Televisionen Schimanski ist wie Shakespeare
Die meisten so genannten Werberelevanten sind mit "Schimmi" aufgewachsen, die meisten älteren Generationen mit ihm gealtert. Jedes Jahr gibt es zwei, drei Neuinterpretationen des Ruhrpott-Mythos zu sehen, bei denen Geld kein Rolle spielt. Und wenn die Motorboote im Mittelmeer vorsichtig fahren, kann es noch das eine oder andere Jahrzehnt so weitergehen: Schimanski ist wie Shakespeare.
Wer dabei ist, darf stolz sein. Die Schauspieler geben gern zu Protokoll, dass die Aussicht neben Götz George zu spielen, Ohrensausen ausgelöst hat. Die Regisseure sind renommierte Vertreter ihres Fachs, die ehrenhalber auf den Regiestuhl berufen werden. In diesem Jahr traf die Wahl den ostdeutschen Kunstfilmer Andreas Kleinert, der ansonsten schwarzweiße Sozialdramen dreht, wie sie auf Festivals ausgezeichnet und selbst im ZDF nicht vor Mitternacht gesendet werden ("Wege in die Nacht", Mo. 13.11. 0.30 Uhr).
Die Schimanski-Drehbücher sind nur leicht überdurchschnittlich, die Geschichten immer gleich: Ein Freund oder Bekannter einer Geliebten oder Verwandter eines Assistenten wird ermordet oder verschwindet. Selbstverständlich sagt niemand "Krimi" dazu, wie auch niemand "Hamlet" Krimi nennen würde. Und wirklich transportiert jeder Film einen öffentlich-rechtlichen Mehrwert, indem er dem Publikum Wissenswertes näher bringt: über Konflikte in Kroatien oder zwischen Kurden und Türken oder das Milieu der Drücker, wie in "Schimanski: Tödliche Liebe" (So. 12.11. ARD 20.15 Uhr). Hier trifft das Schicksal, emotionaler Aufhänger der Story (Buch: Christa Kosmala, Peter Zingler) zu sein, den jungen Assistenten, der den sprechenden Namen Hunger (Julian Weigend) trägt und wie eine Hommage an den Elends-Schick der letzten Jahre aussieht. Hungers kleine Schwester, Zeitschriftenwerberin in einer Drückerkolonne, wird 19-jährig tot aus dem Rhein gefischt. "Nachts ist sie oft in mein Bett gekrochen", sagt Hunger. "Ich bring Dir den Mörder - versprochen", sagt Schimanski. Knappe Sätze, große Gefühle: Nach sieben Minuten steht das emotionale Gerüst. Außerdem ist ein Fisch vom Balkon geflogen, weil es natürlich auch humorvoll zugeht.
Bis sich am Ende mit einer Lebensrettung im Rhein der Kreis fulminant schließt, gibt es einen rudimentären Krimi-Plot zu sehen und als Hauptattraktion Georges Schauspiel im Schauspiel: Schimanski verkleidet sich als Drücker. Da GG schon alles gespielt hat, erinnert er mal wieder an sich selbst, hier an "Schtonk". Sein Charme ist schmierig, aber ansteckend: Schimanski würde man ein Abo abkaufen. Nebenbei spielen übrigens auch Top-Schauspieler wie Katrin Saß, Inga Busch und Fabian Busch mit.
Noch größer ist das Aufgebot an großen Namen in der ARD-Renommierproduktion "Jahrestage - Aus dem Leben der Gesine Cresspahl" (Teil 1: Di. 14.11. 21.05 Uhr) nach Uwe Johnsons Roman. Chronologisch beginnt die Geschichte 1931, als Heinrich Cresspahl (Matthias Habich, der Allrounder der zeithistorischen Fernsehdramatik) seiner Künftigen (Susanna "die Schmerzensreiche" Simon) einen Blick zuwirft und die Liebe ausbricht. Im Film kommt die Szene etwas später, weil die Gegenwartsebene 1967 spielt, als beider Tochter Gesine (Suzanne von Borsody) ihrer Tochter ihre Lebensgeschichte erzählt. So nähert sich die verschachtelte, literarisch gesprochen: auktoriale Erzählung über vier Teile hinweg aus der ferneren Vergangenheit im alten Mecklenburg der etwas näheren Vergangenheit im New York der Sechziger. Auf dem dramatischen Weg sieht man: feiste Männer, die erst rotwangig deutsches Bier preisen und später transpirierend jüdische Geschäfte in Brand stecken, tapfere Geistliche, die auf dem Friedhof Widerstand predigen und sogleich abgeholt werden, radebrechende russische Besatzer mit Herz und viele weitere bekannte Motive der anspruchsvollen Zeitgeschichts-Fernsehdramatik.
Klingt komplex und nicht gerade neu, ist aber sehenswert, weil der Mix es macht: Musikalisch gesprochen, ist "Jahrestage" ein Remix, der alten Samples im neuen Kontext auch ästhetisch neue Bedeutung gibt. Der Groove stimmt: der Rhythmus der Zeiten- und Szenenwechsel zwischen dem gräulichen Mecklenburg und New York, das als Traumstadt inszeniert wird, in der Cabrios cruisen, die Sonne scheint, die Menschen multikulturell und freundlich sind und den Vietnamkrieg kritisieren, während sie sich von schwarzen Domestiken bedienen lassen. Die Lässigkeit, mit der sich die deutschen Protagonisten dort bewegen, lässt sich durchaus als Coolness bezeichnen: Suzanne von Borsody in pastellenen Kleidern, Marie Helen Dehorn als altkluge Teenie-Tochter und Axel Milberg mit seinem Strohhut. Ein Film zum Mitklatschen, um im Bild zu bleiben, ist es jedoch nicht, weil Margarethe von Trottas Inszenierung (Buch: Christoph Busch, Peter Steinbach) die Dramatik häufig unterspielt und auf Höhepunkten eiskalt wirkt. "Jahrestage" ist sympathisch undramatisch und vielleicht experimenteller, als es sich der Sender gedacht hat. Jedenfalls verdient die ARD in dieser Woche viel Lob.
Außerdem neu:
So. 12.11., 20.15 Uhr, ZDF: "Rosamunde Pilcher: Ruf der Vergangenheit" (Regie: Rolf von Sydow, Buch:Christiane Sadlo) Charlotte Harris (Tanja Wedhorn) erwartet ein Kind von einem anderen als ihrem Verlobten.
Mo. 13.11., 20.15 Uhr, ZDF: "Zwischen Liebe und Leidenschaft" (Regie:Marijan David Vajda, Buch: Franco Brogi Taviani, Dido Castelli, Gianfranco Clerici) Claudia (Katharina Böhm) weiß nicht, welcher von zwei Brüdern der Vater ihres Kindes ist.
Mo. 13.11., ZDF, 0.30 Uhr:"Wege in die Nacht" Hilmar Thate als Arbeitsloser auf Sinnsuche. Der Kinofilm des "Schimanski"-Regisseurs Andreas Kleinert (Buch: Johann Bergk) gewann zwei Bundesfilmpreise, lief in Cannes - und jetzt nach Mitternacht.
Di. 14.11., Sat.1, 20.15 Uhr: "Meine Tochter darf es nie erfahren" (Regie: Lutz Konermann, Buch: Konermann, Hermann Kirchmann) Jenny (Muriel Baumeister) versucht vor ihrer 7-jährigen Tochter ein Geheimnis zu verbergen. Mit Kai Scheve, der in "Jahrestage" den Jakob spielt.
Mi. 15.11., RTL, 20.15 Uhr: "Die Gefesselten" (Regie: Donald Kraemer, Buch: Rodica Döhnert)
Die Liebe zwischen Alexander (Björn Kegel-Casapietra) und Luise (Valerie Niehaus), die beide an den Rollstuhl gefesselt sind, scheint zu zerbrechen, als er wieder laufen kann.
Do. 16.11., ARD, 21.00 Uhr: "Jahrestage" (2)
Do. 16.11., ARD, 23.00 Uhr: "Der gerechte Richter" Regie: Torsten C. Fischer, Buch: Peter Steinbach) Anna-Seghers-Verfilmung mit Frank Giering und Julia Jäger.
Do. 16.11., Pro Sieben, 20.15 Uhr: "Nicht heulen, Husky" (Regie: Tomy Wigand, Buch: Silke Zertz) Heiner Lauterbach als Macho und Hundefreund, den es nach Kanada zieht. Barbara Rudnik verlässt mit ihren Kindern ihren Mann und zieht mit.
Fr. 17.11., ARD, 20.15 Uhr: "Da wo die Berge sind" (Regie: Kurt Ockermüller, Buch: Eduard Ehrlich) Der singende Ex-Skiläufer Hansi Hinterseer als Ski-Ass Fredi Sandgruber zwischen drei Frauen.