Talkshow-Streit Anne Will muss "Patzer" zugeben
Auch Journalisten sind nur Menschen - und machen Fehler. Mit dieser abgewandelten Binsenweisheit wollte sich der Berliner CDU-Politiker Friedbert Pflüger nicht zufrieden geben. In der "Anne Will"-Sendung vom vergangenen Sonntag wies die ARD-Cheftalkerin auf die vermeintlichen Erfolge des rot-roten Berliner Senats hin - ungebührlicherweise, wie Pflüger fand.
Der CDU-Mann warf den Will-Machern vor, "Un- und Halbwahrheiten" zu verbreiten und "bewusste Verzerrung von Sachverhalten" zu betreiben. Nachdem Pflüger sich zunächst im RBB-Rundfunkrat für eine Absetzung von "Anne Will" stark machen wollte, forderte er schließlich eine Gegendarstellung in Wills Show. Nun haben sich die Streitparteien geeinigt.
SPIEGEL ONLINE liegt eine Vereinbarung vor, nach der Anne Will zu Beginn der nächsten Sendung ihr Bedauern über Fehler in ihrer letzten Show einräumen wird. Pflügers Rechtsvertreter, der Berliner Medienanwalt Alexander von Kalckreuth, bestätigte dies.
Auslöser des Krachs war vor allem ein kurzes Einspielfilmchen zu Beginn der besagten Sendung. Darin hatte die Redaktion die 2001 erfolgte Ablösung der CDU-geführten Großen Koalition durch Klaus Wowereits Regierung so beschrieben: "Kurz darauf kommt die rot-rote Koalition, erbt 60 Milliarden Euro Schulden - und führte Berlin auf die Erfolgsspur."
Tatsächlich aber fand der derzeitige Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) bei seinem Amtsantritt im Januar 2002 einen Schuldenberg von rund 38 Milliarden Euro vor - und nicht die von der "Anne Will"-Redaktion kolportierten 60 Milliarden.
Ganz unrecht hatte Pflüger mit seiner Kritik also nicht, selbst wenn die rot-rote Koalition erhebliche Zusatzschulden im Nachgang des Berliner Bankenskandals erbte - und der fiel immerhin in die Zeit, als Eberhard Diepgen eine große Koalition in Berlin führte und für die Union im Sessel des Regierungschefs saß.
Das war denn auch die Verteidigungslinie der "Anne Will"-Redaktion - zunächst. In deren Pressemitteilung nach der Pflüger-Attacke hieß es, "Anne Will" habe nicht behauptet, der Schuldenstand im Jahr 2001 habe rund 60 Milliarden Euro betragen. "Mit dem Wort 'erben' beziehen wir uns aber auf die gesamten finanziellen 'Altlasten' (als Folge beispielsweise der Bankenkrise), die die Vorgängerregierung dem neuen rot-roten Senat überließ."
In einer Pressemitteilung des NDR ist nun allerdings davon die Rede, eine Formulierung in der letzten Sendung sei "missverständlich" gewesen. Volker Herres, NDR-Programmdirektor Fernsehen, lässt sich in dem Text wie folgt zitieren: "Pannen sind immer ärgerlich, aber wo Menschen arbeiten und unter den Bedingungen einer Live-Sendung kann auch 'mal etwas schiefgehen."
Herres wendet sich allerdings gegen Pflügers Forderung, die Sendung abzusetzen: "Eine Sendung, die es Woche für Woche schafft, mehr als vier Millionen Menschen für Politik zu interessieren, gehört nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil gestärkt. Daran ändert auch ein solcher Patzer nichts."
Eine Sprecherin Wills teilte SPIEGEL ONLINE mit: "Wenn wir uns in der letzten Sendung missverständlich ausgedrückt haben, stellen wir das selbstverständlich gern auch gegenüber unseren Zuschauerinnen und Zuschauern klar."
Offenbar war der Druck also doch zu groß: Sogar Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hatte die Show gerügt. Zudem hatte ein Mitglied des NDR-Rundfunkrats - in dessen Auftrag "Anne Will" produziert wird - gefordert, dass Gremium möge sich mit Mängeln in der Berichterstattung der Talkshow beschäftigen; dies, nachdem bereits Pflüger "Anne Will" im RBB-Rundfunkrat zum Thema machen wollte.
Die Rundfunkräte, die die einzelnen ARD-Anstalten kontrollieren, sind nach Proporz mit Politikern besetzt - Kritiker monieren, dass die Gremien so als Plattform für politische Einflussnahme missbraucht werden können.
CDU-Mann Friedbert Pflüger weist das allerdings von sich. Er sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Auch Anne Will hat das Recht auf eigene Meinung. Allerdings hat sie nicht das Recht, Falschinformationen zu verbreiten."