Techno-Krise Streik auf der Love Parade?
"Wir planen, um 17 Uhr alle Wagen für zehn Minuten anzuhalten und die Musik abzudrehen", verkündet der Herausgeber des Techno-Magazins "Raveline" Cengiz Celik und wirft den Veranstaltern Arroganz und Inkompetenz vor: "Die hohen Herren haben jeden Bezug zur Szene verloren".
Während die Techno-Intelligenzija sich am Donnerstagabend auf dem "Musik & Maschine"-Kongress selbst Preise verlieh und die ersten Warm-up-Partys zur Love Parade stattfanden, glühten am Alexanderplatz die Telefondrähte heiß. Die Mannen um Celik und die Macher der Love Parade versuchten im Wechseltakt, die Teilnehmer zum Protest zu bewegen, beziehungsweise sie davon abzuhalten. Celik räumt ein, dass die Love-Parade-Organisatoren am längeren Hebel sitzen. "Sie drohen den Wagenbetreibern, sie nicht starten zu lassen. Für manche, die von Sponsoren abhängig sind, wäre das der Ruin."
Der Blattmacher rechnet dennoch damit, dass etwa die Hälfte der Wagen an der Protestaktion teilnehmen. Fürs nächste Jahr kündigt er eine neue Parade an, mit der sich die Protestler von den Love Parade-Machern distanzieren und eine eigene Parade "mit dem Geist der früheren Love Parade ", unabhängig von Love Parade GmbH und Planetcom, organisieren.
Nach den Absagen und der harschen Kritik von Star-DJs wie Sven Väth, Marusha und Tanith prasselt nun Kritik von allen Seiten auf die Love-Parade-Macher nieder. Mangelnder Realitätssinn und die geringe Transparenz der Finanzen sind Vorwürfe, die Dimitri Hegemann, Clubbetreiber des "Tresors", in einem Interview der "Berliner Zeitung" gegenüber den Machern erhebt.
In die Kritik gerät auch Andreas Scheuermann, Geschäftsführer der Love Parade GmbH. Jahrelang galt er als graue Eminenz, die öffentliche Auftritte mied. Im Lifestyle-Magazins "Max" präsentierte sich der 44-jährige Musikanwalt als "Mr. Love Parade" und erklärte: "Das Motto heißt: 'Back to the Roots'. Der Kern der Parade ist die DJ-Kultur. Nur sie ist zutrittsberechtigt. Junge-Union- und "Big Brother"-Wagen gibt es nicht mehr". Der Wagen der RTL2-Containerserie gilt in der Szene als Paradebeispiel für die hemmungslose Vermarktung des Techno-Umzugs.
Mit Celik verhandelte Scheuermann tagelang um größere Mitbestimmung der Szene beim Event und machte zunächst weitreichende Zusagen. Komitees aus Szenevertretern sollten bei Vermarktung, Motto und musikalischem Programm der Parade Mitspracherecht erhalten. Als "Raveline" diese Zusage als "Sieg auf der ganzen Linie" promotete, ruderte Scheuermann zurück, obwohl ihm der Wortlaut von Celiks Presseerklärung bekannt war. Celik äußert sich in seinem Streikaufruf empört: "Die Love Parade hat das letzte Stückchen Glaubwürdigkeit verloren". Auch wenn "Raveline" als größte Technokaufzeitschrift nicht die ganze Szene repräsentiert, drängt sich dennoch der Eindruck auf, dass die Dinge für die Love Parade außer Kontrolle geraten.
RTL2 verlost derweil in der "BZ" erneut Plätze auf dem Sender-Wagen, Stargast: Alt-"Big Brother" Alex Jolig. Während Scheuermann in "Max" die hohen Kosten für die Love Parade damit erklärt, dass Medien professionell betreut werden müssten, lästert "Bild" darüber,dass es zum Streikaufruf der "Raveline" kein Statement von der paradeverantwortlichen Planetcom gab und wundert sich über die absurde Begründung: "Unser Pressesprecher ist heute nicht mehr da".
Allein der Wetterbericht macht der Love Parade Mut. "Sonne ist die halbe Miete", weiß Fabian Lenz, Trademark-irector der Parade, und fügt mit einer gehörigen Portion Sarkasmus hinzu: "Außerdem hat es schon immer Leute gezogen, wenn sie denken, ein Ereignis findet zum letzten Mal statt".