden und die Frauen Gebärmutterkrämpfe bekommen, welche umgehend mit auch nicht gerade lustfördernden Dill-Sitzbädern gelindert werden. Und drittens findet jeder Feinschmecker Dillhappen mindestens so begehrenswert wie, sagen wir, Girospizza rot-weiß mit Doppeltzatziki.

Am Ende des Tages also der ideale Ansporn für jeden mutigen Koch, aus diesem Kack-Kraut eine Sinfonie der Aromen und Texturen wie im nachfolgenden Rezept zu komponieren.

Alle anderen dürfen ihre tote Hose gerne anbehalten. Marke: Kill Dill.

Rezept für Dreierlei von der Salatgurke (Vorspeise für 4 Personen)

Zubereitungszeit: 45 Minuten (plus 2 Stunden Einweich/Gelierzeit)

Schwierigkeitsgrad: einfach

Zutaten: 2 große Bio-Salatgurken, 1 Bund frische Dillblätter, 8 Stengel frische Dillblüten, 1 Zitrone, 1 Tl Walnussöl (Tipp: Villa Masecri), 1 Tl brauner Roh-Rohrzucker, Meersalz, 1 El Orangenblütenhonig, 1 Tl Wasabipulver, 1 cm Wasabipaste aus der Tube, 0,8 g Agar-Agar (pflanzliches Geliermittel; E 406), 200 ml Milch, 100 ml Sahne, 6 g Lecite (Sojalecithin, E 322 – Texturas und Walnussöl z.B. über Gourmondo ); 2 Gaskapseln für den Isi-Sahnespender (ideal: der ISi Thermo Whip).

Zubereitung: Gurken-/Dillsalat: Gurken schälen (Schalen aufheben), längs halbieren, quer vierteln, Gurkenkerne mit einem Kugelausstecher herauskratzen (Kerne aufheben). Drei Gurkenviertel längs mit Küchenhobel in 4 mm dünne Scheiben hobeln. Scheiben längs in 4 mm dünne Streifen schneiden, Streifen in kleine Würfelchen schneiden. Vorsichtig salzen, gut umrühren, 15 Min. lang Saft ziehen lassen. Dill (nur die Spitzen, ohne Stiele) sehr fein hacken. Den Saft einer halben Zitronen mit Öl, Zucker, Gurkensaft, Dill und dem Honig verrühren, unter die Gurken heben, gut umrühren, bei Raumtemperatur 30 Min. ziehen lassen, am Ende mit etwas Pfeffer aus der Mühle abschmecken.

Gurkengelee: Gurkenschalen klein schneiden, 2 Gurkenviertel grob würfeln und zusammen mit Schalen, Kernen und 3 El Wasser aufkochen. 1 Tl Meersalz und das Wasabipulver unterrühren, 15 Min. leise köcheln lassen. Vom Herd nehmen und weitere 15 Min. ziehen lassen. Mit Schneidstab oder Mixer sehr fein pürieren, durch Haarsieb ziehen, Wasabi-Paste und Agar-Agar mit Schneebesen in die Flüssigkeit einmixen, kurz unter ständigem Rühren aufkochen lassen, vom Herd nehmen.

Jetzt den Gurkensalat über Sieb gut abtropfen lassen, Salat mit langem Löffel auf tiefe Gläser verteilen (darauf achten, dass das Glas innen nicht verschmutzt). Geleesaft mit langem Trichter vorsichtig in jedem Glas darüber füllen, 2 Stunden zum gelieren kalt stellen.

Gurken-/Dillblüten: Restliche Gurken klein schneiden, Blüten direkt an den Stielansätzen abschneiden. Gurken und die Hälfte der Blüten in der Sahne/Milch-Mischung mit 1 TL Meersalz und etwas weißem Pfeffer aus der Mühle kurz aufkochen. Topf vom Herd nehmen, 1 Stunde ziehen lassen, nach 30 Min. Rest der Dillblüten einrühren. Durch Haarsieb abseihen, Lecite 2 Min. lang in die Flüssigkeit einrühren, 1 Stunde kalt stellen.

Fertig stellen und anrichten: 10 Minuten vor dem Servieren Gläser aus dem Kühlschrank holen. Gurken/Dillblütensahne mit Trichter in einen Isi-Sahnespender füllen, gut zuschrauben, nacheinander die beiden Gaszylinder einsetzen, dazwischen gut schütteln. Vorsichtig den Espuma in das erste Glas spritzen, Spender wieder gut durchschütteln, nächstes Glas füllen, nach Belieben mit Dillblüten dekorieren, mit langen Eislöffeln servieren. Der Espuma hält sich etwa 10 Minuten im Glas, dann beginnt er langsam zusammenzufallen.

Küchen-Klang: Während Dill und Gurkenstückchen leise simmern, bleibt genug Muße für die CD "Comme si de rien n’était" (Naive/edel) mit den seltsam mutlos gesungenen Chansons der Première Dame Carla Bruni, der in ihrer Männertrophäensammlung nach dem Rockstar, dem Milliardär, dem Gitarrengott, dem Hollywoodstar und dem Präsidenten der Grande Nation eigentlich nur noch einer fehlt – der Gurkenkönig.

Getränketipp: Der Gurkendreier beschäftigt mit seinem fein gesponnenen sahnig/scharf/süß-sauer-Spiel die gesamte Sensorik, so dass ein Glas stilles Eiswasser mit Scheiben von der grünen Biozitrone und frischem Ingwer eine erfrischende Erholung bieten. Lieber Alkohol? Dann passt ein sehr trockener, nicht zu fruchtiger Champagner wie der Veuve Emilie Govenor (erhältlich z.B. an den Standorten des Frischeparadies ).

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