Tageskarte Kunst: Vorhang auf! - DER SPIEGEL
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Tageskarte Kunst Vorhang auf!

Vom Westen abgetrennt durch den Eisernen Vorhang schuf die slowakische Künstlerin Mària Bartuszová einmalige Kunstwerke aus Gips. Nachdem die Documenta XII sie erst vergangenes Jahr entdeckte, bekommt sie nun ihre erste Einzelausstellung außerhalb der Slowakei.
Von Felix Zeltner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eines Tages im Jahr 2007, da lief Rüdiger Schöttle, ein zierlicher Mann mit großer Hornbrille, über die Documenta XII in Kassel. Im hintersten Eck des Aue-Pavillons entdeckte er etwas, das ihn sofort faszinierte: weiße Formen aus Gips, einige davon scheinbar mühelos verbunden mit Steinen, Ästen oder Bindfäden, manche umwölbend, manche halb zerquetscht, aber alle sanft und fragil. "Ich habe gar nicht begriffen, dass so was möglich sein kann", sagt der Galerist heute. Er meint damit, dass in der Welt jenseits des Eisernen Vorhangs, dieser "Wüste" (Schöttle), eine Frau jahrelang unbeirrt vor sich hin bildhauerte und dabei Zeitloses schuf. Mit Gips, mit Ballons, die den Gips formten, und mit Naturmaterialien wie Sand, Marmor und Holz, die den Formen eine Umgebung verschafften.

Mària Bartuszová, die 1936 in Prag zur Welt kam, schuf den Großteil ihres Werkes in der slowakischen Stadt Koice (früher Kaschau), in die sie ihrem Ehemann, ebenfalls Bildhauer, gefolgt war. Früh brach sie mit der traditionellen Bildhauerei und widmete sich in den sechziger Jahren ganz dem Gipsguss. Fern ab von der Kunst im Dienste des Kommunismus ließ sie sich von Skulptur-Künstlern wie Constantin Brancusi und Jean Arp inspirieren, deren Werke sie aus Büchern kannte, und trotzte dem Gips organische Formen ab: zunächst tropfen- oder eiförmige Gebilde, später vor allem Abdrücke von Hohlräumen.

Bartuszová starb 1996, und ihre Kunstwerke blieben trotz geöffneter Grenzen in Westeuropa noch lange unentdeckt. Erst als sie der Kurator Vlàdimir Beskid im vergangenen Jahr auf der Documenta XII in Kassel unterbrachte, standen die Käufer plötzlich Schlange. Die künstlerische Auferstehung der Bartuszová war geglückt, und der faszinierte Schöttle ("Sie ist ein Solitär") reiste mit Kurator Beskid in die Slowakei, um gemeinsam mit den zwei Töchtern der Künstlerin, die dort ihren Nachlass verwalten, einige Werke auszusuchen.

"Negative Volumes" heißt die erste Einzelausstellung außerhalb der Slowakei, die Schöttle nun für Bartuszová ausrichtet. Seine ganze Galerie, ein dreistöckiges Haus, versteckt in einem Hinterhof der Münchner Maxvorstadt, wirkt durch Bartuszovás Kunst schöner, leichter – auch wenn einige der Gipskunstwerke schon ein bisschen angestaubt sind. Kein Wunder, nach all den Jahren.


Mària Bartuszová (1936 – 1996) – Negative Volumes. Galerie Rüdiger Schöttle . Noch bis zum 12. April 2008.