Tageskarte Theater Angst vor dem Kontrollverlust
Korsett, Gefängnis oder doch Schutzraum? Die bunten Stoffzelte, die Helena Waldmann vor drei Jahren auf die Bühne holte, regten die Vorstellungskraft heftigst an. In den Zelten steckten sechs iranische Darstellerinnen wie in einer zweiten Haut. Was sie darin taten, konnte man nur erahnen, wenn die tschador-ähnlichen Skulpturen kreiselten, hüpften, schwankten oder man aus dem Inneren Texte hörte.
"Letters from Tentland" hieß der Abend über den sogar die "Tagesschau" berichtete, immerhin ein Zeichen, dass etwas Besonderes passiert sein muss. Wider der politischen Wahrscheinlichkeit hatte Waldmann die Inszenierung gegen die Teheraner Zensurbehörde durchgesetzt. Monate später wurden die Aufführungen im Iran dann doch abgesetzt. Aber bis dahin sorgten Gastspiele in Deutschland, Brasilien und Südkorea für große Aufmerksamkeit und für viel Lob, weil Waldmann hinter dem Schleier nicht nur Begrenzung zeigte.
Extreme Räume, optische Verwirrspiele oder irritierende Gegenüberstellungen sind das Markenzeichen der 45-jährigen Choreografin, die ihr Handwerkszeug im Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen gelernt hat, woher auch René Pollesch, Rimini Protokoll oder She She Pop stammen. Im Jahr 2006 drehte Waldmann mit einer palästinensischen Tanzcompany einen Film, der in einer Landschaft aus Mauern, Kontrollpunkten und Stoppschildern von eingeschränkten Bewegungen erzählte, so wie viele ihrer Arbeiten. Spätestens hier widerspricht Waldmann: "Die Bewegungen werden auf das Nötigste reduziert, aber was nach Beengung aussieht, bedeutet immer, sich Freiheit in einer neuen Bewegungssprache zu suchen."
Der Blick auf fremde Kulturen hat ihrer Arbeit neue Perspektiven geöffnet. Vor kurzem erlebte sie auf dem Theaterfestival in Afghanistan, wie dort trotz der großen Probleme nach den Vorstellungen gemeinsam gefeiert wurde. Mit ihrem neuen Stück "Feierabend! Das Gegengift" will sie nun das Fest ins deutsche Theater zurückholen. Es wird in den Vorstellungen einen iranischen Musiker geben, Performer aus Syrien, Kroatien, Japan, der Karibik, und natürlich die Zuschauer, die hinter Masken mitfeiern sollen. Der Abend will mit der Angst vor dem Kontrollverlust spielen. "Aber niemand wird sein Gesicht verlieren", verspricht Waldmann. Solche Versprechen hält sie ein. Das hat sie selbst im Iran beweisen. Und vielleicht werden die Zuschauer ein Stück Freiheit gewinnen.
Feierabend! Das Gegengift. Premiere am 13.2. auf Kampnagel Hamburg. Auch vom 15.-17.2., http://www.kampnagel.de .
Vom 28.2.-2.3. Sophiensaele Berlin, http://www.sophiensaele.de .
6./7.3. Tanzhaus NRW Düsseldorf, http://www.forum-freies-theater.de .
Voraufführung Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt 8./9.2., http://www.mousonturm.de