Tanzshow auf RTL Endstation Walzer
Es war der Tag der großen medialen Rückkehr der Heide Simonis. Hatte man seit ihrer desaströsen vierfachen Abstimmungsniederlage im Kieler Landtag am 17. März 2005 nicht mehr viel von der langjährigen schleswig-holsteinischen Regierungschefin gehört, so prägte sie gestern das Fernseh-Programm gleich auf zwei Sendern.
Beim Kölner Kommerzkanal RTL zählte sie zum Kandidatenfeld der neuen Promi-Tanzshow "Let's Dance" - was bereits im Vorfeld für einige mediale Aufregung von "Hamburger Abendblatt" ("Am Abgrund der Lächerlichkeit") bis "taz" ("doch nur ehrlich") gesorgt hatte. Und kaum war das live aus dem Kölner Coloneum übertragene Geschwofe vorbei, erschien die Ex-Politikerin dann als Gast der (aufgezeichneten) ARD-Show "Beckmann". Dort talkte sie im Rahmen der Themenwoche Krebs: Bei Simonis war, wie sie nun öffentlich machte, vor vier Jahren Brustkrebs diagnostiziert worden, den sie inzwischen besiegt hat.
Lassen sich für den Beckmann-Auftritt noch positive Mitteilungs-Motive jenseits persönlichen Geltungsdranges anführen - Mut machen, aufklären, für Vorsorgeuntersuchungen werben -, so kann schon jetzt bilanziert werden, dass sich Simonis mit der Tanznummer keinen Gefallen getan hat: Als älteste und prominenteste Teilnehmerin erfüllte sie dort den erwartbaren Part einer tragikomischen Skurrilität - daran änderte auch der Umstand nichts, dass sie in ihrer neuen Funktion als ehrenamtliche Unicef-Bundesvorsitzende vorgestellt wurde und RTL dem Kinderhilfswerk eine Spende überweisen muss.
"Ein tolles Duell, auf das Sie sich freuen können: Heide Simonis gegen den Langsamen Walzer", leitete Moderator Hape Kerkeling vor dem Auftritt der einstigen Landesmutter zur zweiten Werbepause über, und nach der folgenden Darbietung von "Once, twice, three times a Lady" landete Simonis wegen schlechter Jury-Werte auf dem letzten Platz - weit abgeschlagen hinter der führenden Comedy-Aktrice Wolke Hegenbarth ("Mein Leben und Ich"), und sogar hinter dem ungelenken Moderator Axel Bulthaupt und dem staksigen Ex-Zehnkämpfer Jürgen Hingsen.
Zwar lobte die Eislauf-Ikone und Jury-Vorsitzende Katarina Witt etwas unbeholfen, wie elegant "Frau Heide" vom glatten Parkett der Politik auf den Tanzboden gewechselt sei, doch sollten nicht die Zuschauer per Telefonvoting das Ergebnis korrigieren, dürfte Simonis bereits am nächsten Samstag in Folge zwei "in den Sonnenuntergang" tanzen, wie Kerkeling es ausdrückte.
Bei dem um Glamour bemühten Tanz-Format soll nun, da Deutschlands Superstar und das nächste Topmodel fürs Erste ermittelt sind, der "Dancing Star" gekürt werden. Es handelt sich um die Adaption eines international erfolgreichen BBC-Konzepts: "Strictly Come Dancing" heißt die 2004 erstausgestrahlte Ur-Version, die in Großbritannien bereits drei Staffeln überdauerte, in 22 Länder verkauft wurde und in leichten Abwandlungen unter anderem auch in den USA, Australien, Italien, Österreich und den Niederlanden Erfolge feiert. Hierzulande versuchte sich im vergangenen Oktober bereits ProSieben an einer eigenen Variante: Dort präsentierte Oliver Pocher das "Große ProSieben Tanzturnier", bei dem der Sieger aus C-Prominenten wie Caroline Beil, Désirée Nick und Oli. P allerdings innerhalb eines einzigen langen Abends ermittelt wurde.
Das Muster ist dabei immer gleich: An den Start gehen mit Tanz-Profis gepaarte und zuvor von diesen trainierte Prominente und müssen ihre Fähigkeiten in verschiedenen Disziplinen Publikum und Jury präsentieren. In der auf acht Teile angelegten RTL-Show, die ab der zweiten Ausgabe samstags läuft und am Sonntag, dem 21. Mai, ihr großes Finale finden soll, sind das neben den Genannten noch der Telenovela-Akteur und Yvonne-Catterfeld-Lover Wayne Carpendale, Ex-"No Angels"-Sängerin Sandy Mölling, Ex-"Balko"-Darsteller Jochen Horst und Ex-Hochspringerin Heike Henkel - sehr viele Exe eben.
Verglichen mit dem flegelhaften Pocher, den damals rund zwei Millionen Zuschauer sehen wollten, hatte RTL immerhin den besseren und massentauglicheren Conférencier: Abgesehen von den erwähnten kleinen Nadelstichen blieb Kerkeling höflich und ließ sich lediglich nach jeder Tanzdarbietung mit einem dezent-ironischen "Schade, schade, schade, dass das schon vorbei ist" vernehmen. Während seine Assistentin Nazan Eckes die Probanden dann im Backstage-Bereich in Empfang nahm, konnte die Jury - neben Witt ein Tanz-Trendscout, ein Wertungsrichter und ein mehrfacher Tanzweltmeister - schon mal beginnen, sich die seit "Deutschland sucht den Superstar" obligate Rollenverteilung von Sanftmütigen und Gestrengen zu erarbeiten.
Was rätselhaft bleibt, ist einzig die Frage, warum man derartigen B-Berühmtheiten dauerhaft bei ihren Tanzbemühungen zusehen sollte - über mehrere Wochen lang. Mit der erstaunlich hohen Auftaktquote - durchschnittlich 7,12 Millionen Zuschauer 23,4 Prozent Marktanteil - kann man bei RTL sicher erst mal zufrieden sein - ob sie stabil bleibt, auch wenn Heide und die von ihr eingebrachte Fallhöhe weg sind, wird sich zeigen.