Televisionen "Shit happens, aber sehen Sie selbst"
Schmunzelnd spielt das Schicksal Streiche. Es sitzt auf einer Wolke und legt den Menschlein, die sich auf der Erde mehr oder minder moralisch abmühen, kleine Steine in den Weg, damit sie auf Umwegen die Liebe oder andere schöne Dinge entdecken. So wünschen es sich die Menschlein, so haben es sich die Macher (Regie: Marek Gierszal, Buch: Hartmann Schmige) von "Engel sucht Flügel" (Mi. 22.8., ARD, 20.15 Uhr) gedacht.
Wenigstens sind in diesem Melodram "light" nicht schon wieder echte Engel zugange, die sich in der TV-Fiktion zur Landplage entwickeln. Das Titel gebende Exemplar ist vielmehr die engelhafte Pianistin Maria (Annett Renneberg), die aus St. Petersburg nach Frankfurt kommt, um an einem Klavierwettbewerb teilzunehmen. Üble Überraschungen erwarten sie: Die Pension, in der sie wohnen und üben wollte, gibt es nicht mehr, ihr Koffer mitsamt versteckten Ersparnissen wird geklaut, und zum Musik-Wettbewerb wird sich auch nicht zugelassen. Schon sitzt Maria im Zug zurück, da weckt der Anblick eines Obdachlosen in ihr Erinnerungen an ihren alten Klavierlehrer. Sie springt aus dem Zug und folgt ihm zum Mainufer. "Kein Glück?" fragt der rauschebärtige Berber sie: "Nicht überfallen, nicht vom Hund gebissen, von keiner Lok angefahren?" So schlimm ist es dann doch nicht, in kleinen Schritten geht es wieder aufwärts.
Im Antiquitätenhändler Richard (Christoph Waltz) findet Maria einen Verehrer, der Unterkunft und Übungsflügel bereit stellt, im Dieb Hendrik (Julian Weigend) einen weiteren Verehrer, der sich dafür einsetzt, dass sie doch noch am Wettbewerb teilnehmen kann. So klimpert der Film auf der Klaviatur des Melodrams herum. Der Antiquar ist ein einsamer Edeltrinker, Dieb Hendrik ist schwerkrank und nimmt das leicht.
Immerhin macht intensive Blickkunst der Schauspielerschar das Ganze schmackhaft. Maria schaut mit großen Augen dankbar auf zunächst nur kleines Glück, mit jener Schicksalsergebenheit, die typische Deutsche typisch russisch finden. Die Russenfamilie (unter anderem Tina Engel als Mutter) übt, wenn sie in der engen Wohnung laut die schön gefärbten Briefe der Tochter aus der Ferne liest, ein Mienenspiel, als sei sie einem sowjetischen Stummfilm entsprungen.
Christoph Waltz starrt vergeistigt, aber nicht aus eigener Kraft, sondern aus der des Weins, und legt eine schöne Trinkerstudie hin. Julian Weigend starrt dagegen mit exaltierterer Transzendenz, vergeistigt durch die Krankheit. Gerade dieser Schauspieler, der ansonsten als Jungagent namens Hunger immer eine Prise cool-desperater Junkie-Ästhetik in die neuen "Schimanski"-Filme einbringt, ist in seinem Element. Hier allerdings müssen seine Blicken überdies das Erzählmittel des rückblickenden inneren Monologs tragen, das so brisante Weltfragen in den Raum stellt wie die, wie viele Menschen auf Bahnhöfen eigentlich schon an ihrer großen Liebe vorbeigelaufen sind. Dieses Stilmittel gilt unter Drehbuchautoren als hohe Kunst à la Billy Wilder. Im Fernsehen erscheint es meist als kleinkünstlerisches Mittel, eher misslungene Werke in der Nachbearbeitung doch noch sendefähig zu machen...
Mit prägnanterem Off-Kommentar startet der Film "Personal Trainer" (Do. 23.8., ProSieben, 20.15 Uhr). "Shit happens, aber sehen Sie selbst", leitet Protagonist Peter (Michael Rast) den Plot ein. Peter also lebt in Miami als Personal Trainer, eine Kreuzung aus Fitnesstrainer, Bodyguard und Motivator, einer der weiß, wann Frauen hören wollen, dass sie wunderbar und begehrenswert sind, und damit Geld verdient. Als er vom Tod seines Vaters erfährt, jettet er in seine alte Heimatstadt München und trifft alte und neue Freunde und Feinde.
Der Film irrlichtert derart zwischen den Genres umher, dass offenbar selbst ProSieben, sonst kein Freund von Zweideutigkeiten, kein griffigerer Titel eingefallen ist. Manches ist lustig gemeint: "Du bist erwachsen geworden - Das ließ sich nicht vermeiden". Doch mit Komödienversatzstückchen wie dem komplexbeladenen Muttersöhnchen, das von Beruf Psychotherapeut ist (wieder Julian Weigend, nicht in seinem Element), spielt der Film ganz ohne lustig zu sein oder auch nur sein zu wollen. Manch Dialog sieht geistreich aus, wenn man ihn sich geschrieben vorstellt: "Verzeihst Du mir, wenn ich mich verziehe?" Vielleicht ist das auch nur Einbildung, weil einer der beiden Autoren (neben Hagen Moscherosch) Bernd Eilert ist, der außer für Otto Waalkes' Kinofilme auch für "Titanic" tätig war.
Später stutzt Peter, als seine sexy Stiefmutter ihm eine Viertelmillion aus dem Erbe anbietet, sofern er wieder wegfliegt, obwohl sie kein Geld hat für die Therapie ihrer gelähmten Tochter. Da kommt er einer Intrige auf die Spur, womit der Film (Regie: Dietmar Klein) auch den letzten Anflug befremdlichen Charmes verliert.