Tageskarte Kunst: Versteck im Beutel - DER SPIEGEL
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Tageskarte Kunst Versteck im Beutel

Ein Künstler entwirft eine Tasche, in der sich ein Kunstwerk befindet, und ein Künstler inszeniert ein Werbevideo über diese Tasche. Ist das Kunst? Kommerz? Nein, ein Marketingereignis von Puma.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manche Projekte sind so komplex, dass es schwer fällt, sie in den 2500 Zeichen dieser Rubrik "Tageskarte" zu erklären. Da bietet sich die Sprache der PR-Profis an, die ihr Anliegen schließlich am besten kennen. Originalzitate stehen im Folgenden in Anführungszeichen, an Stelle des Wortes "Pfeil" steht im Pressetext ein Pfeil.

Vor einiger Zeit beauftragte eine deutsche Sportartikel-Firma den New Yorker Grafikkünstler Ryan McGinley, für ihre "Urban Mobility Collection" eine "Limited Edition Bag" zu "inszenieren". Der Künstler drehte ein lustiges Video, aus "dessen Auszügen ein Lookbook entstand". Da radeln ein nackter Mann und eine nackte Frau mit einer weiß-braunen Lacktasche am Lenker an einen See, und die Frau springt rein - in den See. Das Video soll auf http://www.ryanmcginley.com  zu sehen sein. Stimmt aber nicht. Außerdem laufe es während der Pariser Modeschauen im Centre Pompidou - da konnten wir jetzt nicht so schnell nachschauen.

Alle, die bei der Fusion aus Sport, Werbung, Kunst und Mode dabei sein durften, waren "so begeistert von der Zusammenarbeit", dass es am 17. Oktober eine neue Aktion gibt. Und diesmal sollen noch mehr Leute Spaß haben.

Die Ankündigung für Herbst/Winter 2007/08 verspricht: Die experimentierfreudige Londoner Serpentine Gallery "kuratiert eine Puma-Tasche -Pfeil - The reality Bag". Das gute Stück wird von dem "Schweizer Künstler und Wahl-New-Yorker John M Armleder" entworfen. Es erscheint "in einer limitierten Auflage" von 1000 Stück, der Preis ist noch geheim, nur so viel steht fest: 100 Euro pro verkauftem Exemplar gehen an den "Serpentine young artist educational fund". Diese jungen Künstler entwerfen ihrerseits "Kunstwerke, die der Tasche beigefügt werden." Wer das bis hierher nicht verstanden hat, dem liefert ein -Pfeil- die Erklärung: "Der Kunde kauft mit der Tasche ein Kunstwerk."

Das ist nicht alles. Jetzt wird "das Projekt Puma Serpentine im Serpentine Summer Pavillon von Olafur Eliasson vorgestellt". Der wandlungsfähige Däne, Sohn isländischer Eltern, entwirft schon mal die Weihnachtsdekoration für Louis Vuittons New Yorker Schaufenster, gestaltet an der Berliner Staatsoper "Unter den Linden" das Bühnenbild für Hans Werner Henzes Oper "Phaedra", flirtet mit Puma und doziert demnächst als Professor an die Berliner Universität der Künste. Cross ist krass.

Und was macht McGinley? "Inszeniert", so der Pressetext, "wie schon in der letzten Saison, die Urban Mobility Collection inklusive Tasche, diesmal an/mit einem Top-Model/Schauspieler."

Wir können an dieser Stelle leider weder den urban-mobilen Sportbeutel zeigen, noch die darin versteckte Kunst (da gibt es Exklusivverträge!). Aber die PR-Agentin verrät die Starbesetzung für "das Shooting" am Mittwoch: "Topmodell Irina Lazareano. Das Gesicht von Chanel. Freundin von Kate Moss. Die mit Pete Doherty Musik macht." Und übrigens: "Vielleicht kommt John Lennons Sohn Julian auch."