Televisionen: Briefbomben und Zigarettenschmuggel - DER SPIEGEL
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Televisionen Briefbomben und Zigarettenschmuggel

Mit Krimis nach wahren Fällen gibt sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen anspruchsvoll, sieht dabei aber eher alt aus. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Trend geht zum wahren Fall im Fernsehen. Ereignisse, von denen alle schon in anderen Zusammenhängen gehört und gelesen haben, interessieren alle umso mehr, so die Rechnung der Sender. Und auch wenn die in punkto Quote kaum aufging, wie Sat.1 mit "Wambo" und "Vera Brühne" erfahren musste, geht die Entwicklung erst einmal munter weiter. Auch im Herbst wird die deutsche Geschichte der letzten Jahrzehnte neu beleuchtet werden.

Die öffentlich-rechtlichen Sender, die das Dokumentarische für ihre Domäne halten - auf dem Informationssektor mit Recht - haben sich bisher zurück gehalten, was auch daran liegen mag, dass Persönlichkeitsrechte mitunter ebenso teuer wie Sportrechte erworben werden müssen. Jetzt kommen ZDF und ARD mit zwei Filmen, die wahre Geschichten so nüchtern beziehungsweise künstlich-nüchtern nacherzählen, dass man sich wünscht, Sat.1 möge seiner Strategie treu bleiben.

Von der Suche nach dem österreichischen Attentäter Franz Fuchs, der in den neunziger Jahren mit seinen Briefbomben vier Menschen getötet, dem Wiener Bürgermeister den Daumen weggesprengt und Arabella Kiesbauer bedroht hatte, erzählt "Der Briefbomber" (Mo. 11.6. ZDF 20.15 Uhr). Der Protagonist namens Meyer ist eng angelehnt ist an den echten Kriminalpsychologen Thomas Müller, der auch als Berater des Films tätig war. Sylvester Groth porträtiert ihn wie immer als einen, der hinter seiner Fassade viele interessante Geheimnisse verbergen könnte. Hier bleiben die mutmaßlichen Geheimnisse geheim.

Zwar scheint dieser spröde Akribiker über gewaltige Intuition zu verfügen, die ihn Identität und Vorgehen des wahren Täters ahnen lässt. Aber Szenen, die den Profiler als Menschen profilieren könnten, fehlen. Am ehesten wirkt er besserwisserisch. Über Sex-Appeal muss Meyer auch verfügen, da die eigentlich leitende Kommissarin Irina Zehender (Bibiana Beglau) im Laufe der Handlung ihren Beruf aufgibt, um Mutter seiner Kinder zu werden - aber diese Szenen deutet der Film nur an. Eines Abends fragt sie ihn beim Rotwein, ob er sie morgen mit zur Arbeit nehmen könnte; später stellt sie dann ein Kinderbettchen unter den Weihnachtsbaum...

Über den Täter, der stumm bei Volksmusik aus dem Fernseher in seinem miefigen Häuschen hockt, erfährt man wenig, und über das politische Kalkül, das im Vor-Haider-Österreich geherrscht zu haben scheint, auch nicht mehr. Der Film verkneift sich vieles, was interessant wäre, und alles, was spektakulär wäre. Die Suche nach dem Täter hat lange gedauert - den Eindruck vermittelt er allerdings schon.

Immerhin, wenn der polizeiliche Sprengstoffexperte (Harald Krassnitzer) in schwerer Anspannung einen federleichten Umschlag vorsichtig ins Freie trägt, ist das ein Moment außergewöhnlicher Spannung. Die nüchterne Form und der explosive Inhalt stehen in einem kühlen Spannungsverhältnis, das eine eigentümliche Faszination ausübt. Was keineswegs selbstverständlich ist, wie ein ähnlich aufgebauter NDR-Film aus der Welt des Zigarettenschmuggels beweist...

Charmante Langeweile

Dieter Meichsner war einst Fernsehspielchef des NDR und hat sich mit Werken wie "Besuch aus der Zone" (1958) bis hin zu den Zoll-Krimis "Schwarz Rot Gold" verdient gemacht. Jetzt ist er Pensionär und mit einem neuen Drehbuch noch mal beim alten Sender vorbei gekommen. Dort, wo sich ohnehin manche Produktionsentscheidungen auch auf den zweiten Blick nicht erschließen, konnte niemand nein sagen. So wurde "Die achte Todsünde: Gespensterjagd" (Mi. 13.6. ARD 20.15 Uhr) zum Film (Regie: Stephan Meyer) und verbreitet 90 Minuten lang charmante Langeweile. Charmant, weil Maria Furtwängler in der Hauptrolle gut aussieht. Langeweile wegen dem Rest.

Nicht, dass es uninteressant wäre, im Rahmen einer Fiktion mal etwas über das Vorgehen der diversen Brüsseler Euro-Behörden wie die Anti-Schmuggeleinheit OLAF (Office européenne pour la lutte anti-fraude) zu erfahren. Oder über Zigarettenschmuggel, der offenbar über viele Grenzen geht und dessen Profiteure schwer zu greifen sind. Wenn US-Tabakkonzerne wirklich in Schmuggelgeschäfte zu Lasten der EU verwickelt wären, wäre das ein echter Skandal.

Aber die Abfolge inszenierten Geredes kann weder den Plot wirklich verständlich, noch die Brisanz spürbar machen, von der häufig nur geredet wird. Eine Holländerin (Hilde van Mieghem) leitet die Kommission. Rüdiger Vogler spielt einen Franzosen und der trotz seines Namens deutsche Schauspieler Pierre Besson ("LiebesLuder") mimt mit englischem Akzent einen amerikanischen Starjournalisten. Die deutsche OLAF-Mitarbeiterin Katja Schütte (Furtwängler) reist über den Kontinent und verhandelt mit osteuropäischen Paten über Vereinbarungen, die die anonymen Bösewichte womöglich trocken legen könnten.

Mit vielen Flügen zwischen Malaga und Kiew, Wien und Athen bemüht sich der Möchtegern-Thriller um einen Hauch von Internationalität, bereichert sich aber nur an mehr oder weniger charmanten fremdländischen Akzenten der deutschen Sprache. Am Versuch eines 90-minütigen Querschnitts durch das komplexe Phänomen bürokratischer Wirtschaftskriminalität verhebt sich der Film mitsamt seinem hochgestochenen Titel.

Außerdem neu:

Do., 14. 6. 20.15 Uhr Vox: "Sara Amerika"
Kein Fernsehfilm, aber ins angestrebte Kino hat es die Berlin-Tragikomödie von Roland Suso Richter ("Der Tunnel", "14 Tage lebenslänglich"), der zusammen mit Tobias Stille auch das Buch schrieb, nicht geschafft. Mit Thomas Heinze, Dennenesch Zoudé und Oliver Korittke.

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