Tageskarte Kunst: "Verwirrendes Terrain" - DER SPIEGEL
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Tageskarte Kunst "Verwirrendes Terrain"

Welche Funktion hat eigentlich politische Kunst? Und welche Rolle erfüllt sie in einem krisengeschüttelten Gebiet? Mit dem Projekt "Di/Visions. Kultur und Politik im Nahen Osten" will die ehemalige Documenta-Kuratorin Catherine David diese Frage beantworten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Intellektueller Ernst ist im Haus der Kulturen der Welt eingekehrt. Mit dem Projekt "Di/Visions. Kultur und Politik im Nahen Osten" der Kuratorin Catherine David soll das Ausstellungshaus zur "multidimensionalen Dokumentationsplattform, zur Projektionsfläche und zum Raum der Reflexionen" werden.

Klingt schrecklich langweilig. Doch von dieser abstrakten Beschreibung sollte man sich nicht abschrecken lassen, mit ähnlichen Worten werden Projekte der Documenta-X-Chefin David immer angekündigt. Aber heraus kommt dann eine interessante, entschieden andere Sicht auf Politik und Kunst anderer Kulturen, als die, die üblicherweise in Ausstellungen oder Feuilletons verhandelt wird. "Ich halte alle Künstler, die ich ausstelle, für politische Künstler", sagt David, und das habe nichts zu tun mit der "politischen Kunst" der siebziger Jahre, dem "moralinsauren Ton, der sich heute in der Benetton-Werbung niederschlägt".

Sie sieht Kunst immer in ihrem Produktionszusammenhang und hasst vereinfachende Gegenüberstellungen wie "Westen bedeutet Moderne, Säkularismus, Demokratie; der Nahe Osten dagegen Rückstand, Fundamentalismus, Tyrannei". Solche "falschen Gegensätze" will sie hinterfragen und dekonstruieren, sie will, dass man sich dem Nahen Osten ohne Vorurteil nähert. Zwar betritt man damit ein "sehr verwirrendes Terrain", aber man erkenne auch gemeinsame Fragen und Probleme wie "Konsum, die Verschlechterung des öffentlichen Bildungswesens oder den Qualitätsverlust der Kommunikationsmedien".

Für "Di/Visions" hat sie Literaten, Künstler und Filmemacher aus dem Nahen Osten nach Berlin ins Haus der Kulturen der Welt eingeladen, in Vorträgen, Diskussionen und mit ihren Arbeiten ihre Sicht auf die gegenwärtigen Situation der Ausgrenzung und Teilung, also der "Divisions" zu präsentieren.

Nicht alle konnten kommen, deshalb stehen im Mittelpunkt der sechswöchigen Veranstaltung gefilmte Gespräche zwischen David und Kulturschaffenden aus Nahost. An zwei Wochenenden gibt es Gespräche und Diskussionen mit Intellektuellen und Künstlern aus unterschiedlichen Gebieten des Nahen Ostens, und als dritter Punkt im Programm werden täglich im Wechsel neue Dokumentarfilme aus Ägypten, Palästina, Israel, aus dem Wohnviertel Mafrouza in Alexandria, aus dem Libanon, Iran, Syrien und aus dem Irak gezeigt.

Am interessantesten sind sicher die Gespräche, die David mit Künstlern und Intellektuellen dreier Generationen aus sieben Ländern geführt hat und die täglich durchgehend mit deutschen Untertiteln auf Großprojektoren laufen. "Alle, die hier zu Wort kommen, kämpfen darum, einen Raum der kritischen Reflexion unter sehr schwierigen Umständen zu schaffen", sagt David. Und sie zahlen oft einen hohen Preis dafür, nämlich Gefängnis, Exil und Verfolgungen. Über ihre Analysen, über ihre Lebenswelten spricht David mit ihnen und hofft, dass damit "unsere orientalischen Nostalgien und der Schleier unserer Illusion abgelegt wird".

Wem das "Di/Visions"-Programm zu spröde, streng oder intellektuell erscheint, sollte es heute Abend ab 19.30 Uhr kostenlos bei der Eröffnung testen. Die gefilmten Gespräche sind zu sehen, Sami Zubaido, ehemaliger Professor für Politikwissenschaften und Soziologie, hält einen Vortrag über "Klasse, Religion und Ethnizität: Fragmente der Nation", es gibt ein Konzert und Lesungen.


"Di/Visions. Kultur und Politik im Nahen Osten". Ein Programm von Catherine David. 7.12.2007–13.1.2008. Berlin. Haus der Kulturen der Welt. Karten-Tel. 030/397 87 175. Informationen, Termine und Aktionen: http://www.hkw.de  und http://www.culturebase.net