Tate Modern Ein Kraftwerk moderner Kunst?
London im Mai 2000. Blair sitzt im Schmollwinkel, der frisch gewählte Bürgermeister "Ken" noch etwas verdutzt auf dem Chefsessel - aber sonst geht alles seinen gewohnten Gang im Millenniumsjahr. Ihre Majestät die Queen lächelte hold, stieg aus der Limousine und eröffnete zu den Fanfarenklängen von Sir Harrison Birtwistle - dem größten lebenden britischen Komponisten - das neueste Millenniumsprojekt am Themse-Ufer. Danach gab's Häppchen für die Reichen und Wichtigen und ein Feuerwerk fürs Fußvolk. Die BBC übertrug live: morgens, abends und nachts. Nach Millennium Dome und Millennium Wheel ist jetzt das Millennium Museum die größte Attraktion in "Cool Britannia".
Im Gegensatz zu seinen viel geschmähten Vorgängern sind sich Macher und Medien dieses Mal einig: Das neue Museum für moderne Kunst, kurz Tate Modern, ist ein Winner. Die Times referiert seitenlang unter dem Stichwort: "Warum wir die Tate Modern brauchen", der Guardian titelt großflächig : "It's Big Bold and Beautiful". Selbst die Politik hat nichts zu mäkeln; liest sich die Entstehungsgeschichte der Tate Modern doch wie aus dem Lehrbuch von New Labour: On time. On budget. Ohne Skandal.
Dabei ist die Tate Modern alles andere als Folge einer Kompromisslösung. Im Gegenteil. Sir Nicholas Serota - Museumsleiter der Tate und führende Antriebskraft des Projektes - hat mit seinen Entscheidungen von Anfang an gegen alle Regeln der Kunst verstoßen. Während britische Star-Architekten im Geiste schon den nächsten Hightech Neubau konstruierten, entschieden sich Serota und sein Team für den Umbau eines stillgelegten Stromkraftwerks aus der unmittelbaren Nachkriegszeit in Southwark, einem der heruntergekommensten Viertel Londons. Ausgerechnet ein Fossil des Industriezeitalters sollte sich durch Architektenhand zum Kraftwerk moderner Kunst entwickeln. Und wer wurde mit der Ausführung betraut? Nicht etwa "Pompidou-Rogers" oder "Reichstag-Foster", sondern ein bis dato relativ unbekanntes Architekturbüro aus der Schweiz: Herzog & de Meuron.
Unter deren gestrenger Aufsicht ist in den letzten fünf Jahren ein Gebäude der Superlative entstanden: Ein Sieben-Stockwerke-Museums-Koloss mit Cafeteria, Kulturtempel und Aussichtspunkt. Wo früher Strom für London produziert wurde, reiben sich jetzt Picasso, Monet oder Matisse an Hockney, Hirst und Warhol. Die traditionelle Unterteilung nach "ismen" (Expressionismus, Futurismus und so weiter) ist einem völlig neuen Konzept gewichen. So genannte "Themes" wie "History", "Memory" oder "Society" treten ordnend an deren Stelle.
Die internationale Sammlung moderner Kunst, die sich bis dato zwecks Platzmangel oftmals im "Keller" der Millbank Tate Art Gallery wiederfand, hat in der Tate Modern einen gigantischen Rahmen bekommen. Es scheint, als würde London sich noch im Nachhinein für all die Jahre entschuldigen, in denen Modern Art ein Schattendasein führte. Nicht umsonst haben sich führende Künstler der "Britart" wie Damien Hirst oder Tracey Emin unter diesen Bedingungen der "Sensation" verschrieben. Modern Art musste schocken, um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Die Eröffnung der Tate Modern institutionalisiert Aufmerksamkeit. Ob sich diese auf Kunst, Architektur, Aussicht oder Abendkleid konzentriert, bleibt letztendlich jedem Besucher selbst überlassen. Zumindest ab heute.