Televisionen: Und der Chauffeur bringt Currywürste - DER SPIEGEL
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Televisionen Und der Chauffeur bringt Currywürste

In den besten Momenten des Sat.1-Zweiteilers "Antonia" ist das Deutschland der Ära Schröder so zu sehen, wie es gerne wäre. Finsterste Momente der deutschen Mediengeschichte zeigt dagegen ein Dokudrama auf Arte. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Szene: Sie, verliebt über beide Ohren, wartet nach dem romantischen Trip nach Nizza tagelang auf Nachricht von ihm. Endlich bringt der Postbote... eine Unterlassungserklärung zur Beendigung der Beziehung. Aufgewühlt rast sie los, nicht zu stoppen von der Sekretärin. Er, adeliger Milliardär, dem gerade negative Schlagzeilen zu schaffen machen, kämpft im Vorstand seiner Privatbank gegen Shareholderdenken für soziale Verantwortung. 5000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Da platzt sie herein. Große Gefühle, beide sind im Recht - wenn das keine Tragik ist. Wie es soweit kommen konnte, gar noch viel, viel weiter geht, davon berichtet "Antonia - Zwischen Liebe und Macht" (Sat.1, So. 16.9./ Mo. 17.9., 20.15 Uhr): Ein Jurastudentin jobbt als Paparazza an der Côte d'Azur und als Automechanikerin in der Werkstatt bei Vatter, einem bodenständigen Brieftaubenzüchter aus dem Pott. Vom WG-Mädel steigt sie auf zur Geliebten und Verlobten des Grafen Ahrendorff sowie - noch während der umjubelten Traumhochzeit wird er ermordet - zur Milliardenerbin. Schöne Frau mit Herz am rechten Fleck bekommt unverhofft Gelegenheit, das schöne Leben zu genießen.

Das spielt Alexandra Kamp entwaffnend. Wenn sie "Ne, näh?" ruft, oder "Oh oh!", als der Graf sie beim Fotografieren entdeckt und sie wegläuft, dass ihre Zöpfchen lustig im Wind flattern, ist sie mit großen Augen ein sexy Teletubbie. Und wenn ihr knappes T-Shirt mal nicht zum Herzinfarkt des Milliardärsvaters passt, kann schließlich sie nichts dafür. Der Adel zeigt sich auch in seinen schauspielerischen Leistungen konservativ: Benjamin Sadler, der Grafenbruder, behält einen Gesichtsausdruck - egal was passiert. Und Kai Wiesinger als Graf kann herrlich indigniert gucken.

Dem Film gelingen Momente tiefer Wahrheit: Wenn der Milliardär die Werkstatt aufsucht, um Antonia auszuführen, die mit sauber auf den Teint getupften Motorenöl aus einem Oldtimer krabbelt, wenn die beiden in ihrem kleinen Smart zum Düsseldorfer Flughafen fahren, um am Zaun den Fliegern nach Taka-Tuka-Land nachzuschauen und dann noch sein Chauffeur Currywürste bringt - dann ist das Deutschland der Schröderära ganz bei sich. So wie es gerne wäre, wenn es sich unbefangen seines Reichtums freuen könnte. Und seiner Schönheit (Regie: Jörg Grünler), der alten Schlösser und klunkerbehangenen Kronleuchter.

Doch weder kann Deutschland sein, wie es gerne wäre, noch "Antonia" die wahren Momente in einen sinnvollen Szenenfluss einbinden. In Teil 2 wird die Protagonistin korrespondierend mit der dramaturgischen Amokfahrt (Drehbuch: Annette Simon, Melanie Brügel) zur Lady-Di-Figur hochsterilisiert - hier trifft das Bruno-Labbadia-Spruch ("Man möge das Thema nicht hochsterilisieren") genau. Zuvor wird sie Konzernkapitänin, die rasch Weltwirtschaft bewältigt und zwischendrin im Mausoleum einer Wiesinger-Marmorbüste Börsenkurse vorliest, dann schwanger vom Schwager (was auch ein schöner Sat.1-Titel wäre), zur Doris-Day-Figur in einem holprigen Verfolgungsthriller und irgendwie auch Mörderin, weil ein Bösewicht ihre Hand zur Waffe führt.

Selber schuld, wer so etwas ernst nimmt. Die Hauptdarstellerin sagte im Interview: "Ich persönlich sehe mir gerne Filme an, die in Südfrankreich gedreht sind, in schönen Häusern, Gegenden - siehe Godards "Le mépris" mit Catherine Deneuve". Alexandra Kamp ist eine große Versöhnerin, die Hochglanzschnulze und die intellektuellsten Cineasten mit kaum merklichem Spott in einem Satz in Einklang bringt. Schon raunt man, dass Sat.1 die persönliche Entdeckung von Ex-Senderboss Kogel zur Nachfolgerin Harald Schmidts aufbaut...

Für das qualitative Dokudrama, in dem sich der Kuschelsender mit "Wambo" und "Vera Brühne" engagiert hat, ist "Antonia" natürlich halb Schlag ins Gesicht, halb Dolchstoß. Da hält Arte mit (Fr. 21.9. 20.45 Uhr) ein maximales Kontrastprogramm bereit.

Regisseur Horst Königstein (auch Buch mit Joachim Lang) stellt den 1949 gegen Veit Harlan geführten Prozess nach, in dem es um dir Frage ging, ob Harlans "Jud Süß"-Film 1940 die "Volksmeinung für die Vernichtung der Juden reif gemacht" hat und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. Spielszenen wechseln mit Interviews und "Jud Süß"-Ausschnitten. In dem Low-Budget-Dokudrama den Nazi-Monumentalfilm geht es um Zusammenhänge zwischen Zeitgeist und Hass schürender Unterhaltungsindustrie. Um "Künstler", die als millionenschwere Stars hofiert, aber auch unter Druck gesetzt wurden, und um die junge BRD - einen demokratischen Staat, mit der Gesellschaft des Nazi-Reichs, die kaum Unrechtsbewusstsein zeigte.

Den Harlan spielt Axel Milberg (letzte Woche auf Pro Sieben als Beagle zu sehen) mit seinem typischen Schalk, was durchaus sympathisch wirkt. Das macht nichts. Weil Königstein das Material klug auswählt und Zeitzeugen wie Ralph Giordano nur mit essentiellen Aussagen zu Wort kommen lässt (vom überflüssigen Auftritt des "Reichsfilmintendanten" Hippler mal abgesehen), ist dieses Dokudrama ein Idealfall von Fernsehen. Es wagt, Fragen zu stellen, die nach Antwort drängen, ohne Antworten zu geben. Das kommt im Fernsehen viel zu selten vor.

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