Televisionen: Der Popcorn-Tunnel - DER SPIEGEL
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Televisionen Der Popcorn-Tunnel

Warum aus dem "Tunnel" auf Sat.1 ein höchst ansehnlicher zeithistorischer Thriller hervorkrabbelt. Und warum Evelyn Hamann fahrlässig handelt, ohne lustig zu sein. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

So konsequent sah man das Hollywood-Prinzip, nach dem alte Zeit nichts mit alter Optik zu tun haben muss, hier zu Lande selten umgesetzt. Gegen das Verblassen historischer Erinnerungen arbeitet der Zweiteiler "Der Tunnel" (So. 21.1. und Mo. 22.1., Sat.1 jeweils 20.15 Uhr) an: mit sehr viel Geld, sichtlich viel Aufwand und auch mit Erfolg. Roland Suso Richter hat die Berliner Mauer und das Prinzip, für das sie stand, gemäß dem State of the Art der internationalen Filmsprache inszeniert. Die Kamera fährt meist sanft umher, Vergangenheit wird stilecht rekonstruiert in der schnellen, reizorientierten Filmsprache von heute.

Die Handlung (Buch: Johannes W. Betz) springt elegant umher zwischen dem freien Westen, in dem es Popmusik gibt, und dem Osten, in dem alle immer irgendwie unter Beobachtung stehen. Und jede Mark des 13-Millionen-Budgets, die man nicht in der Ausstattung sieht, wurde in teure Stars gesteckt: Heino Ferch ist Muskel für Muskel ein deutscher Bruce Willis, integer bis ins Innerste, als Filmfigur immer bemüht und als Schauspieler immer dann gut, wenn man den Schweiß seiner ehrlichen Bemühung spürt. Und da Ferch Harry Melchior spielt, die treibende Kraft einer Schar, die anno 1962 vom Westen aus die Berliner Mauer grabend untertunneln will, spürt man ziemlich viel Schweiß.

Noch größer als Harrys offener Blick sind die großen Augen seiner Film-Schwester (Alexandra Maria Lara), die er aus dem Osten herausholen möchte. Auch der Rest des Ensemble kann sich sehen lassen. Sebastian Koch und Felix Eitner spielen verhaltener als üblich, Claudia Michelsen ist eine überzeugende Stasi-IM, der Deutsch-Türke Mehmet Kurtulus ("Kurz und schmerzlos") als US-Amerikaner der heimliche Star. Und Nicolette Krebitz eine Klasse für sich, die auch gewagtesten Emotionenfolgen Leben einzuhauchen vermag. Sie ist allerdings spürbar deswegen dabei, weil eine Frau eben zum Popcorn-Kino dazu gehört, weil sich Liebesgeschichten besser auf dem Weltmarkt und dem Werbespotmarkt verkaufen. Krebitz als Fritzi hat zu spielen, was Ferch als Harry gerade braucht: erst ein Objekt fürs gesunde Misstrauen, dann eines zum Tanzen, zum Trösten und eines der Begierde. Die natürlich keusch bleibt, solange ihr Verlobter lebt.

Ein bisschen subtiler also hätte es schon sein können. Dafür entschädigt der Film aber mit dem hollywoodhaftem Thrill. Am Ende schleicht sich Harry als getarnter Volksarmist in den Osten und wagt mit einem Armee-Lkw einen Husarenritt bis zur Rettung in letzter Sekunde. Am Ende spottet der Film der Plausibilität recht kühn. Aber er spottet ihr spannend, und das ist okay.

Jetzt muss noch eine weniger wichtige, aber doch unbequeme Wahrheit ausgesprochen werden: Evelyn Hamann ist ohne Loriot gar nicht lustig! Gewiss ruft sie mitunter ein Schmunzeln hervor, und natürlich haben auch Filmchen wie "Ehemänner und andere Lügner" (So. 21.1. ZDF 20.15 Uhr, Regie: Claus-Michael Rohne, Buch: Ruth Toma) ihre Berechtigung, in denen selbstgefällige ältere Ehemänner, die ihre Frauen mit sehr viel jüngeren hintergehen, und Bescheid gestoßen kommen. Und es ist auch legitim, wenn Lustspiele, die sich offenkundig an betagteres Publikum richten, behäbig daherkommen und Dialoge wiederkäuen. En passage wird eine plausible Erklärung dafür geboten, warum in Deutschland so viel schlimme Musik veröffentlich wird: Wenn halbwüchsige Hiphopper ihre bei Plattenfirmen beschäftigten Väter beim Sex mit Sekretärinnen auf dem Büroteppichboden erwischen, können sie sie fortan natürlich erpressen...

So weit, so heiter. Aber Filme, die ihrer Zielgruppe älterer Frauen ohne jede ironische Brechung einreden wollen, dass erfolgreiche Emanzipation vom selbstgefälligen Gatten darin bestehen kann, an der Heim-Stereoanlage mit verstellter Stimme Grimms Märchen als Hörspiele aufzunehmen, und dass daraus eine Geschäftsidee großen Stils (sobald nämlich der hiphoppende Sohn die Tonmischung übernimmt) werden kann - die handeln in höchstem Maße unverantwortlich.

Außerdem neu:

Sa. 20.1. WDR 22.15 Uhr Vom Himmel das Blaue (Regie: Jörn Hintzer, Buch: Henning Köhn). Komödie mit Bernd Michael Lade als hauptberuflichem Lügner.

So. 21.1. ARD 20.15 Uhr Polizeiruf 110: Jugendwahn (Regie: Bodo Fürneisen, Buch: Wolfgang Hesse). Die Kommissare aus Halle (Jaecki Schwarz, Wolfgang Winkler) klären den Mord an einem Architekten.

Mo 22.1. ZDF 20.15 Uhr Nicht mit uns (Regie und Buch: Bernd Fischerauer). Intrigen in der Münchener Modewelt. Mit Gila von Weitershausen, Elke Sommer und Heidelinde Weis.

Di. 23.1. Sat.1 20.15 Uhr Lotto-Liebe (Regie: Susanne Hake, Buch: Brigitte Blobel nach Motiven von Jochen Franke). Den Berlin-Mythos, an dem "Der Tunnel" so erfolgreich arbeitete, fährt diese läppische Komödie gleich wieder auf Potsdamer-Platz-Plastik-Pop herunter.

Di. 23.1. RTL 20.15 Uhr Doppelter Einsatz: Das Alibi (Regie: Thorsten Näter, Buch: Rolf Basedow). Schon wieder müssen die Hamburger Kommissarinnen entdecken, dass ein brisanter Fall in ihre engste Verwandtschaft führt: Ellens Vater war gar nicht der vorbildliche Polizist, für den ihn alle hielten.

Mi. 24.1. ARD 20.15 Uhr Ein mörderischer Plan (Regie: Matti Geschonneck, Buch: Hannah Hollinger). Verwicklungen auf ostfriesischer Insel. Mit Iris Berben, Frank Giering, Christian Redl.

Mi. 24.1. RTL 20.15 Uhr Albtraum einer Ehe (Regie: Johannes Fabrick, Buch: Lisa Fidler Wendell). Gewalt in der Ehe, mit Nina Kronjäger und August Zirner.

Fr. 26.1. ARD 20.15 Uhr Klinik unter Palmen: Mexiko (3) (Regie: Otto W. Retzer, Buch: Rolf-René Schneider).

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