Tageskarte Theater Intimes von Oma
Das Schicksal eines Schauspielers ist ja dieses: Wenn er im Rampenlicht steht, also am meisten bewundert wird, dann ist er nie er selbst, sondern immer ein anderer. Er ist König Lear, Don Karlos oder auch der Dorfrichter Adam. Aber er ist nie er selbst. Es sei denn natürlich, es handelt sich um eine Performance. Oder um einen autobiografischen Stoff.
Dieser seltene Fall lässt sich nun am Wiener Burgtheater beobachten. Joachim Meyerhoff widmet sich in einer dreiteiligen Reihe der eigenen Familiengeschichte. Der dritte Soloabend hat heute Premiere im Vestibül, der winzigen Studiobühne im linken Seitenflügel des mächtigen Hauptgebäudes. Nur 60 Zuschauer passen dort rein. Ein intimer Rahmen.
Eigentlich spielt Meyerhoff die großen Rollen auf den großen Bühnen, denn Meyerhoff ist nicht irgendwer. Er ist so etwas wie der Schauspieler der Stunde, bei dem die Kritiker sich überschlagen vor Lob. So schrieb die "Süddeutsche Zeitung" vom "wunderbarsten Nervenbündel und Luftgeist, den das Theater zu bieten hat". Auch die "Frankfurter Rundschau" griff zum Superlativ und nannte ihn "den größten Komödianten, den das Theater zur Zeit hat", außerdem einen "glasklaren Theaterdenker".
In der Fachzeitschrift "Theater heute" wurde Meyerhoff 2007 denn auch zum Schauspieler des Jahres gewählt, für seine Darstellung des Benedikt in "Viel Lärm um nichts" am Wiener Burgtheater und für die Hauptrolle in "Hamlet" am Schauspielhaus Zürich. Den Claudius spielt dort Edgar Selge, dem Fernsehpublikum bekannt als einarmiger Kommissar im "Polizeiruf 110". Regie führt Jan Bosse. Die Inszenierung ist Mitte Mai auch beim Berliner Theatertreffen zu sehen, dem Gipfeltreffen der deutschen Bühnenkunst.
Bosse und Selge und Meyerhoff, das ist seit Jahren ein eingespieltes Erfolgstrio. Im Deutschen Schauspielhaus Hamburg gelang den Dreien 2004 eine "Faust"-Inszenierung, die sich zum Publikumsknüller entwickelte. Für Meyerhoff als Mephisto war sie der Durchbruch. Der Regisseur Bosse kennt den Schauspieler Meyerhoff also sehr genau. Umso interessanter ist es, dass er ihm im KulturSPIEGEL einmal einen "Regieschädel" attestiert hat: "Er macht dauernd Vorschläge. Manche sind ganz schlecht, aber plötzlich ist einer dabei, der ist doppelt so gut wie meiner."
Kein Wunder also, dass Meyerhoff irgendwann auch selbst die Zügel in die Hand nehmen wollte: Am Maxim Gorki Theater Berlin zeigte er drei Stücke, bei denen er in Personalunion als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller fungierte. Die Kritiken waren jedoch eher mäßig. Nun also Wien: Unter dem düsteren Titel "Alle Toten fliegen hoch" hat er sich im ersten und zweiten Teil seinem Highschool-Jahr in den USA zugewandt und seiner Jugend als Sohn eines Psychiatriedirektors. Meyerhoff sei ein "virtuos unzuverlässiger Erzähler" zwischen Fakt und Fiktion, lobte die "taz".
Den dritten Teil heute Abend widmet er seinen Großeltern. Seine Oma Inge Birkmann war Mitglied der Münchner Kammerspiele unter Otto Falckenberg, Heinz Hilpert und Hans Lietzau. Ihr erster Mann, Meyerhoffs leiblicher Opa, starb früh bei einem Autounfall, wie Jahrzehnte später auch Meyerhoffs Bruder.
Alle Toten fliegen hoch. Aufführungen am 19. und 20. April um 19 Uhr, am 21. April um 19.30 Uhr im Vestibül des Burgtheaters, Wien , Dr. Karl Lueger-Ring 2, Eingang Ringstraße, Kartentelefon: +43 (0)1 514 44 4140.