Tageskarte Theater Städte aus Haushaltswaren
"Eigentlich mag ich ja eher das Unvorhergesehene im Tanz", erzählt Mathilde Monnier in einer Probenpause. Doch momentan verzichtet sie auf Experimente. Die Amateurtänzer, mit denen sie seit November in Berlin probt, brauchen klare Ansagen. Monniers Arbeit am neuen Tanzprojekt der Philharmoniker hat wenig mit den experimentellen Werken zu tun, für die die Starchoreografin aus Montpellier bekannt ist. Dafür hat sie Geschmack am Pädagogischen gefunden.
Wieder einmal hat Sir Simon Rattle im Rahmen seines Education-Programms Zukunft@BPhil eine Berühmtheit aus der Tanzwelt eingeladen. Denn wieder einmal sollen Kinder, Jugendliche und Senioren ihre sozialen Hintergründe für die Dauer einer Tanzaufführung vergessen. Seit Royston Maldoom und dem Film "Rythm is it" ein Konzept, das ausverkaufte Häuser, betroffene Theatergänger und Diskussionen über die Mangelsituation im deutschen Bildungssystem verspricht.
Derartige Diskussionen interessieren Mathilde Monnier nicht. Sie ist hier, um sich ihrer 130-köpfigen Besetzung und der Musik von Heiner Goebbels zu widmen. "Surrogate Cities", eine preisgekrönte Komposition aus Orchestermusik und gesampelten Alltagsgeräuschen, steht im Zentrum ihrer Inszenierung. "Es gibt kein besseres Stück zum Thema Urbanität", begeistert sich die Choreografin, die seit Jahren mit dem Komponisten zusammenarbeitet. "Außerdem behandelt es ein Thema, zu dem wirklich jeder etwas sagen kann."
Auch die verschiedenen Berliner Communities, die Monnier für ihre Adaption auf die Bühne holt, haben etwas über die Stadt zu erzählen. Ihre Grundschüler aus Neukölln bauen Städte aus mitgebrachten Haushaltswaren. Jugendliche Asylbewerber tanzen inmitten einer interaktiven Multimediainstallation. Und eine Seniorentanzgruppe aus Lichtenberg trifft in einer Bürgerkriegsszene auf zwei Kung-Fu-Schulen. "Es ist einfach fantastisch, mit einer so bunt zusammengewürfelten Truppe zu arbeiten", sagt Monnier. "Nicht immer einfach, aber sehr lehrreich."
Unter anderem lernt sie, dass man auch Amateurtänzern vertrauen kann. "Ich war zwischendurch schon ganz schön nervös: Ein Mammutprojekt mit derart ungewöhnlicher Musik ist eine riesige Herausforderung, vor allem für die Kleinen." Aber auch die schlagen sich wacker. Was passiert, wenn Monnier ihre Truppe heute Abend alleine auf die Bühne schickt, liegt ohnehin nicht mehr in ihrer Hand. Und so bekommt die Choreografin ihn am Ende doch noch: ihren Moment des Unvorhersehbaren.
Heiner Goebbels "Surrogate Cities" für großes Orchester, Sprechstimme, Mezzosopran und Sampler ist am 2.und 3. Februar um 19.30 in der Arena-Treptow in Berlin zu sehen.
Choreografie: Mathilde Monnier. Mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle, Joycelyn B. Smith, David Moss, Benjamin Kobler.