Reporter unter Verdacht "taz"-Redakteur soll KollegInnen bespitzelt haben
Das Redaktionsgebäude der "taz" in Berlin: Jede Eingabe mitgeschnitten
Foto: REINHOLD HUEGERICH/ ASSOCIATED PRESSBerlin - Die "taz" war schon immer ein Ort, an dem sich auch Charaktere aufgehoben fühlen können, die anderswo vielleicht anecken würden: Bei der alternativen Berliner "tageszeitung" gibt es einen Kollegen, der grundsätzlich barfuß läuft, zu jeder Jahreszeit und Witterung. Ein anderer trägt dafür stets Wollmütze und Handschuhe. Hier spielt die Kleidung, die Hautfarbe, die sexuelle Orientierung keine Rolle: Jeder und jede ist akzeptiert.
Einem Redakteur könnte nun jedoch ausgerechnet eine Eigenschaft zum Verhängnis werden, die gemeinhin als beste Voraussetzung für den Beruf des Journalisten gilt: übergroße Neugierde.
Passwörter, Chats, Webseitenaufrufe abgegriffen
Am vergangenen Mittwoch eröffnete die Chefredakteurin Ines Pohl ihrer verdutzten Redaktion, dass mehrere Arbeitsplatzrechner im Haus mit einem sogenannten Keylogger angezapft worden seien. Mit einem solchen Gerät, äußerlich einem herkömmlichen USB-Stick ähnlich, können die Tastaturanschläge eines Computers aufgezeichnet werden. So lassen sich beispielsweise Passwörter abgreifen, aber nicht nur diese: Sämtliche Webseitenaufrufe, Texteingaben, Chat-Nachrichten lassen sich für den Angreifer nachvollziehen.
Im Verdacht, den Keylogger angebracht zu haben, stehe ein Kollege, informierte Pohl. Es handelt sich dabei, so hört man aus dem Haus, um einen langjährigen Mitarbeiter, einen als überaus engagiert geltenden Investigativjournalisten.
Wie mehrere "taz"-Mitarbeiter berichten, sei das Spionagegerät zunächst bei der Wartung eines Rechners in der EDV-Abteilung aufgefallen. Die IT-Leute waren verblüfft. Der Einsatz von Keyloggern ohne die Einwilligung des Nutzers ist in Deutschland strafbar.
Die EDV-Spezialisten warteten ab - und tatsächlich erschien ein Redakteur im Inlands-Ressort und versuchte, den Keylogger unauffällig an sich zu nehmen. Zur Rede gestellt stritt er ab, seine Kollegen ausgeforscht zu haben. Dennoch wurde er des Hauses verwiesen, seine Schlüssel musste er abgeben. Eine externe Festplatte, die er an seinen eigenen Rechner zu hängen pflegte, durfte er mitnehmen.
Weniger Wut als Erschrecken
Seither blühen in der Rudi-Dutschke-Straße die Spekulationen. Obwohl allseits die Unschuldsvermutung betont wird, zweifelt bereits im zweiten Satz niemand, den man danach fragt, ernsthaft an einem Fehlverhalten des verdächtigten Kollegen. Wütend erlebt man die tazler dabei kaum, eher erschrocken. Der Verdächtige wird als Einzelgänger beschrieben, der sich stets äußerst akribisch seiner Arbeit widme, geradezu dafür lebe. Und der jetzt wohl kaum noch als Journalist arbeiten könne. Von möglichen strafrechtlichen Konsequenzen ganz abgesehen. Ob die "taz" in der Sache die Polizei eingeschaltet hat, ist nicht bekannt.
Ausgeforscht worden seien die Rechner von Ressortleitern, ehemaligen und aktuellen Redakteuren, dazu die einer Volontärin und einer Praktikantin. Aber zu welchem Zweck? Und steht ein Einbruch bei der "taz" in der Nacht zum Donnerstag mit der Sache in Verbindung? Ein Unbekannter hatte die Eingangstür aufgebrochen - an einer mit einer Codenummer gesicherten Zwischentüre fanden sich allerdings keine Manipulationsspuren. Der Code ist jahrelang nicht geändert worden und jedem aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter bekannt, zudem sind die richtigen Tasten so erkennbar abgegriffen, dass es nicht viel Fantasie braucht, um auf die korrekte Kombination zu kommen. Gestohlen worden sei jedoch nichts. Die Polizei ermittelt.
Ein persönliches Motiv gilt als wahrscheinlich
Auch wenn die Sorge um die Integrität der Zeitung jetzt groß ist und alle Mitarbeiter aufgefordert wurden, ihre Passwörter zu ändern, glaubt kaum jemand daran, dass Interna nach außen getragen werden sollten, etwa im Zuge einer Recherche über vermeintliche Missstände bei der Zeitung. Ein persönlicher Hintergrund der Ausforschungen gilt als wahrscheinlicher. Was bleibt, ist das ungute Gefühl eines ungeheuerlichen Vertrauensbruchs.
Offiziell möchte sich aus der "taz" niemand zu dem Vorgang einlassen. "Zu Personalangelegenheiten äußert sich die taz grundsätzlich nicht", lässt der Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch im Hausblog der "taz" verlauten. Die zweiköpfige Chefredaktion ist an Grippe erkrankt. Der Betroffene selbst war für SPIEGEL ONLINE bis zum Erscheinen dieses Textes nicht zu erreichen. Am Montag soll er sich bei einem Personalgespräch zu den Vorwürfen erklären. Das ganze Haus ist gespannt.
Offenlegung: Der Autor dieses Artikels war bis Oktober 2010 Redakteur bei der "taz".