Tageskarte Kunst: 58 neue Einwohner pro Stunde - DER SPIEGEL
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Tageskarte Kunst 58 neue Einwohner pro Stunde

75 Prozent der Weltbevölkerung werden im Jahr 2050 in Städten leben. Was dieses Wachstum vor allem für die Metropolen bedeutet, belegt das Buch "The Endless City" mit spannenden Essays und überraschenden Zahlen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Welche Stadt der Welt hat die meisten Einwohner? Tokio mit 35 Millionen Einwohnern. Diese Frage ist ja noch leicht zu beantworten. Aber welche Stadt wird im Jahr 2015 am schnellsten wachsen? Es wird Lagos sein, mit schätzungsweise 58 Zuwanderern pro Stunde. London dagegen wird um sechs Bürger pro Stunde größer werden und Berlin stagnieren.

Das sind nur ein paar Fakten aus Dutzenden von Tabellen und Grafiken und Statistiken, die sich in dem knallorangefarbenen, quadratischen Wälzer "The Endless City" finden. Um keinen Leser über den Inhalt des Buches zu täuschen, ist auch der Umschlag mit Zahlen bedruckt. Zum Beispiel dieser: Im Jahr 1900 lebten 10 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, im Jahr 2050 werden es 75 Prozent sein.

Was nach unlesbarem Zahlengehuber klingt, ist ein hochspannendes Buch über die Zukunft der Städte am Beispiel von London, New York, Mexiko-Stadt, Shanghai, Johannesburg und Berlin. Es ist entstanden aus dem Projekt "Urban Age – Das Zeitalter der Städte" der London School of Economics und der Alfred Herrhausen Gesellschaft  der Deutschen Bank: Bei internationalen Konferenzen in diesen sechs Städten analysierten Experten und Politiker die Metropolen unter den Aspekten Arbeit, Mobilität, Architektur und öffentliches Leben; der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas hielt einen Vortrag über Authentizität, der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett steuerte einen Essay über "The Open City" bei – das Konzept einer diversifizierten, komplexen, kontrastreichen Großstadt, das auf die amerikanische Theoretikerin Jane Jacobs zurückgeht.

Zwei Stunden und 30 Minuten müssen die Menschen in Mexiko-Stadt durchschnittlich fürs Pendeln zwischen Haus und Arbeit veranschlagen. Das U-Bahn-System, 1968 zu den Olympischen Spielen eröffnet, hat mit dem Wachstum der Stadt nicht mithalten können. Denn 1960 lebten fünf Millionen Menschen in der Mega-City, heute sind es knapp 20 Millionen. Erst in den vergangenen Jahren wurde konsequent das Metrobus-Projekt umgesetzt, parallel dazu wurde jedoch ein Netz zweistöckiger Schnellstraßen gebaut, das zur Fahrt mit dem eigenen Wagen ermuntert. Ein Paradox, dessen Ursache die widerstreitenden politischen Interessen sind.

Aufschlussreiche Fakten finden sich in dem dicken Buch auch über Berlin. So gibt es 320 Autos pro 1000 Einwohner, in Mexiko-Stadt sind es 397 Autos (Shanghai: 38). Der Grund: Der öffentliche Nahverkehr in Berlin funktioniert, und Benzin ist teuer, während in Mexiko-Stadt Benzin billiger ist als Mineralwasser. Und im Gegensatz zu Johannesburg, wo nur vier Prozent der Einwohner älter als 65 Jahre alt sind, hat Berlin mit der zunehmenden Überalterung seiner Bürger zu kämpfen.

Schade, dass dieses in jeder Hinsicht schwergewichtige Buch nur auf Englisch erschienen ist. Allerdings sind fast schon die vielen Bilder, in denen die Städte porträtiert werden, die Anschaffung wert.


Ricky Burdett, Deyan Sudijc: "The Endless City". Mit 1500 Farb- und 500 Schwarzweißabbildungen. Phaidon Verlag, Berlin; 512 Seiten; 59,95 Euro.