Televisionen: Das Sorbendirndl am Potsdamer Platz - DER SPIEGEL
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Televisionen Das Sorbendirndl am Potsdamer Platz

Sat.1 erzählt mal wieder "Der einzige Zeuge" nach, macht dabei vieles falsch, ist aber immerhin nett zur nationalen Minderheit der Sorben. Und RTL entdeckt, dass weniger mehr sein kann. Die SPIEGEL ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fernsehbosse sind viel beschäftigte Menschen, oft auf dem Sprung in den Jet nach Cannes, und wer ihnen etwas verkaufen will, muss seine Idee in wenigen Minuten packend "pitchen" können. Eine geniale Formel finden wie: Wir machen "Der einzige Zeuge" (Wir erinnern uns: Das US-Drama mit Harrison Ford unter Amish People) auf deutsch. Wann es das zuletzt gab, hat der Sat.1-Verantwortliche letztes Jahr vielleicht noch gefragt, dann war die Geschichte gekauft. Jetzt kommt "Nur mein Sohn war Zeuge" ins Fernsehen (Di. 10.4. 20.15 Uhr).

Die Story vom Jungen, der zufällig einen Mord mit ansieht und daraufhin von Killern gejagt wird, funktioniert nicht nur immer und überall, sondern wirkt sogar filmisch. Denn hier treiben nicht Dialoge die Handlung voran, sondern Blicke: In der Berliner Version des Stoffes (Regie: Jakob Schäuffelen, Buch: Hannes Fraunhoffer, Martina Borge) wird der kleine Niko in einer verlassenen Villa zufällig Zeuge eines Mordes. Dem einen Täter sieht er kurz darauf, als der in seinen Wagen steigt, ins Gesicht. Mit den Augen des Titelhelden erkennen Zuschauer schneller, als es der Dialog unbeholfen zur Sprache bringt, dass der Mörder ein Polizist ist, und zwar ausgerechnet der Vorgesetzte des Beamten, dem der kleine Zeuge seine Beobachtung anvertraut hat.

Bis auch Polizist Peter (Ingo Naujoks in der Harrison-Ford-Rolle) erkennt, dass seine eigenen Chefs den Zeugen beseitigen wollen, erzeugen schlichte filmische Mittel schlanken Thrill: Der Wackeldackel im Auto ist der Code für den Killer. Allerdings besteht die einzige Variation, die sich Sat.1 gegenüber dem Original gestattet, darin, die Spannungsbögen auf werbefernsehtypische Länge herunter zu biegen. Höchstens zehn Minuten vergehen, dann hat der erklärende Dialog den Plot wieder eingeholt, und alle Leute im Film wissen, was alle wissen. So verpufft die Konfrontation zwischen mordenden Polizisten und dem schützenden Ermittler verblüffend rasch.

Den Raum nutzt der Sender, um seinen Zuschauerinnen, so wie er sich sie vorstellt, eine Alleinerziehenden-Romanze zu bieten: Die Mutter des Jungen (Andrea Sawatzki) trifft sich auf der Suche nach einem Mann gerade mit Polizist Peter, der Vater eines Mädchens ist. Alle gemeinsam fahren, wie vom Original-Film vorgemacht, in die urtümliche Natur, wo die Menschen noch einfache Weisheiten aussprechen und dekorative Trachten tragen.

Was für Hollywood die deutschstämmigen Amish in Pennsylvania, sind für Sat.1 die slawischen Sorben in der Lausitz. Andrea Sawatzki wird in ein Trachtenkleid gesteckt, in dem sie dann über den Potsdamer Platz stapft; Sagen und Brauchtümer der freundlichen Minderheit, die die DDR in die Republik eingebracht hat, werden vorgestellt. Nur als die Alleinerziehenden einander zum ersten Mal küssen, an der Mühle im Spreewald, vertraut der Sender statt sorbischer Volksmusik doch lieber auf amerikanoiden Kuschelrock im akustischen Hintergrund. Die Ausgangsidee also ist gut, aber die ist nicht von Sat.1, der Rest ist großzügig verschenkt.

Kühler Vergewaltigungs-Thriller

Eine clevere Pitch-Strategie scheinen auch die Produzenten des neuen RTL-Films verfolgt zu haben: Wie in der berüchtigten Sparkassenwerbung ("Mein Haus", "mein Auto", "mein Pferd"), müssen sie die Begriffe "Die Frau, die Freundin und der Vergewaltiger" (Mi, 11.4., 20.15 Uhr) auf den Tisch geknallt haben. Draufgelegt haben sie eine aktuelle Statistik aus den USA: Jede vierte Frau wird dort Opfer eines Date Rape - und RTL hat die Story (Buch: Don Schubert und Heike Fink) gekauft...

Kurz nach ihrer Hochzeit erfährt Anne (Doreen Jacobi), dass ihr Mann Richard (Thomas Scharff) vor Jahren ihre beste Freundin Maike (Valerie Niehaus) nach einem Flirt vergewaltigt haben soll. Ob das stimmt, die Freundin irrt oder der Mann lügt - all diese Fragen stehen im filmischen Raum. Dem gibt Regisseur Michael Keusch Gestalt im Hochglanzmilieu der sehr jungen Super-Erfolgreichen von Köln und Bonn-Bad Godesberg, das er in matte Farben taucht und durch ein bisschen Dogma-Ästhethik trendbewusst verfremdet. Für die Stimmung hat RTL viel teure Musikrechte erworben, Neues von Madonna und andere Tracks, die trancig dahinjazzen.

Die Kühle mag befremden, aber sie passt zur Story. Die Diskrepanz zwischen aufwühlender Vergangenheit und der distanzierten Art, in der sie in die Gegenwart drängt, hat dramaturgischen Sinn. Natürlich nimmt die Handlung auch alberne Schlenker: So einfach, dass die "Badische Zeitung" interessierten Journalisten Fotos und Anschrift der wichtigsten Vergewaltiger aus Freiburg zumailt, geht investigativer Journalismus in der Regel nicht. Natürlich klingen einige Dialogsätze nach dem, was in traditionellen Besprechungen von Fernsehspielen mit heiklen Themen "der Holzhammer" hieße.

Etwas in dieser Tradition hat RTL hier tatsächlich auch produziert. Der Film beschränkt sich darauf, relativ vernünftige Aussagen relativ sympathischer Charaktere relativ unaufgeregt gegeneinander zu stellen. Hinterher kann man darüber sogar diskutieren. So relativ und so diskutabel sind RTLs "Große TV-Romane" selten.

Außerdem neu:

Sa., 7.4. ZDF 20.15 Uhr: "Denninger: Der Mann mit den zwei Gesichtern"
(Regie: Gloria Behrens, Buch: Leo P. Ard)
"Mallorcakrimi" mit "Tatort"-Kommissar Miroslav Nemec als Bösewicht


So. 8.4. ARD 20.15 Uhr: "Polizeiruf 110 - Seestück mit Mädchen"
(Regie: Helmut Förnbacher, Buch: Michael Illner)
Kaum zieht Kommissar Diekmann (Jürgen Schmidt) aus Hamburg in den Osten, wird auch schon der Möbelwagen geklaut...


So. 8.4. ZDF 20.15 Uhr: "Wilder Kaiser: Das Duell"
(Regie: Marco Serafini, Buch: Serafini, Barbara Engelke)
Kabale und Liebe in den Alpen mit Gaststar Wolfgang Lippert


Mo. 9.4. ZDF 20.15 Uhr: "Solange wir lieben" (Regie: Olaf Kreinsen, Buch: Martin Kluger)
Die Wildbiologin und Tiermedizinerin Dr. Miriam Herzfeld (Hannelore Elsner) kehrt aus Kanada nach Berlin zurück und begegnet ihrer alten Liebe (Michael Mendl)


Mi. 11.4. ARD 20.15 Uhr: "Ein Stück vom Glück"
(Regie: Rolf von Sydow, Buch: Rolf-René Schneider)
Geschichte einer Männerfreundschaft im Showgeschäft. Mit Klausjürgen Wussow und Wolfgang Stumph


Karfreitag, 13.4. ARD 18.40 Uhr: "Paulus I"
(Regie: Roger Young, Buch: Young, Gareth Wyn Jones)
Neues aus Leo Kirchs Bibel-Zyklus: Johannes Brandrup (Ex-"Alarm für Cobra 11") ist Saulus. Teil 2 am Ostermontag


Fr., 13.4. ZDF 21.15 Uhr: "Zugvögel der Liebe"
(Regie: Richard Engel, Buch: Christiane Sadlo)
Vater und Sohn aus Hamburg verlieben sich in Südafrika in die gleiche Frau, was aber nur eines von vielen Problemen ist


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