Televisionen: Honecker hatte Recht... - DER SPIEGEL
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Televisionen Honecker hatte Recht...

...zumindest mit seiner Analyse der kriminalistischen Fernsehunterhaltung von 1971. Einst vom Generalsekretär angestoßen, feiert der "Polizeiruf 110" nun seinen 30. Geburtstag. Das ZDF nervt derweil mit einer möchtegern-coolen Komödie über unsichtbare Engel. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau...
Von Christian Bartels
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Oberinspektor Derrick hatte Fanclubs in ganz Europa. Im Cineasten-Land Frankreich liefen lange "Schimanski" und gar "Ein Fall für zwei" zur besten Sendezeit. Und immer noch melden deutsche Filmhändler gern, dass sie zwar wieder keinen Film im Programm von Cannes, aber alte "Tatorte" an neue Sender in - zum Beispiel - Weißrussland verkauft haben: Der deutsche Fernsehkrimi ist ein seltsames Phänomen mit weit reichenden Folgen. Es hat sich, auch, im Wettstreit der politischen Systeme herausgebildet.

Vor 30 Jahren, als ARD und ZDF gerade "Tatort" und "Der Kommissar" ersonnen hatten, rief der Erich Honecker, Erster Sekretär des ZK der SED, aus: "Unser Fernsehen, das auf gute Leistungen zurückblicken kann, sollte verstärkt bemüht sein, eine gewisse Langeweile zu überwinden!" und veranlasste die Produktion von Gegenwartskrimis in der DDR. Für den real existierenden Sozialismus, in dem es Verbrechen eigentlich nicht gab, war das durchaus ein Akt.

Fortan mussten die Fernsehschaffenden auf dem Grat zwischen sozialistischen Dogmen und konventionellen Krimimustern, in denen Polizisten halt mehrere Verdächtige auftun, wandern. Die Gesetzeshüter suchten den Täter, wenn es schon ein DDR-Bürger sein musste, gern unter fehlgeleiteten, hippie-esken "Arbeitsbummelanten". Davon zeugen die ulkigen Schwarzweißkrimis, die derzeit wiederholt werden. Allein das autoritäre Auftreten der Polizisten, die von Dingen wie einem Haussuchungsbefehl sichtlich nie gehört haben, vermitteln einen Eindruck von der alten DDR. Und auch andere Details geben sie realistisch wieder: Des gesamtdeutschen Fernsehens erste Kriminalpolizistin hieß Leutnant Vera Arndt und war schon im ersten "Polizeiruf" am 27. Juni 1971 dabei.

Fast 30 Jahre später spielt dieselbe Schauspielerin, Sigrid Göhler, eine kleine Rolle in "Polizeiruf 110: Kurschatten" (So. 24.6. ARD 20.15 Uhr). Seit die Reihe im ARD-Programm läuft, ist "Polizeiruf" ein Obertitel für ziemlich unterschiedliche Filme. Verblüffend wilde Werke wie "Gelobtes Land" - inzwischen mit dem "Amnesty International-Fernsehpreis" prämiert - sind ebenso möglich wie ziemlich brave.

Der Jubiläumskrimi (Regie: Marco Serafini, Buch: Scarlett Kleint, Michael Illner) gehört zu letzteren: Der betuliche Kommisar Schmücke (Jaecki Schwarz) aus Halle begibt sich incognito in eine Kurklinik, in der Gäste beim außerehelichen Liebesspiel gefilmt und später erpresst werden. Lange laviert der altertümliche Krimi-Mix an der Grenze zwischen trockenem und Altherrenhumor, bevor er überraschend doch in einen abgründigen Thrillerschluss mündet. Unter Nostalgieaspekten erfreut der Film aber doch: 19 "Polizeiruf"-Ermittlerdarsteller treten auf, von Dennenesch Zoudé, der dunkelhäutigen Kommissarin aus Offenbach, bis zu Andreas Schmidt-Schaller, der in den Achtzigern ein vergleichsweise flippiger "Polizeiruf"-Genosse war.

Bewusst altmodisch zu sein ist jedenfalls allemal angenehmer als der verkrampfte Versuch nach Jugendlichkeit gierender öffentlich-rechtlicher Sender, auf abgefrühstückte Trends zu springen. Jetzt hat sich das ZDF eine Komödie mit einem Thema andrehen lassen, mit dem RTL, Sat.1 und Pro Sieben bereits verblüffende Quotenerfolge erzielt haben: Um unsichtbare und unsterbliche überirdische Schutzengel geht es in "Himmlische Helden" (Mo. 25.6. ZDF 20.15 Uhr).

Ein bayrischer Gauner namens Bugsy (Sebastian Blomberg) kommt gerade aus dem Gefängnis, was die Story gleich "cool" macht, und will seinen Sohn aus dem Heim holen, was Emotion für die ganze Familie hinzufügt. Ein paar Gangster sorgen mit einem Großer-Coup-Plan für Thrill. Dann tritt der Engel an Bugsys Seite und beide treffen eine junge Frau, die gerade im Abendkleidchen in den Tod springen will, weil sie vom reichen Vater enterbt wurde. Dadurch kommt sowohl das viele Geld ins Spiel, das Bugsy braucht, um das so genannte neue Leben anfangen zu können, als auch die Frau, die er braucht, um seinem Sohn eine Familie zu bieten. Und wohl auch für das, was hier frech "Ficken" genannt wird. Ohren, denen soviel Jugendlichkeit zu viel ist, werden durch einen ganz besonders elegischen Oldie-Soundtrack entschädigt.

So arrangiert der Film (Regie: Carsten Fiebeler, Buch: Dominique Lorenz) allerhand Einfälle, die nicht einmal den Namen Klischee verdienen. Immerhin verschenkt er nur wenig schauspielerisches Potenzial. Bloß Steffen Schult als Engel namens "NoName" wirkt so angenehm entrückt - um nicht "betrunken" zu sagen -, dass er erreicht, was er wohl soll: an den Wim-Wenders-Engel Bruno Ganz erinnern, der im "Himmel über Berlin" der Liebe wegen lieber sterblich werden wollte. NoName will übrigens auch aus Liebe sterblich werden, was an Eva Mattes als "dralle Molle" liegt. Wobei "Molle" der Name der Rolle ist und "drall" das Attribut, das der ZDF-Pressetext ungalant der einzig akzeptablen Schauspielerin des Ensembles gibt. Die Mattes rächt sich, indem sie gegen Ende, als gerade geheiratet wird, einfach einschläft.

Außerdem neu:

Sa., 23.6. Arte, 22.40 Uhr: "Midsommar Stories"
(Regie und Buch: Elena Alvarez, Andi Niessner, Livia Vogt, Heike Wasem, Michael Chauvistré)
Fünf Episoden in und um IKEA-Möbel(n), entstanden an der Münchener Filmhochschule unter der Leitung von Doris Dörrie.


Mi. 27.6. ARD, 20.15 Uhr: "Nur das Blaue vom Himmel"
(Regie: Claudia Prietzel, Buch: Prietzel, Peter Henning)
Erste-Liebe-Teeniedramödie, bereits auf Arte gezeigt.


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