Televisionen Der Star ist die Mann-Schaft
Eine erstaunlich große Fraktion der Repräsentanten unserer Fernsehsender kommt aus der Wissenschaft oder von der hohen Literatur. Diese belesenen Leute schämen sich immer ein wenig, wenn sie vermeintlich populäre Unterhaltungssendungen anzukündigen haben, und sind stets dann richtig bei sich, wenn repräsentative Literaturverfilmungen Premiere feiern. Dann tafeln sie in schönen Hotels bei leckeren Büffets und hören sich erst einmal ihre festlichen Reden an. Oft kommen die Redenschreiber der Repräsentanten darin auf den pfiffigen Einfall der Alliteration "Qualität und Quote". Immer bauen sie sodann ihre Ansprachen nach dem bewährten Muster auf, im ersten Teil die Unmöglichkeit anspruchsvoller Projekte in der heutigen Medienwelt zu betonen - und im zweiten zu feiern, dass es doch wieder möglich gemacht wurde. Diese rhetorische Figur hebt die Stimmung automatisch.
So ging es auch zu bei der Premiere des Dreiteilers "Die Manns" (Arte, Mi., Do., Fr. 5.-7.12. Arte jeweils 20.45 Uhr). Nur der französische Arte-Vertreter fiel leicht aus dem bildungsbürgerlichen Rahmen, weil er sich dem Thema näherte, als ob auch Kino Kunst sei: Viscontis "Tod in Venedig", "Mephisto" und "Der blaue Engel" seien in Frankreich sehr bekannte Filme.
Zum Glück traf er damit, was den Reiz des Sujets und des Fernsehdreiteilers ausmacht: Während das deutsche Kulturschaffen des letzten Jahrhunderts insgesamt in der Welt mit Recht nicht so populär ist, stammt aus der Künstlerfamilie um Thomas Mann, seinen Bruder Heinrich und seine Kinder ziemlich viel von dem kleinen Teil, der in den erweiterten Popkultur-Kanon eingegangen ist. Eben auch Klaus Manns Roman "Mephisto" und Heinrichs "Professor Unrat" in Form seiner Verfilmung "Der blaue Engel". Entsprechende Ikonen, die unvermeidliche Marlene und der Theater-"Mephisto" - so wie Gründgens sich schminkte und Brandauer ihn im Oscar-Film spielte - sind recht nahtlos integriert in die aus Spielszenen, Interviewauszügen und Dokumentarmaterial montierte Familiensaga.
Um Literatur geht es dagegen kaum - was manchen Literaten verschrecken dürfte, aber dem Fernsehfilm gut tut. Dessen eigentliches Kunststück ist es, die Vergangenheit, die mitunter sehr tief anmutet (wenn etwa der alte Dichterfürst im Original zu hören ist), ganz verblüffend mit der Gegenwart zu verlinken. Prima ist zum Beispiel die Szene, wenn der Züricher Kellner, von dem Thomas Mann im Tagebuch 1951 heimlich schwärmte, heute rosig vor die Kamera tritt und erzählt, dass er damals gerade verliebt war, in eine Frau natürlich.
Die Materialsammelwut ist den Filmemachern (Regie: Heinrich Breloer, Buch: Breloer, Horst Königstein) nicht zum Verhängnis geworden. Hunderte Stunden von alten wie neuen Interviews und zahllose von schriftstellerisch tätigen Familienmitgliedern überlieferte Episoden überfrachten den Film nicht. In der ziemlich kurzen Form von dreimal 105 Minuten mutet der Stilmix zeitgemäß zügig an - montiert für Zuschauer aus der Zapping-Generation, die es gewohnt sind, nicht alles erklärt zu bekommen - und oft geradezu virtuos.
Das ist die "offene Form", wie Breloer und Königstein ihren Dokudrama-Stil nennen und gegenüber ihrem "Todesspiel" noch perfektioniert haben. In sie passt fast alles hinein: anrührende Familienszenen, schwule Liebe in New York, ein Stückchen Guerilla-Fernsehreportage (wenn das Kamerateam in einem Münchener Schaufenster den ausgestopften Bären findet, der früher in der Villa der Manns stand), alte Interviews mit dem späten Gründgens in Schwarzweiß und dem späten Golo Mann in Farbe, leise Zwischentöne wie Thomas' platonische Homophilie, von der "Der Tod in Venedig" implizit kündet und deren explizite Diskussion in den letzten Jahren wohl das meiste Aufsehen erregte.
Und natürlich gibt es auch mehrere Stars: Armin Mueller-Stahl, der alte Herr aus Hollywood, erzeugt eine noble Nobelpreisträger-Aura, indem er sich nie in den Vordergrund spielt, sondern stets die Gewissheit verströmt, Mittelpunkt zu sein. Ähnlich charismatisch ist der Star der Doku-Handlungsstränge: Elisabeth Mann Borghese, 82, letztes lebendes Kind Thomas Manns, erzählt an den diversen Handlungsorten zwischen München, Davos, Lübeck und L.A. so pointensicher, als sei sie eine Fernsehprominente.
Auf Schauspielerseite überzeugen weiterhin Monica Bleibtreu als Thomas-Ehefrau Katja und pragmatisch-beherzte Literaturbetriebsmanagerin, Sebastian "Oetker" Koch als Desperado Klaus und Sophie Rois als Erika Mann. Nur Veronica Ferres fällt schauspielerisch heraus aus dem Ensemble. Sie spielt Heinrichs Frau Nelly, eine plattdeutsche Proletarierin, der am Morgen nach der ersten Liebesnacht das Bettlaken sauber übers Dekolleté drapiert ist, die ansonsten aber derb tut.
Später gibt die Ferres mit röhrenden Schreien erschüttende Trinkerinnenstudien, und am Literatentisch platzt ihr enges Kleid im Brustraum. Wenn dann der blasiert vergeistigte Dichter entgeistert auf die pralle Lebedame starrt, dann ist es wohl auch der feingeistige Schauspieler und Violinist Mueller-Stahl, der entgeistert auf die körperliche Verkörpernde Ferres starrt. Die hatte während der Dreharbeiten gerade die bekannte Trennung vom bekannten Regisseur Dietl vollzogen und war auf ihre Weise mindestens so ein Medienstar wie Mueller-Stahl. Der Gegensatz zwischen den Schauspielstilen der beteiligten Künstler ist da raffiniert in die Inszenierung integriert, macht die Konflikte noch glaubhafter und "Die Manns" noch sehenswerter.
Am 17., 19. und 21. Dezember läuft "Die Manns" auch in der ARD