Televisionen: Vor- und Nachteile der Schizophrenie - DER SPIEGEL
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Televisionen Vor- und Nachteile der Schizophrenie

ProSieben zeigt, dass es zwar nicht schwer, aber auch kein Spaß ist, einen Schizophrenen zu spielen. Ein neuer bayerischer "Polizeiruf" switcht unterdessen multikulturell zwischen den Milieus umher, verschenkt dabei aber Axel Hackes Humor. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

ProSieben-Yuppies, die das Leben in gut sitzenden Anzügen und Porsches genießen, haben wir schon oft gesehen. Heinz Fiedler (Markus Knüfken) wird auch als so einer ohne Bindungen, Gewissen und Selbstreflexion präsentiert - aber nur, und das nimmt den Zuschauer sofort für "Im Netz der Lüge" (Do. 5.7. ProSieben 20.15 Uhr) ein, um Fallhöhe aufzubauen.

Ein geistesabwesend ausgestreckter Stinkefinger, den Streifenpolizisten eher zufällig zu sehen bekommen, bringt Fiedler ins Gefängnis. Den gut sitzenden Anzug muss er ausziehen und alles darunter auch. Allein das Bild des Gummihandschuhs, den der Wärter überstreift, genügt, um tiefe Erniedrigung zu symbolisieren. Und erinnert daran, dass Regisseur Erwin Keusch einst ein renommierter Filmemacher war ("Das Brot des Bäckers", 1976).

Nur eine Chance gibt es, den zwei Jahren Haft zu entgehen, die ihm wegen einiger Betrugsdelikte auch noch drohen, erfährt Heinz: Unzurechnungsfähigkeit. Der Sunnyboy beginnt, indem er mit Fremdwörtern und Verschwörungstheorien um sich wirft, einen Schizophrenen zu mimen. Das funktioniert! Er landet zur Begutachtung durch Ärztin Carola (Regula Grauwiller) in der Psychiatrie. Wie der Luxusmensch da auf skurrile Charaktere trifft, die herzensgut sind oder ihre Finger in fremde Suppen schnippeln (und dabei natürlich immer noch ans Kuckucksnest erinnern), wie er hin- und hergerissen scheint zwischen Pest und Cholera - das hätte sich zu einem spannenden Psychodrama im wahren Sinne des Wortes entwickeln können.

Leider nimmt aber alles nach 50 Minuten eine abrupte Wendung ins nun wieder völlig Unoriginelle. Heinzens sanfter Zimmergenosse (László I. Kish) wird aus der Klinik entlassen, nimmt Heinzens Adressbuch mit und beginnt, die vielen darin genannten Frauen nach Psychopathenart zu morden. Heinz ahnt das Unheil, aber weil er so erfolgreich schizophren spielte, glaubt ihm keiner mehr. Er flieht, wird am Tatort gesehen, fortan selbst verdächtigt, muss sich verstecken und zugleich den wahren Mörder finden. Und weil Helden dazu nach allen gängigen Genrekonventionen eine schöne Frau an ihrer Seite benötigen, setzt Ärztin Carola die Brille ab und entpuppt sich als eifrige Helferin.

Der Film (Buch: Wilfried Schwerin von Krosigk) stellt sich indes nur noch als gespaltener Allerweltsthriller über eine gar nicht gespaltene Persönlichkeit dar.

Fleischpflanzerl-Humor und Milieu-Spielereien

Das derzeit vielleicht aufregendste aktive deutsche Kriminalistengespann bilden die beiden Nürnberger Hauptkommissare. Der einarmige Jürgen Tauber (Edgar Selge), ein komplexbeladener Charmeur, geht immer wieder gern vorübergehende private Beziehungen im Umfeld des aufzuklärenden Verbrechens ein und schafft es stets, dass das Herausfinden der Wahrheit auch zu einem kleinen persönlichen Triumph wird.

Seine Partnerin Jo Obermaier (Michaela May) geht im Dienst genauso pragmatisch mit chauvinistischen Polizisten um wie daheim mit kleinen Konflikten zwischen pubertierender Tochter, mürrischen Nachbarn und ihrem türkischen Gatten (Tayfun Bademsoy). Der kann schon mal sagen, dass er ein besserer Deutscher sei als seine Stieftochter, und zwar in einem reinen Hochdeutsch, das sich vom derben Bayerisch seiner Gattin und der meisten Polizisten angenehm abhebt. Dieses unkommentierte Gegen- und Nebeneinander von Einflüssen und Lebensstilen macht die Stärke der multikulturellen bayerischen Polizeirufe aus.

Als Gast im neuen "Polizeiruf 110: Fluch der guten Tat" (So. 1.7. ARD 20.15 Uhr) tritt anfangs der Kolumnist Axel Hacke auf, bekannt unter anderem für seine köstlichen Dialoge mit seinem alten Kühlschrank aus dem "SZ-Magazin". Mit dem hier gezeigten Ausschnitt aus einer Autorenlesung erscheint er allerdings nur als bayerischer Lokalkomödiant, dessen obskurer Fleischpflanzerl-Humor bereits nördlich von Nürnberg versiegt.

Ausgesprochen hochdeutsch wirkt hingegen die Randgruppe aus einer Nürnberger Trabantenstadt: die hübsche Biljana, der Roma Arpad und Vladi aus der Slowakei. Das liegt womöglich daran, dass die Schauspieler Birthe Wolter, Martin Greif und Philipp Danne heißen und andeuten, dass ihre Charaktere an benötigten Motiven entlang gestrickte Krimi-Kunstfiguren sind.

Die Geschichte (Drehbuch: Peter Probst) zeigt Täter und Ermittler parallel und vermischt dabei in sozialkritischer Absicht mehrere Milieus: die Trabantenstadt in fahlen Farben mit glamourösem Gutmenschentum. Marlene Oppenrieder (Andrea Eckert) leitet ein Wohltätigkeitsprojekt, das benachteiligten Jugendlichen zu Ausbildungsplätzen verhilft und dafür nach Medienaufmerksamkeit (zum Beispiel durch besagte Lesungen von Axel Hacke) strebt. Sowohl Arpad, der erstochen wird, als auch die Täter Biljana und Vladi zählen zu ihren Schützlingen. Statt Aufklärung des Mordes hat Frau Oppenrieder aber nur Öffentlichkeitsarbeit im Sinn...

Der Krimi hat durchaus Unterhaltungswert, doch so richtig in Fahrt kommen mag er nicht. Immerhin behält Regisseur und Kameramann Hans-Günther Bücking beim Arrangieren seiner Handlungsstränge den Überblick. Auf Erkenntnisse über soziale oder andere Zusammenhänge hofft der Zuschauer jedoch vergebens.

Außerdem neu:

Mi, 4.7. ARD 20.15 Uhr: "Wie angelt man sich einen Müllmann?"
(Regie: Karsten Wichniarz, Buch: Katharina Eckart, Claudia Pütz)
Verliebter Müllmann (Thorsten Grasshoff) gibt sich als reicher Geschäftsmann aus.


Mi, 4.7. Sat.1 21.15 Uhr: "Mein Partner auf vier Pfoten: Mord per Internet"
(Regie: Antonio Bonifacio)
Kommissar, Tänzerin und Hund lösen Kriminalfälle in Italien.