Tageskarte Theater: Faust darf Macho sein - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Tageskarte Theater Faust darf Macho sein

Felicitas Brucker scheut weder Wedekinds Pubertierenden-Selbstmorddrama noch den "Urfaust". Sie inszeniert Klassiker verspielt und gehört zur viel versprechenden Generation der um die 30-jährigen Theater-Regisseure.
Von Simone Kaempf
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Faust kann man zur Zeit oft auf der Bühne erleben, kaum ein großes Theater, das Goethes Klassiker nicht auf dem Spielplan hat. Aber so ein Gretchen wie bei Felicitas Brucker findet man nur selten: ergreift selbst das Wort, wenn er monologisiert, küsst ihren Faust, bevor er daran denkt, lässt ihn dennoch Macho sein und steht am Berliner Maxim Gorki Theater ganz im Zentrum der Inszenierung von Goethes "Urfaust", die in diesem Fall eigentlich "Grete" heißen müsste.

Nicht nur wegen dieser verblüffenden Regiearbeit läuft es gerade bestens für Felicitas Brucker. 33 Jahre ist sie alt und gehört zur viel versprechenden Generation junger Regisseure, die an den Theatern ihren Platz gefunden haben.

Wie viele Gleichaltrige bewegt sich Brucker zwischen Textnähe und Verspieltheit, aber sucht doch immer starke Zugriffe. Und findet sie, weil sie sich sehr genau mit den Stoffen auseinander setzt. Ob beim "Urfaust" oder jetzt in Freiburg in "Frühlings Erwachen" nach Frank Wedekind, in dem für Brucker das Thema Selbstmord junger Menschen zentral ist.

Dabei schien es ihr lange undenkbar, Klassiker zu inszenieren. Studierte Theaterregie lieber in England, dem Heimatland der Live-Art und extremen Dramatik von Mark Ravenhill oder Sarah Kane – und lernte in dieser Zeit, das deutsche Theater erst richtig zu schätzen. Klassiker wegen des Unterhaltungswerts oder der Traditionspflege auf die Bühne zu bringen, ist dennoch nicht ihr Ding. Gesellschaftliche Schmerzpunkte will Brucker zeigen. Auf der Bühne Themen behandeln, "die in der Realität nicht gerne gesehen werden".

Während der Vorbereitungszeit zu "Frühlings Erwachen" stieß sie auf Berichte über ein Dorf in Wales, in dem sich so viele Jugendliche umbringen wie sonst nirgends in Europa. Konkrete Bezüge dazu soll es auf der Bühne nicht geben. "Aber ich sehe es als Phänomen bei Jugendlichen, dass Kompromisse nicht gelten und man wahnsinnig unter Dingen leidet, die man als Erwachsener hinzunehmen schafft." Überlegungen, die hervorragend zu Wedekinds Pubertierenden-Drama passen und doch den Akzent verschieben.

Diesen Samstag ist Premiere, und der Abend könnte schmerzhaft von heute erzählen.


Frühlings Erwachen. Premiere am 24.5. am Theater Freiburg . Auch am 27., 28., 30.5., 12. und 17.6. Urfaust am 31.5. und 5.7. im Maxim Gorki Theater,  Berlin.