Talk bei Kerner Strippen und Verkaufen
Ihr Sprachvermögen mag beschränkt sein, Phrasendreschen hat sie trotzdem nicht nötig. Wirklich ganz wunderbar, wie Verona Pooth immer wieder all jene Männer auf ihre Plätze verweist, die ihr galant und gönnerhaft die richtigen Worte in den Mund legen wollen. So auch gestern Abend, als sie bei Johannes B. Kerner unter anderem über die Entkleidung und die Vermarktung der eigenen Person sinnierte.
Gerade sind in einer großformatigen Illustrierten großformatige Beinahe-Nacktbilder von Pooth erschienen. Als die 39-Jährige zu erklären versuchte, weshalb sie erst jetzt die Hüllen fallen ließ, obwohl sie seit einem Vierteljahrhundert als Model und Werbe-Visage dazu gedrängt wird, sprang ihr Johannes B. Kerner ungefragt zur Seite: "Du wolltest eben nicht käuflich sein." Pooths Konter: "Doch, doch, das bin ich ja!"
Und so erzählte sie freizügig vom Vertrag, den sie unlängst mit der Marketingfirma ihres Mannes Franjo abschloss. Natürlich wurde dabei gleich das zu bewerbende Produkt benannt. Es war der Auftakt zu einer Plapper-Tour durch ihr Privat- und Geschäftsleben. Selbsterkenntnis und Selbstentblößung sind bei Pooth ja eins: "Ich bin, was ihr von mir seht und von mir hört."
Punkt und Komma kennt sie nicht. Der Franjo und der Dieter, die Liebe und das Geschäft - das alles lag bei ihr gestern mal wieder so dicht zusammen, das dazwischen kein Satzzeichen zu passen schien. Nur einmal stoppte der Redefluss; Kerner hatte das Wort "Kompromiss" eingeworfen, das die Künstlerin erklärt haben wollte. Verona Pooth, da mag das Gros der Zuschauer vor den Bildschirmen noch so überheblich grinsen, ist schlauer als die meisten Deutschen: Die unterschreibt nichts, was sie nicht versteht. Selbst wenn es mit dem Verstehen mal länger dauert.
Auf diese Weise half das Power-Geplauder von Deutschlands vielleicht mächtigster Werbe-Ikone tatsächlich der Erkenntnisförderung: Das Geheimnis ihres Erfolges? Ihre Geheimnislosigkeit!
Sirny-Kampuschs verlorene Jahre
Offenheit wollte auch ein zweiter weiblicher Gast bei Kerner suggerieren: Brigitta Sirny-Kampusch sprach über all die verlorenen Jahre, die sie ohne ihre Tochter verbringen musste, dem berühmten österreichischen Entführungsopfer Natascha Kampusch. Gerade ist ihr Buch "Verzweifelte Jahre. Mein Leben ohne Natascha" in einer 50.000er-Auflage erschienen. Die Tochter soll über die schriftstellerischen Ambitionen ihrer Mutter wenig begeistert sein.
Doch auch Sirny-Kampusch hat sich in dem Jahr seit der Befreiung Nataschas zu einer Medienunternehmerin entwickelt. Die Veröffentlichung ihres Buches begleitet sie mit einer Tingel-Tour durch die deutschsprachigen Talkshows, und zu keinem Zeitpunkt machte sie einen Hehl daraus, dass es ihr bei dem Projekt auch ums Geld geht. Das Familienschicksal als Kapital, ist das legitim?
Um solche Fragen ging es Kerner natürlich nicht. Der Moderator robbte nach all dem schönen schlüpfrigen Spaß mit Verona nun wieder sanft über den Schreibtisch an seinen Gast heran und rekapitulierte einmal aufs Neue die schwierige Familienzusammenführung der Kampuschs. All die Widersprüche, die sich in dieser Geschichte auftun, weil die Entführte sich nicht in die boulevardkompatible Opferbiografie einfügen will, ließ er unberührt.
Verständnislosigkeit von der medialen Seite
Nur einmal sprach Kerner eine Meinungsverschiedenheit von Mutter und Tochter an: Im Buch beschreibt die Alte, wie die Junge vor dem Sarg ihres Peinigers Abschied nimmt. Die Autorin zeigt sich diesem Vorgang gegenüber in ihren Erinnerungen verständnislos, die Tochter leidet bekanntermaßen an dieser Verständnislosigkeit. Trotzdem blieb die entsprechende Passage im Buch.
Was für eine grausame Distanz zwischen Natascha und Brigitta liegt, wurde aber auch ohne Zutun Kerners deutlich: Die Mutter sprach über die Tochter wie über ein fremdartiges Wesen, das sie ein Jahr studiert, dessen sie aber immer noch nicht habhaft geworden ist.
All das öffentliche Sprechen und Schreiben wird indes wohl kaum dabei helfen, die verlorene Nähe wieder herzustellen. Sirny-Kampusch ist inzwischen eine Geschäftsfrau geworden, die mit handelsüblichen Aufmerksamkeitsritualen um Marktpositionen kämpfen muss. Wer um Öffentlichkeit ringt, schreibt nun mal ein Buch oder macht sich nackig.
Das Ausziehen scheint inzwischen irgendwie die anständigere Variante zu sein.