Tageskarte Kunst Arbeit ist Urlaub!
"Der Künstler macht, was er will. Der Designer will, was er macht. Das ist ein Bekenntnis resultierend aus meiner Berufserfahrung", sagt Kurt Weidemann. Als Dienstleister "allenfalls mit künstlerischer Sensibilität und kreativen Lösungen" sieht sich der bedeutendste deutsche Grafikdesigner, der wesentlich das Erscheinungsbild der Bundesrepublik Deutschland mit gestaltet hat. Koketterie ist das nicht, Weidemann bleibt unbeirrt, auch auf die Nachfrage, er habe doch aber Künstler als Vorbild: "Dazu sage ich: Andy Warhol war ein hoch begabter Grafiker, als Künstler halte ich ihn für überbewertet."
Über diesen Mann mehr zu erfahren, ist das reine Vergnügen, weil Kurt Weidemann, geboren 1922, in dem gerade erschienenen Buch "Kurt Weidemann. Biografische Gespräche mit Heike Schiller & Arne Braun" in direkter Rede aus seinem Leben erzählt. Nicht immer chronologisch, nicht geschönt, sondern ehrlich, kompromisslos und mit Witz und Selbstironie.
Er schildert seine ärmliche Kindheit in Lübeck, den Zweiten Weltkrieg und seinen Einsatz an der Ostfront, berichtet, wie er 1943 verschüttet wurde, seine Sprache verlor und sie erst, nach einer Zeit schweren Stotterns, zurückerlangte; er erzählt von den fünf Jahren Gefangenschaft in einem russischen Lager. Schriftsetzer hat er nach der Kriegsgefangenschaft gelernt. Status sei für ihn nicht wichtig gewesen, sagt Weidemann, er wollte vor allem "unabhängig vom kargen Geld des Vaters sein". Und weil man "aufs Handwerk immer zurückgreifen kann", war er "erst einmal zufrieden mit dem Handwerkerlohn". Später folgte ein Studium an der Stuttgarter Kunstakademie, die Arbeit als Schriften- und Zeichenentwickler und als Hochschullehrer. Weidemann spricht über seine erste Ehe, Familie und den Selbstmord seiner zweiten Frau, der ihn zum allein erziehenden Vater dreier Kinder machte. Er erzählt von Freunden, vom Bier- und Schnapstrinken oder seiner Begeisterung für Jazz. Und von seiner Arbeit für Unternehmen wie Coop, Zeiss, Merck AG, Mercedes- und Daimler-Benz AG, Deutsche Bahn oder Porsche, über Büchergestaltung und die Entwicklung seiner Schriften Domus, Corporate und Biblica.
Von seiner ersten New-York-Reise 1956 brachte er die New Yorker Typografie und Grafik mit nach Deutschland, weil er die gestalterische Entwicklung in Deutschland für eine "aufgewärmte Bauhaus-Leiche" hielt. "Ich war nicht funktional, sondern inhaltlich orientiert", sagt er, zum Beispiel könne man "Adalbert Stifter nicht in Helvetica Kleinbuchstaben im Flattersatz setzen, das passt nicht zu ihm".
Inhaltlich sei er zum Beispiel auch an den Wettbewerb für das neue Erscheinungsbild von Coop herangegangen. "Bei Coop haben wir vier visuelle Egoisten: C,O,O und P, und diese Buchstaben sollen jetzt das Gegenteil symbolisieren: Zusammenarbeit, Kooperation. In dieser Kombination kann ich keine Einzelzeichen machen, ich muss das Zeichen in einen Verbund stellen." Er hat damals gewonnen.
So eloquent ist er nicht immer zu seinen Jobs gekommen. So erfährt man zum Beispiel, wie Weidemann seine ersten Aufträge bekam, zusammen mit zwei Kommilitonen: "Morgens setzten wir uns auf die Treppe vor dem Haus und fragten die Leute auf ihrem Weg zur Arbeit: ,Haben Sie ein eigenes Briefpapier?" Besaßen sie keines, boten sie an, ihnen kostenlos eines zu anzufertigen. "Nach einem Vierteljahr fingen wir an, ein bescheidenes Honorar zu verlangen."
Ein wunderbares Buch über den privaten Kurt Weidemann, den genialen Grafiker und den Daimler-Dienstleister eine individuelle, kompromisslose, lebenslustige und leidenschaftliche Einheit. Man glaubt dem Mann gern, dass er keinen Urlaub braucht, denn Urlaub habe er jeden Tag, "weil ich morgens früh aufstehe und gut gelaunt Sachen mache, die mir etwas bedeuten und Freude machen". Kein Wunder, dass er für drei Grafiker-Generationen ein Vorbild ist.
Markus Merz (Hg.): "Kurt Weidemann. Biografische Gespräche mit Heike Schiller & Arne Braun". merz&solitude, Stuttgart; 192 Seiten, 24 Euro.