Televisionen Wenn das Schweigen zu sprechen beginnt
Europa ist groß, seine Regionen sind vielfältig. Beim wirtschaftlich-politischen Zusammenwachsen hat sich die Erkenntnis zwar noch nicht in Euphorie umgesetzt, aber immerhin auf dem deutschen Buchmarkt. Dicke Kriminalromane um unorthodoxe Ermittler aus der schwedischen Provinz und weniger dicke, aber keineswegs kurzweiligere um Kommissare aus pittoresken italienischen Städten füllen die Bestsellerlisten. In diese Liga strebt auch der "Commissario Montalbano" des Autors Andrea Camilleri. Am Sonntag (2.9. ZDF 22.00 Uhr) startet eine Reihe mit vier Verfilmungen. Zwar tragen die Filme jeweils andere Titel als die adaptierten Romane ("Tiefer Fall" heißt als Buch "Die Form des Wassers"), so dass bereits zehn Titel durch die Medien schwirren, obwohl Camilleri erst sechs Krimis ersonnen hat. Jedenfalls liegt da viel Bestsellerpotenzial vor.
Der Commissario (Luca Zingaretti) haust auf Sizilien, wo die Menschen noch reden, wie ihnen die Schnäbel gewachsen sind - vor allem aber viel. Es beginnt damit, dass zwei diplomierte Müllmänner des Morgens am Straßenstrich einen toten Politiker in verfänglicher Position finden und zunächst nicht die Polizei alarmieren, sondern um den Ruf des Verstorbenen zu schützen, dessen einflussreichsten Freund. Denn auf Sizilien ist die Gemeinschaft intakt, da kennt jeder jeden und dessen Freunde, auch über soziale Grenzen hinweg. Jener einflussreiche Ehrenwerte reagiert derart merkwürdig auf den Anruf, dass der eine Müllmann ein Gedächtnisprotokoll des Telefonats auf einem Zettel anfertigt. Und diesen findet dann der Commissario zufällig, als er später in die Müllmannswohnung einsteigt. Bald erzählen ihm Kollegen, was Kollegen von Informanten erfahren haben, die etwas von Hehlern gehört hätten - und so nimmt der Fall seinen Lauf.
Irgendwann erläutert Montalbano, dass die blonde Frau, die im Wagen des Opfers am Tatort gesehen wurde, die in Homosexuellenkreisen bekannte Transsexuelle "Marilyn" gewesen sei. Seinen Kollegen leuchtet das sogleich ein - nicht aber dem Zuschauer. Denn bislang ist weder Marilyn noch sind irgendwelche andere Trans- oder Homosexuelle vorgekommen - weder im Bild noch im Dialog. So dürfte für die meisten spätestens an dieser Stelle Schluss mit der Freude am Krimi sein. Die mitteleuropäische Kriminalschule fühlt sich nun mal auf den Schlips getreten, wenn beliebig neue Verdächtige aus dem Hut gezaubert werden. Da nützt es auch nichts, dass weder Marilyn die Täterin war, noch Katharina Böhm (spielt Montalbanos blonde Geliebte, obwohl diese Italo-Reihe ausnahmsweise keine deutsche Koproduktion ist).
Der Commissario ist ein netter, etwas spröder, aber couragierter Kerl, der die ehrbaren einfachen Leute, die auf Sizilien gern deklamieren, wie ehrbar und einfach sie sind, nicht verhaftet. Aber eine Hand voll regionaler Besonderheiten allein verhilft einem Krimi noch nicht zu Anspruch. Einen klasse Dialogsatz enthält der Film (Regie: Alberto Sironi, Buch: Francesco Bruni) jedoch: "Wenn du es verschweigst, fängt das Schweigen an zu sprechen", sagt ein kluger Sizilianer. In diesem Sinne verschweigt "Commissario Montalbano" nichts.
Doch wer jetzt sizilianische Krimis gering schätzt, sollte sich erst einmal mit dem Genre des deutschen Frauenunterhaltungsromans befassen. Am Freitag (7.9. 20.15 Uhr) startet in der ARD mit "Der Vamp im Schlafrock" eine neue Reihe von "Lauter tolle Frauen"-Filmen. Das ist natürlich ein Zielgruppenprogramm: Wer sich nicht zu den Frauen über 50 zählen darf, den schüttelt es schon während des Vorspanns.
Da sitzt Ellen Schweizer (Gudrun Landgrebe) am PC und schreibt gerade ihren neuen historischen Liebesroman (so gut wie alle Frauenunterhaltungsromanen-Heldinnen schreiben selbst: Das ist Naturalismus) und managt parallel die Versorgung ihrer Lieben und des Pudels. Kaum kommt der Gatte herein und fragt "Kein Frühstück heute?", da springt schon der Toast aus dem Toaster. Diesen Donald spielt Walter Kreye, einer von drei Schauspielern, die einander verblüffend ähnlich sehen und in jeder Frauenunterhaltungsromanverfilmung mindestens einmal vertreten sind. Aufs Stichwort ("Was ist denn läufig?") kommen die Kinder dazu, und es werden Witze über Nasenringe gemacht ("Wie kommen die eigentlich durch die Kontrolle am Flughafen?"). Zugleich impliziert Ellens Frisur bereits, dass ihre Trägerin eigentlich nur einer attraktiveren Frisur bedarf, um auch an attraktivere Männer zu gelangen.
Als dann das Gift der Eifersucht die Ehe der Schweizers zu zerstören droht, entpuppt sich der neue Verehrer der Liebesromanautorin als Autor schlechter Romane. Und weil der Film auf einem Buch von Dagmar Hansen basiert, deren Romane auf Titel wie "Pommery und Putenbrust" hören, kommt es nicht so schlimm, wie es in Genrevariationen wie "Nur ein toter Mann ist ein guter Mann" wohl kommen würde. Diese von Männern (Regie: Berno Kürten, Buch: Jürgen Wolff) angestellte Verfilmung macht nicht einmal emanzipatorisch etwas her. Einen kongenialen Dialogsatz aber enthält auch sie. "Ein Abend mit ihr ist schlimmer als 20 Abende mit einer normalen Frau", sagt Donald über Ellens Freundin. Dieser Satz bringt die "Lauter tolle Frauen"-Reihe auf den Punkt.