Televisionen: Der Tod sieht rot - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Televisionen Der Tod sieht rot

Pro Sieben heuert ein lustiges Buddy-Gespann an, um den Tod einzufangen. Das ZDF widmet sich demselben Thema, geht die Sache aber weitaus ernster an - mit Max Färberböcks Trauer-Drama "Jenseits". Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau...
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Tod ist in den meisten Filmen ein gern gesehener Nebendarsteller: schwer verzichtbar und leichtfertig eingesetzt. Krimis ohne Mord sind öde, und Melodramen gehen mehr zu Herzen, wenn todkranke Frauen eine Ersatzmutti für ihre Liebsten suchen oder wenigstens Witwer wieder verkuppelt werden. Generell gibt es keinen effizienteren Kniff, anspruchsvolle Tiefe zu simulieren, als mal eben mit dem Tod zu konfrontieren... Wie alle Nebendarsteller verschwindet auch der Tod kurz und schmerzlos wieder von der Bildfläche, wenn er seine dramatische Schuldigkeit getan hat: Trauer ist unfilmisch und unsexy. Trauernde sind höchstens dafür gut, getröstet zu werden.

Zwei Fernsehfilme dieser Woche gehen auf ziemlich unterschiedliche Weise nah an den Tod heran und bringen frischen Wind in den Tod. Die Tragödie "Jenseits" (Mo. 12.2., ZDF 20.15 Uhr) startet so stark, dass die am Ende kaum enden wollende Melodramatik nicht stört. Es geht um den Zusammenprall zweier Welten, und wie es dazu kommt. Das Aufeinander-zu-Rasen geschieht im Straßenverkehr. Regisseur und Autor Max Färberböck inszeniert es mit superber Dynamik: faszinierend für die Augen der Autofahrernation und zugleich - dank einer sorgsam designten Tonspur - bedrohlich.

Die Alltage des arrivierten Staatsanwalts Mund (Sylvester Groth) mit seiner intakten Familie und der allein erziehenden Aussiedlerin Katharina Buchwald (die Russin Ekaterina Medvedeva mit hinreißendem Akzent) werden für immer unterbrochen, als Katharinas Sohn dem Juristen mit dem Fahrrad vors Auto fährt. Der Staatsanwalt weiß, dass er keine Schuld, sondern der Junge die Verkehrsregeln missachtet hat. Der Staatsanwalt hat aber auch sein Handy zuhause vergessen, das ihm sein eigenes Kind vergebens hinterher trug. Also fährt er weiter: Der filmische Sog hält an, die unprätenziöse Eindringlichkeit der Inszenierung macht vieles nachvollziehbar. Die Schocksituation, in der der strenge Staatsanwalt zum schuldigen Fahrerflüchtigen wird, die Gewissensbisse, die ihn seiner Routine radikal entfremden. Auch seinen Entschluss, die Mutter des Kindes aufzusuchen, die statistikgemäss besonders selbstmordgefährdet ist. Katharina Buchwald trauert wirklich. Mit dem Unfassbaren geht "Jenseits" auch jenseits des Plots auf der inszenatorischen Ebene ernsthaft und fesselnd um, das hebt den Film aus der Masse hervor...

...und lässt darüber hinweg sehen, dass die Geschichte dann doch in eher übliche Fahrwasser gerät. Dass die anschwellende Dramatik in einem Tötungsversuch und einer Schwangerschaft gipfelt, dass Munds Ehefrau (Anja Kling) blass bleibt, dass in den abschließenden Prozessen umso mehr geredet wird, ist alles gar nicht schlimm. Zwar hatte der Filmemacher zuvor zu viele bezwingende Bilder gefunden, um so viele Worte wirklich nötig zu haben, psychologisch herrscht aber schon Erklärungsbedarf. Doch "Ich bereue nichts", wie der angeklagte Staatsanwalt im Schlussplädoyer ausruft, sollte einfach niemand sagen, der ein Kind überfahren hat. Selbst wenn er es schuldlos überfahren hat. Das klingt nur trist nach alternden Piaf-Fans.

Ein Serienkiller namens Tod

Ganz anders, gruselig-lustig nämlich, kommt der Tod in "Die Jagd nach dem Tod" (Do. 15.2., Pro Sieben 20.15 Uhr) daher. Da ist er ein gestaltloser, manchmal transparenter Geselle, der nur seinen Job tut, wenn er die Menschen zu sich holt, den die Menschen aber auch daran hindern können. Zum Beispiel, indem sie ihn in Castorbehälter verpackt im Atomkraftwerk lagern.

Im Film des Schweizers Samir nach einem Buch des Vielschreibers Timo Berndt mischen sich Leichthorror-Fantasy, bescheidene, aber stringente Tricktechnik und köstliche Satire. Der Tod nutzt menschliche Körper zum Reisen: Der nur flüchtig berührte Passant wird zu seinem Wirt und gibt ihm sein Antlitz, reicht die Ehre aber mit der nächsten Berührung eines Mitmenschen schon wieder weiter. Und stirbt. Was heißt, dass auch Tode (es gehen mehrere auf der Welt um) lange leben können, sofern sie niemanden berühren. Solches Wissen erklärt viele Alltagserscheinungen: Wenn man etwa weiß, dass sich unter den drängelnden Passagieren in der U-Bahn auch der aktuelle Todes-Wirt befindet, kapiert man endlich, warum die Menschen immer so missmutig gucken...

Dem Serienkiller namens Tod ist ein originelles Buddy-Gespann auf den Fersen: Taxifahrer Krass (Peter A. Rey als Möchtegern-Lebenskünstler) folgt einer schönen Frau an deren Arbeitsplatz ins AKW und setzt zufällig den Tod frei. Was er natürlich nicht ahnen konnte, als ihm jemand "Thomas, hol' mich raus" zuraunte. Buchhalter Tarrach (Klaus Schreiber mit Joachim-Kròl-Charme) ist als Vertreter des zuständigen "Bundesamts zur Registration zuordnungsfreier Vorfälle" anwesend und erhält den Auftrag, den Tod wieder einzufangen. Über den korrekten Beamten kommt die Bürokratie ins Spiel, die in kafkaesk ausschauenden Amtsstuben haust. Da auch der entfleuchte Tod zuletzt zu Kafkas Zeiten aktiv war, gibt das dem Konzept eine nicht besonders trendige, aber vergnügliche und keineswegs alberne künstlerische Geschlossenheit.

Außerdem neu:

So. 11.2. BR 3 19.45 Uhr: "Frische Ware"
(Regie: Paul Harather, Buch: Willy Purucker)
Bayrischer Schwank um verliebten Priesterseminaristen (Max von Thun)


So. 11.2. ZDF 20.15 Uhr: "Die Verbrechen des Professor Capellari: Zerbrechliche Beweise"
(Regie und Buch: Helmut Christian Görlitz)
Capellari (Friedrich von Thun) erkennt in seltenen Vogeleiern Spuren eines Vebrechens


Di. 13.2. RTL 20.15 Uhr: "Doppelter Einsatz: Kinderspiel"
(Regie: Peter F. Bringmann, Buch: Norbert Eberlein, Bringmann)
Kleiner Junge führt die Kommissarinnen auf die Spur einer "Kiezgröße"


Mehr lesen über