Televisionen: Neudeutsche Teenie-Thriller - DER SPIEGEL
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Televisionen Neudeutsche Teenie-Thriller

"Paul Is Dead" ist wie Kalle Blomquist meets The Beatles, "Psychogirl" muss man verstehen wie "Bravo Girl", und "Die Nacht der Engel" ist alles andere als ein Weihnachtsfilm ... Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ob die Jugend wirklich noch 1980 auf die Beatles abfuhr? Da divergieren die Erinnerungsvermögen ... Vermutlich hat Regisseur und Autor Hendrik Handloegten vor allem den größten gemeinsamen Nenner an Popmusikerfahrung gesucht, um seinen Debütfilm einem möglichst großen Publikum nahezubringen. "Paul Is Dead" (Freitag 8.12., 22.45 Uhr, ZDF und Sonntag 10.12., 20.47 Uhr, Arte) erzählt von einem 13-Jährigen (Sebastian Schmidtke), der im Sommer 1980 in einer kleinen deutschen Provinzstadt das Geheimnis des vermeintlichen McCartney-Todes, von dem seine Beatles-LP-Cover zu künden scheinen, lösen will.

Mit diesem Kniff fängt der Film eine Phase des Heranwachsens ein, in der Jungs die Popmusik noch so ernst nehmen, dass sie selbst mit verteilten Rollen Radioshows auf Kassette aufnehmen, und den Detektivberuf so ernst nehmen, dass sie Beobachtungen in Schulheften niederschreiben - während die etwas Älteren zu Ungunsten von Pop und Detektivberuf auch die Liebe ernst nehmen. Am Ende der Phase haben alle gelernt, dass Popmusik und Detektivberuf und Liebe gleichermaßen Enttäuschungen bereithalten können, die als Erfahrungen aber wertvoll sind - und sind also ein bisschen reifer geworden. "Paul Is Dead" ist ein stimmiger, spannender und auch doppelbödiger Film, der alt gewordene Kinder der sechziger Jahre ebenso anspricht wie die Kinder von heute.

Was sich von RTLs Teenie-Filmen nicht behaupten lässt. Darf eigentlich schon um 20.15 Uhr jemand ermordet werden? Wer gelegentlich in die Fernsehfiktion eintaucht, weiß, dass kein Kapitalverbrechen zur "Prime Time" verpönt ist. Nur wenn Teenie-Slasher-Filme im unmittelbaren Umfeld spektakulärer Schüler-Amokläufe gezeigt werden, wie im November 1999 "Schrei, denn ich werde dich töten", räuspert sich die öffentliche Meinung mal kurz. Ansonsten kräht kein Hahn nach den Serienkillern, die in Serienthrillern ihren Job tun.

Und doch gibt es ihn noch, den Jugendschutz im deutschen Fernsehen. Manchmal tritt er aus dem Vorschriftendickicht hervor. Zum Beispiel ist es ihm zu verdanken, dass der beste RTL-Fernsehfilm seit langem nicht zur gewohnten Zeit um 20.15 Uhr läuft. "Die Nacht der Engel" (Samstag 9.12., 23.15 Uhr) hatte der Sender eigentlich schon im März angesetzt und kurzfristig verschoben. Grund: Das Werk war in die Hände der Freiwilligen Selbstkontrolle gefallen - jener altehrwürdigen Institution, die Kinofilmen Altersfreigaben erteilt. Die FSK stellte fest, dieser Film spiele "in einem so genannten hoffnungslosen Milieu und spielt dieses Milieu auch hoffnungslos aus" - und befand ihn als für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet und zur Ausstrahlung nicht vor 22 Uhr zulässig. So spät aber zeigen Privatsender ihre teuren Fernsehfilme nur ungern, da dann die Werbepreise niedriger sind und die Kosten nicht einspielen. Also kippte RTL die "Nacht der Engel" aus dem Programm und hob statt dessen ein mieses Machwerk um einen E-Mails versendenden Sexualmörder hinein - mit dem Vorzug, diesen der FSK nicht vorgelegt zu haben. Denn Sender müssen ihre Filme gar nicht kontrollieren lassen, sondern können, wenn sie wollen.

Anstatt nun weiter in die Untiefen der Rundfunkrechtslage einzutauchen - oder dem Gemunkel nachzugehen, dass missgünstige RTL-Kräfte damals dem nicht allseits geschätzten Movie-Boss Jan Kromschröder schaden wollten, der demnächst zu Sat.1 wechselt - lieber ein paar Worte zum Film. Diesen strahlt RTL nun also gesetzestreu am späten Samstagabend aus, wenn die gefährdete Jugend sowieso unterwegs ist. In einem befremdlichen, aber faszinierenden Stilmix erzählt "Die Nacht der Engel" (Regie: Michael Rowitz, Buch: Peter Petersen) hart, schnell und artifiziell von Kai (Ken Duken) und seiner Wohnung in einer tristen Betonvorstadt. Dort wird er erst von seinem gangsternden Bruder (Oliver Korittke) heimgesucht, dann von einem Polizisten, der ihn mit Handschellen fesselt, wieder entschwindet und umgebracht wird.

An seine Heizung gefesselt, erlebt Kai viel, nur lange keine Hilfe. Eine Jugendgang kreuzt auf und feiert, ein Mädchen (Bernadette Heerwagen) nähert sich ihm, die Beute aus des Bruders Überfall wird gesucht. Sicher geht es gewalttätig zu, aber der "Body Count" ist vergleichsweise gering, und am Ende läutert die Liebe die jungen Leute: "Nacht der Engel" ist kein Gewaltfilm, sondern ein intensiver, der mit dem Thema Gewalt visuell und dramaturgisch bewusst umgeht.

Ein wenig scheint auch der Sender gelernt zu haben, wie sein nächster, neuerer Thriller beweist. Den Titel "Psychogirl" (Mittwoch 13.12., 20.15 Uhr, RTL) muss man verstehen wie "Bravo Girl". Da wird ein bewährtes Format für eine neue Zielgruppe adaptiert. Am Ende hockt Biene (Susanne Schnapp) wie Norman Bates fortsetzungsträchtig in der Zwangsjacke: Das ist Hitchcock für Teenies.

Die Schülerin Biene also ist sich bewusst, dass sie nicht "in derselben Liga" spielt wie die coolen Jungs Danny und Kevin, für die sie schwärmt. Als die beiden aber auf Klassenfahrt einem Lehrer (Glanzauftritt von Hans-Peter Korff als Alt-Hippie) LSD ins Bier mixen, woraufhin der tot umfällt, bekommt sie die Chance zum Aufstieg. Digitalisiert, wie die Jugend von heute ist, haben die Jungs die Szene auf ihrem Camcorder festgehalten. Der fällt in Bienes Hände, und damit entspinnt sich das bekannte Wechselspiel von Erpressung, Kompromiss und Eskalation, das die Filmemacher (Regie: Martin Weinhart, Buch: Kit Hopkins) in soziale Realitäten einpassen. Als Bienes alkoholkranke Mutter ist sogar mal wieder Tina Engel zu sehen, die einmal "Christa Klages" war. "Psychogirl" dekliniert Hitchcock unter Gymnasiasten sauber durch. Was so viel heißt wie: Er spielt in einem hoffnungslosen Milieu und spielt dieses Milieu auch hoffnungslos aus. Und derlei anzugucken, macht ja oft Spaß.

Außerdem neu:

So. 10.12., 20.15, Uhr ARD: "Tatort: Bienzle und das Doppelspiel"
(Regie: Hartmut Griesmayr, Buch: Felix Huby, Joachim Nelson) Gewerkschafter-Macho (Günther Maria Halmer) unter Mordverdacht.


So. 10.12., 20.15 Uhr, ZDF: "Das Traumschiff: Olympia 2000"
(Regie: Karola Meeder, Buch: Ulrich del Mestre) Käpt'n Paulsen (Siegfried Rauch) und seine Passagiere (unter anderem Andreas Brucker, Helmut Griem, Eddi Arent) schippern nach Sydney.


Di. 12.12., 20.15 Uhr, Sat.1: "Zwei vom Blitz getroffen"
(Regie: Kaspar Heidelbach, Buch: Tatiana Bliss, Jennifer Robinson, Nick Baker-Monteys, Tony Dunham und Peter Gitzinger) Gestrenge Lehrerin (Mariele Millowitsch) und flippige Tochter tauschen nach Blitzeinschlag die Körper.


Mi. 13.12., 20.15 Uhr, ARD: "Scharf aufs Leben"
(Regie: Christine Kabisch, Buch: Kabisch, Neithardt Riedel) Kaum ist Solveigh (Senta Berger) nach 30 Jahren Ehe geschieden, wird sie als Model entdeckt.


Do. 14.12., 20.15 Uhr, Pro Sieben:
"Die Straßen von Berlin: Abraxox"
(Regie: Peter Welz, Buch: Thomas Kirchner) Miese Machenschaften um ein "Kult-Internetspiel". Mit Esther Schweins als Gaststar.


Fr. 15.12., 20.15 Uhr, ARD: "Der kleine Lord - Retter in der Not"
(Regie: Giorgio Capitani, Buch: Sergio Donati) Deutsch-italienischer Vorweihnachts-Unfug: Alter Bierbrauer (Mario Adorf) wird von verworfener Witwe reingelegt. Zum Glück hilft der kleine Prinz.

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