Televisionen: Der Abend der pummeligen Heldinnen - DER SPIEGEL
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Televisionen Der Abend der pummeligen Heldinnen

"Die Hässliche" nennt RTL seinen Problemfilm um eine vollschlanke Protagonistin, und auch die ARD stellt ein pummeliges Mädel in den Mittelpunkt einer Dramödie. Noch besser aber ist das Sat.1-Remake eines 25 Jahre alten Films. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die gröbste Realitätsverzerrung, die Hollywood sich leistet, wenn es der Welt das Bild der USA ausmalt, ist ja das Volumen ihrer Einwohner. Im Film erscheinen die Menschen zwischen N.Y. und L.A. schön und cool, wirken schlimmstenfalls geliftet. In Wirklichkeit jedoch sind Amerikaner meistens dick. Das deutsche Fernsehen lässt sich solche Idealisierung nicht vorwerfen. Am Mittwoch, dem 29.11., veranstalten die ARD und RTL um 20.15 Uhr sozusagen einen Sender übergreifenden Themenabend, der sich pummeligen Frauen widmet und zeigt, wie sie zu mehr Lebensfreude oder sich selbst finden.

Die Protagonistin des RTL-Films "Die Hässliche" (Regie: Käthe Niemeyer, Buch: Horst & Eva Kummeth) heißt Miriam (Cornelia Saborowski), hüllt ihren fülligen Körper in unvorteilhaftes Business-Grau und trägt das Haar sogar noch nachteilhafter. Als auf ihren Wagen das Cabrio des schönen Studenten Kai (Sebastian Ströbel) knallt, schimpft der die Dicke "hässliche Qualle", woraufhin sie entgegnet: "Ihre Hässlichkeit ist schlimmer, man sieht sie bloß nicht". Das sitzt. Nachdenklich geworden, besucht der ranke Sohn eines Arbeitslosen nun die dickliche Tochter eines reichen Finanzberaters. Und weil der viele Sex mit schlanken Blondinen Kai langweilt (was der Film zeigt), werden die beiden bald intim (was der Film nicht so richtig zeigt). Nun argwöhnen Miriams Schwester und Vater, der neue Freund würde sich nur des Geldes wegen mit der Dicken einlassen...

Kaum freundet man sich als Zuschauer ein wenig mit dieser Geschichte an, die sozusagen das Romeo-und-Julia-Motiv in die ausgeweitete Kampfzone der sexuellen Revolution versetzt, da entzieht sich der Film mit einer doppelten Volte aber auch aller Kritik: Zunächst einmal hat Miriam, was in Filmen nie die Wirkung verfehlt, einen Gehirntumor. Schlagartig wird klar, dass es wichtigere Dinge gibt als schlechte Filme. Wer wäre schon so hartherzig, Schlechtes über eine Figur zu sagen, die bald sterben wird, oder gar feige abzuschalten? Und auch die letzte Kritik muss verstummen, als Kai nahezu gleichzeitig in seiner Miriam eine Jüdin erkennt.

Jetzt verkneift man sich auch die Bemerkung, dass die Natur ungerecht sei, weil sie die Darstellerin der "Hässlichen" nicht einmal mit Schauspieltalent ausgestattet hat. Oder entschärft sie durch den Zusatz, dass die Schauspielerin gar nicht wirklich hässlich ist. Selbstverständlich ist es ein gutes Zeichen, wenn schlechte Filme auch Minderheiten repräsentieren, die mit der Story nichts zu tun haben. Vielleicht ist es ja ein mutiges Signal gegen Rassismus, "Die Hässliche" tapfer zu Ende anzuschauen.

Es wäre aber auch nicht weiter verwerflich, umzuschalten und in den ARD-Beitrag zum Quasi-Themenabend der pummeligen Heldinnen reinzuschauen. Zumal die zweite Hälfte der Dramödie "Einer geht noch" die bessere ist: Hier geht's heiterer zu. Der Film von Vivian Naefe (Regie) und Christan Jeltsch (Buch) leidet lediglich unter der unter Fernsehfilmen verbreiteten Krankheit, immerzu alles erklären zu müssen. Diese Krankheit verursachen Redakteure, die unter Quotendruck leiden und fürchten, dass ihre Zuschauer weiterzappen, sobald sie einen Zusammenhang nicht verstehen. Daher müssen die Leute im Film gleich im allerersten Dialog mal rasch 20 Jahre Vorgeschichte rekapitulieren. Und immer mal wieder Sentenzen sprechen wie "Wen interessiert das?" - "Mich, deine Frau!".

Zur Story: Einerseits geht es darum, dass die pummelige Greta (Stephanie Gossger) nicht die Tochter ihres vermeintlichen Vaters (Dieter Pfaff, auch nicht unpummelig, aber selbstbewusst) ist und also den richtigen sucht. Bei der Gelegenheit zeigt der Film viel Milieu: eine Kleinstadt im Ruhrpott voller uriger Typen, versoffene Gewerkschaftler, die große Visionen der Weltgeschichte ("Ich habe einen Traum...") in die kleine Realität hinunterholen ("...von einer florierenden Wasserbettenfabrik"), und lebenskluge Mädels, die ab und zu Oneliner zum Besten geben, deren Weisheit die Einfalt der meisten Dialoge gewaltig überstrahlt. "So wie Männer essen, so haben sie auch Sex". Andererseits lebt der Film von der Leidenschaft für Sport. Greta veranlasst die Damen des Dorfes zu der relativ revolutionären Tat, sich für ein Kegelsport- Großereignis anzumelden, bei dem Jahrzehnte lang nur Herren kegelten. Solch Emanzipation sorgt für Trubel und lässt auch Greta aufblühen. Wen interessiert Sportkegeln wirklich?, könnte man noch einwenden, aber schließlich schafft es Hollywood auch, die Welt mit so absurden Sportarten wie Baseball zu unterhalten.

Damit zum guten Film der Woche: "Einladung zum Mord" (Di. 28.11., Sat.1 20.15 Uhr) heißt er unsinnigerweise, und zeichnet sich dadurch aus, dass seine junge (allerdings unpummelige) Heldin Nina (Mira Bartuschek) über weite Strecken nur ahnt, dass ihr übel mitgespielt werden wird, und diese Ahnungen nicht einmal formulieren könnte, wenn sie mit jemandem darüber sprechen könnte. Regisseur Rainer Matsutani inszeniert Blicke ohne Worte, die nicht sofort tot gequatscht werden. Nina also muss ihre Eltern, die sich Jahre lang nicht um sie gekümmert haben, in die Ferien nach Südafrika begleiten. Schon im Flugzug sieht sie, wie der Vater (Bayern-"Tatort"-Kommissar Miroslav Nemec mit sehr subtiler Bosheit) einer fremden jungen Frau über den Arm streicht, und glaubt, dass sich hinter der verschminkten Fassade der Mutter (Jutta Speidel) Böses abspielt. Mehr von der Geschichte (Buch: Matsutani und Eckhard Vollmar), die Rainer Erlers TV-Film "Die letzten Ferien" von 1975 entstammt, sollte man am besten nicht erzählen. Aber angucken sollte man sie.

Außerdem neu:

Sa. 25.11. 20.15 Uhr, ZDF:
"Stubbe - Von Fall zu Fall: Tod des Models"
(Regie:Thomas Jacob, Buch: Peter Kahane, Markus Stromiedel) Hauptkommissar Stubbe (Wolfgang Stumph) liefert sich einen unheimlichen Zweikampf mit einem hoch intelligenten gefährlichen Serienmörder. Sagt das ZDF.

So. 26.11. 20.15 Uhr, ARD:
"Tatort: Quartett in Leipzig"
(Regie: Kaspar Heidelbach, Buch: Hans-Werner Honert, Fred Breinersdorfer, Wolfgang Panzer) Zur Feier von 30 Jahren "Tatort" lösen die WDR-Kommissare aus Köln (Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär) und die MDR-Kommissare aus (Peter Sodann, Bernd Michael Lade) aus Leipzig einen Fall gemeinsam.

Mo. 27.11. 20.15 Uhr, ZDF:
"Die Rückkehr des Schwarzen Buddha"
(Regie und Buch: Ron Eichhorn) Sebastian Koch spielt die Zwillinge Max und Nick, die in China wegen einer wertvollen Statue gefährliche Abenteuer erleben und sich in dieselbe Frau verlieben.

Do. 30.11. 23.00 Uhr, ARD:
"Zärtliche Sterne"
(Regie: Julian Roman Pölsler, Buch: Claus Cornelius Fischer) Liebesgeschichte zwischen Dorfschönheit (Bernadette Heerwagen) und Jahrmarkt-Boxer (Tim Bergmann).

Fr.1.12. 20.15 Uhr, ARD:
"Seitensprung ins Glück"
(Regie: Stefan Lukschy, Buch: Gabriele Diechler, Lukschy) Managerin heuert für Geschäftsessen mit ausländischen Investoren Gigolo an - und staunt ganz schön, als sie in dem ihren Ex (Michael Roll) erkennt.

Fr.1.12. 20.45 Uhr, Arte:
"Brennendes Schweigen"
(Regie: Friedemann Fromm, Buch: Christian Jeltsch) Boulevardjournalist Siggi Baumeister (Uwe Bohm) wittert eine brisante Story in seinem Heimatdorf in der Eifel.

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