Televisionen Menschlichkeit im juristischen Sinne
1945: Während Hermann Göring sich in der Gefangenschaft noch als Kriegskamerad mit "Fliegerehre" geriert, wird in Washington US-Bundesrichter Robert Jackson mit der Ausrichtung eines Musterprozesses gegen deutsche Kriegsverbrecher beauftragt. Jackson ist der Protagonist von "Nürnberg - Im Namen der Menschlichkeit" (Do 30.8. Vox 20.15 Uhr, Teil 2 am Freitag). Sein Darsteller ist gleichzeitig Produzent des Zweiteilers, was man dem Film auch anmerkt: Die gewaltige Aufgabe, einen Prozess zu führen, der nicht nach Siegerjustiz aussieht, sondern Maßstäbe für Menschlichkeit setzt, nimmt Jackson so locker und so ernst wie nötig. Sein Lächeln, nah am Grinsen, sieht stets staatengemeinschaftstragend aus.
Sogar das dramaturgiestrategisch unverzichtbare love interest bedient er in einigen seltsam verklemmten Szenen von Beinahe-Berührungen mit seiner emsigen Sekretärin (Jill Hennessy), welche mit zunehmendem Ernst aus dem Film verschwinden. Einmal macht der Held eine kleine Krise durch und will aufgeben: ein Tupfer Selbstzweifel, um hernach etwas nachhaltiger triumphieren zu können. Am Ende hat er seinen Job gut gemacht und kann mit steifem Grinselächeln heimkehren. Hätte eine Spitzenkraft der darstellenden Unterhaltungsindustrie diesen schattenseitenfreien Protagonisten mit Leben befüllt - Harrison Ford etwa -, diese nach US-Standards vereinfachte Dramatisierung von Weltgeschichte wäre vermutlich schwer erträglich.
Es ist aber bloß Alec Baldwin. Einer aus Hollywoods zweiter Reihe, zuletzt physisch ein wenig aufgedunsen, in "Pearl Harbor" mit einer wichtigen Nebenrolle vertreten. Baldwin ist kein Topstar mehr, seit er die Hauptrolle in der Tom-Clancy-Verfilmung "Die Stunde der Patrioten" abgelehnt hat, die dann Ford spielte - was Baldwin Menschlichkeitskompetenz bescheinigt. Weniger als charismatischer Star, eher als Platzhalter für vertretbares Pathos führt er nun durch ein Courtroom-Drama, das sich stufenweise seinem ernsten Thema annähert.
Erst werden Fragen der Verfahrensfairness diskutiert, dann im Gerichtssaal Zeugenaussagen verlesen. Dann berichten Zeugen (unter anderen Sophie Marceau) persönlich von Nazi-Gräueln, dann lässt Jackson Filmaufnahmen aus den befreiten KZs vorführen. Das ist der Punkt, an dem sich die mediokre Qualität vieler Schauspieler auszahlt. Wie sollen Schauspieler das, was heute "das Unfassbare" heißt, in Blicke fassen, wenn sie Menschen spielen, die die Bilder von Leichenbergen unvorbereitet treffen? Die herkömmlichen fernsehdramatische Blicke, die die Mimen vermutlich auch in Soaps werfen, wirken hier irgendwie angemessen...
Göring wie Hannibal Lecter
Die 21 Angeklagten sind überwiegend Karikaturen, aber davon ein ausdifferenziertes Spektrum: Hjalmar Schacht ein blasierter Schnösel, Julius Streicher ein keifender Prolet, die Banalität des Bösen eben. Zum Antagonisten des Helden wird Hermann Göring aufgebaut. Den spielt Brian Cox, der 1986 in der nach wie vor besten Thomas-Harris-Verfilmung "Blutmond" den Kannibalen Hannibal Lecter gespielt hat. Auch hier umgibt ihn eine Aura gefährlichen Charmes, mit dem er seinen amerikanischen Bewacher um den Finger wickelt. Bevor er sich mit Gift dem Galgen entzieht, spricht er noch Hiroshima und die amerikanischen "Konzentrationslager" für US-Bürger japanischer Abstammung an. Der Reichsjägermeister und Nazi-Verbrecher als Repräsentant aktueller politischer Korrektheit?
Der einzige Deutsche im Cast der kanadisch-amerikanischen Koproduktion ist Herbert Knaup, der Albert Speer als einen Deutschen spielt, mit dem sich Staat machen lässt, der leise seine Schuld einsieht. Speers Selbststilisierung als der "gute Nazi" wird nicht hinterfragt.
Mitunter also unterläuft der Zweiteiler die historische Wahrheit. Manches reißt er nur an und erzählt es gar nicht, was dann etwas täppisch wirkt. Im Dialog ist die Frage nach der Verteidigung der Angeklagten ein Thema - im Film kommen die Verteidiger aber überhaupt nicht vor. Geschichtlich genauer geht im Anschluss an Teil zwei die SPIEGEL-TV-Dokumentation "Die Chronik des Nürnberger Prozesses" vor. Aber beim Vereinfachen hält der Spielfilm den Ball so flach, dass die Suche nach "Fehlern" nicht lohnt.
Weltgeschichte für den Weltmarkt
Inszeniert wurde "Nürnberg" von Yves Simoneau, der als frankophoner Kanadier im Ruf eines besonders weltmarktkompatiblen Weltgeschichtsverfilmers steht. Derzeit dreht er den teuren französisch-deutschen "Napoleon"-Vierteiler, weil ihm zugetraut wird, sowohl amerikanischen als auch europäischen Geschmack zu bedienen.
Sein Film zieht sich nicht bloß auf kleine gemeinsame Nenner zurück, indem er auf alles verzichtet, was nicht überall funktioniert, er lässt auch immer wieder Interpretationsspielräume offen, in denen sich unterschiedliche Meinungen bestätigt fühlen können. Am Schluss werden die zum Tode Verurteilten aus dem Schlaf gerissen, zum Galgen geleitet und gehängt, während der fürs Gefängnis zuständige US-Colonel (Michael Ironside) davor steht - im Blick verbissener Triumph. Ein martialischer Sieg der Gerechtigkeit, ohne Zweifel. Und ein Kommentar zur Todesstrafe, wie sie in George W. Bushs Amerika praktiziert wird, wohl auch.
Hier funktioniert die Methode der kleinen gemeinsamen Nenner, weil Menschlichkeit im juristischen Sinne eben auch eine Sache kleiner gemeinsamer Nenner der Menschheit sein muss. In Nürnberg haben die Weltmächte einen Konsens gefunden, der seither hochgehalten wird, unbeholfen und immer anfechtbar, aber immerhin. Das erlaubt ein wenig Pathos. Und das macht Simoneaus Film nachvollziehbar.
"Nürnberg - Im Namen der Menschlichkeit" ("Nuremberg"). USA/Kanada 2000. Regie: Yves Simoneau; Buch: Joseph Persico, David Rintels; Darsteller: Alec Baldwin, Brian Cox, Jill Hennessy, Michael Ironside, Christopher Plummer, Max von Sydow, Herbert Knaup, Charlotte Gainsbourg; Länge: 180 Minuten.