Tageskarte Theater Schnee von heute
Einen 500-Seiten-Roman auf einen Theaterabend eindampfen? Natürlich kann man fragen, wie das gehen soll und wozu es überhaupt gut ist. So wie man auch jede Romanverfilmung grundsätzlich anzweifeln kann. Man kann das Ganze aber auch als eigenständiges Kunstwerk betrachten, und sich einfach fragen: Taugen das Theaterstück und die Inszenierung was?
Noch ist nicht klar, welches Theaterstück genau die Regisseurin Sandra Strunz in Freiburg aus Orhan Pamuks Riesen-Roman "Schnee" aus dem Jahr 2002 (auf deutsch erschien er 2005) machen wird. Denn das Buch ist ebenso sehr ein politischer Roman wie Künstler- oder Kriminalroman, und eine Liebesgeschichte obendrauf. Kann also sein, dass bei Sandra Strunz etwas ganz anderes herauskommt als bei Ole Walburg an den Münchner Kammerspielen, der Ende Februar die Uraufführung inszenierte und vieles offen ließ.
Pamuk erzählt die Geschichte eines türkischen Dichters, der aus dem deutschen Exil nach Nordostanatolien reist, um dort den Selbstmord mehrerer junger Frauen zu recherchieren, die gezwungen wurden, an der Uni ihr Kopftuch abzunehmen. Er gerät in einen Putsch, trifft außerdem noch seine Jugendliebe wieder und wegen des Schnees ist er für mehrere Tage in der Kleinstadt gefangen.
Ein hochbrisanter Stoff also, vor allem politisch, aber Pamuk ergreift nicht eindeutig Partei. In einem SPIEGEL-Gespräch sagte er 2005: "Es stimmt, in "Schnee" ist die ganze provinzielle, intolerante politische Kultur der Türkei vorhanden, es finden sich Fundamentalisten, politische Islamisten, türkische und kurdische Nationalisten, andere ethnische Gruppen, die Armee, es gibt die Laizisten und gnadenloses Töten. Das alles mag abschreckend sein für einen Europäer, der in sehr viel liberaleren Umständen zu Hause ist aber muss ein Romancier nicht auch die menschliche Seite dieser Leute zu zeigen versuchen, ihre Ähnlichkeit mit uns aufzeigen?"
So genau wie der Autor wollten viele Leser in der Türkei aber nicht differenzieren; die Kritik an seinen Landsleuten hat in seiner Heimat zu ernsthaften Repressalien gegen Orhan Pamuk geführt. Sandra Strunz dagegen muss sich die Frage stellen, wie sie sich als Nicht-Türkin und Nicht-Muslimin zu der Kritik stellt und schon ergibt sich wieder eine neue Perspektive auf den Roman. Und ein weiterer Grund, ihn auf der Bühne zu einem ganz eigenen Werk zu machen.
Schnee. Premiere am 5.4. im Kleinen Haus des Theaters Freiburg, Regie Sandra Strunz. Auch am 8., 9., 17. und 18.4., Tel. 0761/201 28 53, www.theater.freiburg.de
An den Münchner Kammerspielen (Regie Ole Walburg) wieder am 2. und 13.4., Tel. 089/23 39 66 00, www.muenchner-kammerspiele.de