Tanztheater: Alvin Ailey lebt! - DER SPIEGEL
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Tanztheater Alvin Ailey lebt!

Als der Choreograph Alvin Ailey 1989 starb, schien auch das nach ihm benannte Tanztheater in New York vor dem Aus zu stehen. Doch nun finden die 31 Tänzer des Ensembles im "Joan Weill Dance Center" ein neues Zuhause. Zahlungskräftige Gönner aus dem weißen Establishment der Stadt sorgten für den Erhalt einer afro-amerikanischen Kulturlegende.
Von Helmut Sorge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aids raffte den Tänzer dahin. Als seine Getreuen den Sarg auf dem Whittier Friedhof zu Los Angeles in die Grube senkten, versackten mit dem Toten auch die Hoffnung und das Erbe - so zumindest schien es damals, anno 1989.

Das nach ihm benannte Tanz-Theater "Alvin Ailey" war, 31 Jahre nach seiner Gründung, vom Konkurs bedroht. Auf etwa eine Million Dollar bezifferten die Nachlassverwalter die Schulden. Kleingeld für die Metropolitan Opera, die New Yorker "Met", deren Budget auf jährlich 200 Millionen Dollar geschätzt wird. Für eine Tanztruppe jedoch, modern, nicht klassisch, und schwarz obendrein, signalisierte diese bedrückende Bilanz das Ende.

Eine Generation von Choreographen wie Twyla Tharp, Merce Cunningham, Paul Taylor oder Mark Morris waren erschüttert in ihrem Selbstverständnis. Ein Stück Geschichte, afro-amerikanische Kultur, die von Ailey entwickelte und von Pionieren wie Lester Horton, Katherine Dunham und Martha Graham inspirierte Kunst sollte einfach ausradiert werden?

Gospel und Blues, Akrobatik und Ausdruck


Alvin Ailey, 1931 in Rogers, Texas geboren, symbolisierte Tradition und Freiheit. Seine Tänzer waren entfesselt von den strikten, klassischen Ballettstrukturen. Stattdessen führte er ihnen Inspiration und Phantasie zu und die Geschichte des schwarzen Amerikas: Spiritualität, Leid, Erlösung, Gospel und Blues, so wie sie Ailey 1960 in seinem Klassiker "Revelations" offenbarte.

Der Körper war sein Instrument: Rhythmische Disziplin, disziplinierter Rhythmus, Akrobatik und Ausdruck - Tanz total. Alvin Ailey hatte seiner Mutter auf den Baumwollfeldern des Südens geholfen und als Kind Armut und Unterdrückung eingeatmet. Wie Millionen andere Afro-Amerikaner fand er allein in der Kirche Freiheit, konnte dort Leid und Frust, Widerstand und Hoffnung in Gesang Song und Tanz ausdrücken, so wie Ailey es in seiner Miniatur "Cry" umsetzte, einem 18-minüten Solo, das er seiner Mutter 1971 zum Geburtstag widmete.

Ailey und Mutter Lula hatten Erlösung vom Rassismus gesucht, indem sie der Völkerwanderung der Schwarzen aus dem Süden folgten und nach Los Angeles emigrierten. Ailey war fasziniert von den Tänzern des "Ballet Russe de Monte Carlo", das in L.A. gastierte, er wurde zu einem Apostel von Katherine Dunham, einer Choreographin, Tänzerin und Anthropologin, die primitiven, ethnischen Tanz in der Karibik studierte und in ihrer Tanztruppe, den "Dunham Dancers" umsetzte.

Einer der wenigen weißen Tanzlehrer in der Westküsten-Metropole, der vor einem halben Jahrhundert bereit war, einen Schwarzen auszubilden, war Lester Horton. Er gab Alvin Ailey Struktur - sowohl im Leben, als auch im Tanz. Der Künstler war gerade mal 23 Jahre alt, als sein Mentor starb. Entwurzelt einmal mehr, belastet plötzlich mit Verantwortung: 1953 übernahm Ailey Hortons Tanzteam.

Doch die Zukunft für den aufstrebenden Star wartete in der Show-Metropole New York. Dort wirkte die begnadete Martha Graham ("Ohne Tanz würde ich sterben"), dort war Katherine Dunham bereits in den dreißiger Jahren am Broadway auf die Bühne getreten, so wie sie die schwarzen Frauen in der Karibik gesehen hatte: Sie balancierte einen Vogelkäfig auf dem Kopf und qualmte eine Zigarre. Hollywood-Größen und Broadway-Stars wie Marlon Brando oder Eartha Kitt meldeten sich in Dunham-Kursen an. Sie tanzten und folgten ihrer Inspiration, den eigenen Stimmungen - so ähnlich wie Alvin Ailey die Spiritualität der Afro-Amerikaner erfasste und in Tanz umsetzte.

Bald darauf wurde der Newcomer aus L.A. weltweit umjubelt, global kopiert: Ailey, der bis zu seinem 18. Lebensmonat partout nicht laufen wollte, in der Jugend schüchtern und als Erwachsener eher introvertiert war, entwickelte mehr als fünfzig Choreographien, arbeitete Jazzer wie Keith Jarrett und Charlie Parker in seine Werke ein und immer wieder Gospel-Melodien wie "Rocka My Soul in the Bosom of Abraham". Zweifellos: Ailey war ein Genie des Tanzes. Nur, ein Administrator, ein Manager, behaupten jene, die mit ihm arbeiteten, war Ailey nicht. Durch seine Dynamik, sein Image, hatte er seine legendäre New Yorker Truppe zusammengehalten und die Schuldner immer wieder vertröstet. Doch dann kam sein irdisches Ende, das die Existenz seines Tanztheaters zu besiegeln schien.

"Die treibende Kraft"

Kulturverbundene New Yorker, manche von ihnen eher den klassischen Künsten verbundene jüdische Bürger, entschlossen sich 1989, die Institution Alvin Ailey zu retten, zumindest "den Versuch zu unternehmen", wie Guido Goldman erinnert, einer der Vizevorsitzenden der Alvin-Ailey-Stiftung. Sie überzeugten Judith Jamison, unter Ailey zu einer der großen Tänzerinnen unserer Zeit herangereift, das Werk des Meisters zu übernehmen. Sie engagierten den als Sanierer gelobten Michael Kaiser, der später auch die Finanzen des "American Ballett Theaters" in New York und die Londoner Oper im Covent Garden ordnete, und verpflichteten sich, das Tanztheater durch Spenden finanziell zu unterstützen.

Einer der Gönner war Goldman selbst, einer der weltweit größten Sammler der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Wandteppichen namens "ikat". Sein 1982 verstorbener Vater Nahum war einer der weitsichtigen Vermittler zwischen Israel und Deutschland und ein Liebhaber der deutschen Klassik. Sohn Guido, anerkannter Deutschlandexperte des "Center for European Studies" an der elitären Harvard-Universität, geriet über eine Tänzerin in den Sog der Tanzkunst - die Ehefrau seines Bruders Michael, die mit Katherine Dunham und kurzzeitig auch mit Ailey tanzte.

Goldman, mit dem Entertainer Harry Belafonte befreundet, hatte sich in den sechziger Jahren bei den Bürgerrechtskämpfen im Süden der USA mit den unterdrückten Afro-Amerikanern solidarisiert und sich mit ihrer Kultur identifiziert, die Amerika "so unglaublich stark geprägt hat". Alvin Ailey war für Goldman "ein wesentlicher Teil des Ganzen". Goldman stiftete der Tanztruppe spontan einen neuen Bühnenbelag, um die Verletzungsanfälligkeit der Tänzer zu mindern, vor allem aber animierte er Gleichgesinnte, das Ensemble zu unterstützen.

Sandy Weill, Aufsichtsratsvorsitzender der weltgrößten Bankgruppe "City Group", der bei munterer Börsenentwicklung bis zu 100 Millionen Dollar jährlich an Kulturinstitutionen überweist, versprach eine erste Spende von 15 Millionen Dollar, zumal Ehefrau Joan das Tanztheater besonders schätzt. Sie ist die Vorsitzende des Ailey-Stiftungsrats, und, wie einer ihrer Vertrauten bestätigt, "die treibende Kraft" der Tanzorganisation. Mit Erfolg: Am Mittwochabend wird es an New Yorks 9. Avenue, Ecke 55. Straße, wohl zu Verkehrstaus kommen: "Alvin Ailey" zelebriert den ersten Spatenstich zu einem in dieser Dimension wohl einmaligen Ereignis: die Errichtung eines 55 Millionen Dollar teuren Tanztheaters für das 31 Tänzer umfassende Ensemble, das jährlich zunächst mit einem Budget von elf Millionen Dollar ausgestattet ist.

Im Sommer 2004, so die Planung, soll im "Joan Weill Dance Center", benannt nach der Ehefrau des größten Gönners, die erste Premiere über die Bühne gehen. Unsere Truppe, so einer der Manager, ist "wieder unglaublich gefragt", vielleicht sogar "stärker als je zuvor": Unlängst, so berichtet er, wurde ein Tänzer gesucht - 110 Aspiranten stritten sich um den Job. Beim Trauergottesdienst im Dezember 1989 hat ein Vertrauter den Tod des großen Tänzers mit dem Ende "eines großen Baumes" verglichen. Doch die Wurzeln sind nicht vertrocknet - Alvin Ailey wächst weiter.