Tageskarte Küche: Terror aus der Dose - DER SPIEGEL
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Tageskarte Küche Terror aus der Dose

Verbrannter Schwenkgrillnacken, matschige Heringsbrötchen, klebrige Nutellacrêpes – das Essen bei Open-Air-Festivals ist bis zur letzten Bockwurst ein Trauerspiel. Doch es geht noch schlimmer. Mit Dosenravioli im Zelt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Immer das Gleiche bei den schönen großen Rockfestivals: Wenn die letzte Band des Abends die wenigen noch nicht verstrahlten Fanhirne butterweich geprügelt hat – dann, ja dann steigt bei den überlebenden Festival-Untoten blitzschnell der großer Hunger auf. Etwas kleines muss her, schleimig-körperwarm, eingeschlonzt in rotem Saft. Doch die Fressbuden sind längst zu. Erst im Zweimannzelt, direkt neben dem Schnapskanister, wartet still und heimlich die Erlösung. Dosenravioli, was sonst?

So ergreifend, mitreißend oder einfach nur zum Abrocken gut die Musik auf den Freiluftfestivals im Sommer ab und an auch sein mag, den Gernegutesser führt die Open-Air-Saison jedes Jahr auf einen geschmackserniedrigenden Canossagang. Die Verstärkeranlagen beschallen längst ganze Landstriche in HiFi-Qualität, die Lightshow ersetzt jeden LSD-Trip – warum also muss das Catering nach wie vor so aussehen und schmecken wie notdürftig aufgewärmtes Schweinemastfutter?

Natürlich braucht zwischen R.E.M., Sido, The Hives, Gogol Bordello, Tanzwut oder Pennywise kein Mensch "Effilochée vom Nagelrochen an Blutwurst-Couscous und Pulpo mit Petersilienpesto" (Gericht von Dreisterner Christian Bau ). Aber an anderen Orten mit Massenspeisung wie Autobahnraststätten oder auf unzähligen Straßenfesten gelingt es den Kochmützen doch auch, halbwegs Essbares anzubieten.

Knackiges Chinagemüse aus dem Induktionswok ist genauso schnell auf dem Pappteller wie der vermatschte Gemüsepamp aus der riesigen Warmhaltepfanne. Crêpes auf die Hand verschmieren einem in Frankreich am Straßenstand ja auch nicht das halbe Gesicht. Und die Nudel-Schnellstationen an den Autobahnen zeigen, dass Fast Food und al dente sich nicht gegenseitig ausschließen müssen.

Und trotzdem bleibt auch bei mir die Erinnerung wach an hungrige Festivalnächte vor dem Igluzelt: die Maggiraviolidose mit dem Taschenmesser geknackt, auf drei Steine gestellt und so lange mit dem Feuerzeug drunter, bis die Ravioli am Dosenboden angebrannt, die restlichen lauwarm, und der Daumen übersät mit Brandblasen ist.

Eine Erinnerung, die man besser nicht aufwärmen sollte. Klar – es ist unfair, die Maggiravioli in Tomatensauce für 1,59 Euro pro Dose gegen die selbstgerädelten Highender in Mini-Romatomaten-Sugo mit Biohackfüllung antreten zu lassen. Andererseits reizt der Hersteller mit Behauptungen wie "in Tomatensauce mit 19,6 Prozent fleischhaltiger Füllung" einen ja gerade zu waghalsigen Selbstversuchen.

Also nach Vorschrift "bei geringer Wärmezufuhr heiß werden lassen" und ab auf den Teller. Bei aller Liebe – so was kann man nicht als "Nahrungsmittel" verkaufen: viel zu wenig Sauce in der Dose, die dazu noch nicht einmal entfernt an Tomate erinnert, der Teig ein einziges, schleimiges Al-Kukidente; und was die Nestlé-Produktmanager nun genau meinen, wenn sie die Füllung als "fleischhaltig" bezeichnen, möchte ich nicht in meinen ärgsten Alpträumen erfahren.

Wenn also zwischen Abschlussband und Morgengrauen der Magen knurrt – gib ihm alles, nur keine Dosenravioli. Oder wenigstens eine Flasche Doppelkorn vorneweg.

Rezept für Ravioli mit Tomatensauce (Hauptgericht für 2 oder Zwischengang für 4 Personen)

Zubereitungszeit: 1 Stunde

Schwierigkeitsgrad: leicht

Zutaten: Nudelteig: Pro Esser 100 g Mehl (Hartweizen, aber nicht als Grieß, sondern etwas feiner gemahlen wie z.B. Semola di grana duro rimacinata Nr. 176 von De Cecco ), 3 El warmes Wasser, 1/2 El Olivenöl, 1 Prise Meersalz und 1 Ei. 400 g gemischtes Hackfleisch, 1 große rote Zwiebel, 2 Knoblauchzehen, 1 Stengel Rosmarin, 1 Selleriestange, 2 Tl Meersalz, 1 Tl mildes Paprikapulver, bunter Pfeffer aus der Mühle, 1 Glas italienischer trockener Rotwein, 1 Dose geschälte Cocktailtomaten, 1/2 Tube italienisches, möglichst wenig gesalzenes Tomatenmark (z.B. von Mutti ). 24 Bio-Mini-Romatomaten von einer Sorte mit wenig Säure wie z.B. "Flavorino", 2 kleinere Zwiebeln, 2 Knoblauchzehen, 1/2 Bund rotes Basilikum (festere Blätter als normales Basilikum), 1 kleine Fenchelknolle, 3 Stengel Frühlingszwiebeln, 1,5 El roher Rohrzucker, 1/2 Tube Tomatenmark (siehe oben), 1 Tl Meersalz, bunter Pfeffer aus der Mühle, 2 Tl Demi Glace "Gemüse Mirepoix, Röstnote" von Aromond (z.B. bei Anias Dinse ).

Zubereitung vom Nudelteig: Mehl auf ein Backbrett aufschichten, Mulde in die Mitte drücken. Eier, Salz und Öl in diese Mulde geben, Teig von außen nach innen kneten, etwas warmes Wasser dazu geben, ca. 5 Min. zu einem festen Teig kneten (oder das Programm "Nudelteig" einer Brotbackmaschine/Küchenmaschine einsetzen). Teig fest in ein frisches Leintuch einschlagen, 30 Min. ruhen lassen, in der Zwischenzeit die Füllung herstellen. Anschließend auf dem bemehlten Backbrett dünn ausrollen (oder auf Stufe 3 in Nudelmaschine). Mit Teigroller gleichmäßig ca. 8x4 cm große Rechtecke abschneiden. Füllung mit feuchtem Teelöffel abstechen und in die Mitte der Rechtecke geben. Eine Seite mit Backpinsel befeuchten, Ränder zusammenschlagen und an den drei Außenseiten mit den Fingern andrücken. Auf bemehltem Brett aufbewahren. In großem Topf Salzwasser aufkochen, Temperatur reduzieren, Ravioli vorsichtig ins Wasser gleiten lassen. Das Wasser darf nicht mehr kochen. Ca. 10 Min. ziehen lassen, bis die Ravioli aufsteigen. Mit Schaumkelle entnehmen, gut abtropfen lassen, evtl. vor dem Servieren kurz in heißer Butter in Pfanne durchschwenken.

Füllung: Hack mit wenig Olivenöl in beschichteter Pfanne anbraten, nach 2 Min. klein gewürfelte Zwiebel und Knoblauch, fein gehackte Rosmarinspitzen, 8 klein geschnittene Romatomaten und das Salz dazu geben. Dosentomaten in grobem Durchschlag abseihen, Tomaten für die Sauce aufheben. Nach 3 Min. die Dosenflüssigkeit und den Rotwein in die Pfanne gießen, gut umrühren. Selleriestange mit Sparschäler dünn abschälen, fein würfeln, in Pfanne geben. 5 Min. bei leicht reduzierter Temperatur dünsten, anschließend das Tomatenmark einrühren, sämig einkochen. Die Masse nun in Mixer oder mit dem Schneidstab fein pürieren, erst jetzt beherzt mit Pfeffer und evtl. noch etwas Salz abschmecken, auf großen Teller streichen, ein paar Minuten im Kühlschrank abkühlen lassen. Bei diesem Rezept bleibt ein großer Rest der Hackfüllung übrig, der eingefroren und z.B. für die Zubereitung einer schnellen Bolognese-Sauce benutzt werden kann.

Sauce: Tomaten quer in feine Scheiben schneiden, dabei die Enden entfernen. Tomaten mit dem Meersalz bestreuen, etwas Feuchtigkeit ziehen lassen. Zwiebeln in feine Ringe schneiden, in wenig Olivenöl in beschichteter Pfanne (oder Wok) kurz Farbe annehmen lassen, Knoblauch darunter rühren, mit dem Zucker karamellisieren. 1/2 Tasse Wasser, Tomaten, Demi-Glace und den fein gewürfelten Fenchel unterrühren, Temperatur reduzieren, 10 Min. leise köcheln lassen. Nun Dosentomaten, Pfeffer, Tomatenmark und die in feine Streifen geschnittenen Basilikumblätter einrühren, nach weiteren 10 Min. kurz vor dem Servieren die in feine Ringe geschnittenen Frühlingszwiebeln unterheben.

Anrichten: Ravioli in vorgeheizte tiefe Pastateller verteilen, mit Sauce nappieren, nach Belieben mit Basilikumblättern garnieren und mit frisch gehobelten Pecorino-Spänen servieren.

Küchen-Klang: Wer bis gestern Nacht beim Metal-Festival in Wacken war, sollte mit dem Kirchenanzünder-Doom "True Norwegian Black Metal" (Regain/Soulfood) von Gorgoroth seinen Herd in Teufels Küche beamen. Für die italienischeren Momente beim Ravioligaren empfiehlt sich dagegen Gianna Nanninis aktuelle Doppel-CD "Giannabest" (Polydor/Universal).

Getränketipp: Natürlich passt ein leicht angerauter Sangiovese am besten, aber wir spülen die Ravioli heute mal mit einem stilechten Festival-Gedächtnisdosenbierchen runter. Von Aldi. Lauwarm, Alder!

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