Tageskarte Kunst: Ab in den Süden! - DER SPIEGEL
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Tageskarte Kunst Ab in den Süden!

Italien hat Spanien als das beliebteste Reiseziel der Deutschen abgelöst. Mit Kunsttourismus möchte man Abtrünnige zurückgewinnen - die Städte setzen auf Messen, Museumsneubauten und Kulturzentren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor zwei Tagen wurde in Madrid die 27. Kunstmesse Arco eröffnet. Nicht einfach so, sondern wie in jedem Jahr seit 1992 von König Juan Carlos und Königin Sophia. Und die Majestäten eröffnen nicht nur, sie gehen durch die Hallen und schauen Kunst an. Er auch hübsche Galeristinnen, sagt man, während seine Frau derweil mit der Galeristenlegende Helga de Alvear über gemeinsame alte Zeiten im Salemer Internat plaudert. De Alvaer hat gerade ihre große Kunstsammlung einem Museum in der Spanischen Provinz geschenkt, das eigens gerade dafür gebaut wird.

Die Kunst hat Konjunktur in Spanien, nicht nur in Madrid, denn jetzt, wo Italien und nicht mehr Spanien das Lieblingsurlaubsland der Deutschen ist, wird jeder Tourist gebraucht. Madrid liegt vorn mit seinen Museen und auch mit den Touristenzahlen. Die Arco hatte im vergangenen Jahr beispielsweise 190.000 Besucher, der Prado zählte über 2,3 Millionen. Um dort den Besuchermassen Herr zu werden, gab man vor fünf Jahren dem Architekten Rafael Moneo den Auftrag zu einem Erweiterungsbau. Seit Ende Oktober ist er fertig - keine spektakuläre Architektursensation, aber ein sensibles Gebäude mit natürlichem Licht, schönen Materialien, mit großzügigem Vestibül und viel Platz für die bisher nicht gezeigte Sammlung des 19. Jahrhunderts. Natürlich kam zur Eröffnung der König mit Familie und Premierminister. Der ließ es sich auch nicht nehmen, das neue Caixa-Forum in Madrid einzuweihen, ein 60-Millionen-Euro-Bau der Kultur-Stiftung La Caixa, das zu einem wichtigen Ort für moderne Kunst werden soll.

Zudem bekommt die junge Kunst in Madrid ein riesiges eigenes Areal. Im Stadtteil Legazpi wird inmitten gesichtsloser Hochhausbauten der ehemalige Schlachthof zu einem Kulturzentrum umgebaut. Die zehn hohen Backstein-Hallen des "Matadero" sind fast fertig und schon jetzt eine Besuchersensation. Es gibt Konzerte, Theater und Tanzveranstaltungen, Clubs, ein Designzentrum und Medienkunst. Dort wird auch die jährliche "La noche en blanco" vorbereitet, eine Kunstnacht im September. In der gesamten Stadt werden dann mehr als hundert Projekte junger Künstler zum Nulltarif gezeigt. 1,5 Millionen Besucher kamen 2007 und legten das gesamte Zentrum lahm.

Der ganze Kunst- und Museumsboom in Spanien begann mit dem Erfolg des Guggenheim Museums von Frank O. Gehry, das aus der heruntergekommenen Industriestadt Bilbao innerhalb von zehn Jahre eine Hochburg des Kulturtourismus mit über einer Million Besucher jährlich gemacht hat.

Seitdem gibt es keine Provinz, die nicht ein neues Museum baut oder ambitionierte Ausstellungen organisiert. Nach Murcia holte das regionale Kulturdepartment gerade den einflussreichen Franzosen Nicolas Bourriaud als Kurator einer Ausstellung in der ganzen Stadt, und Orte wie Vitoria oder Vigo bauen ihr "Centro de Arte". Im asturischen Gijón ist das "Macba" fertig, das "Musac" in León, das "Patio Herreriano" in Valladolid ist in Planung, genau wie ein Kulturhaus in Móstoles, das gerade mal 40.000 Einwohner hat - alles Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst mit großem Etat.

"Selbst in der tiefsten Provinz fördert der Staat Museen", sagt ein Mitarbeiter der Kulturbehörde, dem für die Organisation eines neuen Festivals für Druckgrafik in Cuenca gerade Geld für vier Jahre bewilligt wurde. Und weil sich Córdoba und Málaga als Kulturhauptstadt 2016 bewerben, boomt auch dort das Ausstellungswesen. Málaga informiert schon auf seinem von Renzo Piano erweiterten Picasso-Flughafen mit Videos und Fototafeln über sein gerade vier Jahre altes Picasso-Museum und das relativ neue Centro Arte Contemporaneo.

Und weil es kaum Privatinitiativen für Sammlermuseen oder Stiftungen gibt, fördert und zahlt der Staat nicht nur die laufenden Ausstellungen, sondern auch den Aufbau von Sammlungen, natürlich in der Hoffnung, dass sich so viel kulturelles Engagement bei der Olympia-Bewerbung 2016 auszahlen wird.

Gerechnet hat sich mit Sicherheit der kluge Schachzug der Arco, 31 Galerien und wichtige Sammler aus Brasilien zur kostenlosen Teilnahme an der Messe einzuladen. Denn die Art Basel in Miami Beach liegt den südamerikanischen Käufern und Galeristen, die bisher zur Arco gekommen waren, geografisch näher als Spanien. Aber nun sind alle da und reden darüber, dass die spanische Geschichte, Kultur und nicht zuletzt die Sprache sie doch mehr mit Spanien verbindet als mit den USA. Und dass sie lieber traditionell vom Bürgermeister der Stadt Madrid zu einem altmodischen und vornehmen Abendessen zusammen mit allen Ausstellern eingeladen werden als zu den protzigen Poolpartys in Miami.


Arco Madrid noch bis 18.2. www.arcoifema.es