Televisionen: Zu viele Ratten, zu wenig Väter - DER SPIEGEL
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Televisionen Zu viele Ratten, zu wenig Väter

ProSieben lässt in einem krisenkompatiblen Kataströphchenfilm die Ratten auf Frankfurt am Main los und arbeitet unbeirrt an der Lösung des Allein-Erziehenden-Problems. Arte wirft in "Anna Wunder" einen neuen Blick auf die fünfziger Jahre. Die SPIEGEL-ONLINE-Fernsehfilmvorschau.
Von Christian Bartels
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schwere Zeiten für Katastrophenfilme. Reale Desaster haben den Fantasien, die muskulöse Energiebündel vor der Kamera und detailversessene Nerds am Rechner liebevoll gemeinsam herstellen, ihre vermeintliche Unschuld geraubt. Was nicht nur Hollywood zu schaffen macht. RTL nahm seinen Zweiteiler über die Todespest zu Köln aus Pietät aus dem Programm und wird wohl darauf sitzen bleiben müssen, bis B-Waffen kein Thema mehr sind. ProSieben ließ auch einen Katastrophenfilm drehen, und wird "Ratten - sie werden dich kriegen!" (Do. 18.10. ProSieben, 20.15 Uhr) wohl guten Gewissens senden können. Denn dieser Film bedeutet nichts, sagt nichts und macht nichts, außer - im Jargon der ProSieben-Helden gesprochen: seinen Job. Der darin besteht, auf vorgegebenem engen Zeitraum etwas Schlimmes plausibel anzurichten, zuzuspitzen und wieder aufzulösen, wobei Plausibilität nicht mehr die erste Geige spielen muss.

Weil in Frankfurt der heißeste Sommer seit 150 Jahren mit einem Streik der städtischen Müllabfuhr zusammenfällt, rotten sich die Ratten zusammen. Zum Glück wurde Hubschrauberpilot Frank (Ralph Herforth) zur rechten Zeit zur Schädlingsbekämpfung strafversetzt. Da bekämpft eine Handvoll harter, visuell an den "Die Hard"-Bruce Willis angelehnter Kerle (unter anderem der Ex-"Lindenstraßen"-Benny Christian Kahrmann), die Plage mit Flammenwerfern, Käse und Muskelkraft. Kaum hat Frank von einer "gigantischen Masse organisiert agierender Ratten" geschwafelt, lockt er eben diese in leicht variierter Hamelner Tradition in ein leerstehendes Gebäude, jagt das in die Luft und das Problem ist gelöst. Puff.

Einerseits können sich die Filmemacher (Regie: Jörg Lühdorff, Buch: Alexander Rümelin) auf die Wirkung des Tierhorrors verlassen: Niemand kann weggucken, wenn im Vordergrund kleine Kinder beim Spielen oder die Frauenbeine in Röcken zu sehen sind oder die Bürgermeisterin beim Eröffnen des Kongressbüffets - und im Bildhintergrund Ratten herum huschen, die im nächsten Moment auf die Kinder oder Frauen oder aus dem Essen springen werden. Das Hingucken müssen ist menschlicher Urinstinkt und funktioniert auch hier ab und zu. Andererseits drücken die begrenzten Mittel auf die Genrequalität. Weil Massenszenen und Computeranimationen teuer sind, ließ ProSieben die Geschichte in Prag drehen. Die meisten Szenen spielen im topografisch nicht weiter definierten Untergrund; gelegentlich sind Rückprojektionen zu sehen, wie ältere Mitbürger sie noch aus Filmen mit Cary Grant kennen. Leider machen mutmaßliche Sendervorgaben die so wohl gewonnenen finanzielle Freiheiten wieder zunichte. Auch dieser Film muss außer Männer-affiner Action auch Frauen-Affines enthalten (Anne-Cathrin Buhtz als Ärztin Katrin entwickelt mal rasch das Serum gegen die von Ratten übertragene Hirnhautentzündung) und etwas für den Rest der zu entertainenden Family (hier: kleines Mädchen und Hündchen).

Entlarvend ist, was am glücklichen Ende, als Ratten und Hirnhautentzündung besiegt und Schädlingsbekämpfer und Ärztin ein Paar sind, das mit Abstand größte Strahlen auf Katrins Gesicht zaubert: das Wiedersehen mit dem seit Filmanfang vermissten Hündchen ihres kleinen Mädchens. Immerhin ist ein schöner Zug der ProSiebenSat.1 Media AG, dass ihr kein Thema zu katastrophenaffin ist, um nicht noch eine(n) allein Erziehende(n) zu verkuppeln. Auch nächste Woche macht der Sender weiter - in "Staatsgeheimnis", was allerdings trotzdem ein feiner Politthriller ist. Mehr dazu demnächst hier.

Pech hat in dieser Hinsicht die Filmheldin Sophie (Renée Soutendijk), dass "Anna Wunder" (Fr. 19.10., 20.45 Uhr) auf Arte läuft, wo Filme oft anders als anderswo enden. Hier gibt es keine Hoffnung für die allein Erziehende, die allerdings als eine Art Kriegerwitwe firmiert. Denn dieser Film spielt am Ende der fünfziger Jahre, als die Menschen sich noch in der kleinen Kneipe in ihrer Straße trafen, mit der Musicbox in der Ecke, als Einzelhändler noch anschreiben ließen und Briefträger Hausfrauen nicht nur mit Post beglückten... Der Look dieser Epoche in deutschen Filmen ließ sich bislang sauber in zwei Stilrichtungen einteilen: Filme von linker Gesinnung, die die bleierne Zeit als solche abbilden, und konservative Werke, die das Wirtschaftswunder bunt bebildern und in denen Heribert Zimmermann so garantiert "Tooor, Tooor, Tooor" brüllt, wie ProSieben allein Erziehende verkuppelt.

Die eine Stärke von "Anna Wunder" ist es, einen ästhetischen Mittelweg zu finden. Die Bilder haben den Charme leicht verblichener Farbfotos ganz ohne die penetrante Strahlkraft eines fünfziger Revivals. Die andere Stärke ist der erzählerische Blick. Zwar ist Sophies Geschichte eine traurige, da sie dem Vater ihrer beiden Kinder nachtrauert, am Alkohol zugrunde geht - durchaus nicht freudlos übrigens - und daher kein Geld mehr für die Miete hat. Die Hauptfigur aber ist ihre 11-jährige Tochter Anna, die die Kindheit notgedrungen hinter sich lässt, weil die Mutter sie und ihren Bruder nicht mehr versorgen kann. Die 13-jährige Schauspielerin Alice Deekeling blickt mit einem Ernst auf das Geschehen, der sowohl existenziell ist, als auch verklärt, weil die Zeit auch die ihres ersten Kusses ist und der Vatersuche ist.

So kombiniert die Regisseurin und Autorin Ulla Wagner Leichtigkeit und Schwere mit sozialen Hintergründen zu einem angenehmen Schwebezustand. Da schadet es auch nichts, dass ihr Film in zwei Teile zerfällt, was dem Werk vermutlich die Kinokarriere gekostet hat. Im letzten Drittel schneidet sich Anna die Haare ab und fährt per Anhalter auf Vatersuche nach Frankreich, was derart gerafft erzählt wird, dass vor dem schönen Schluss viel Flair vorübergehend schwindet.

außerdem wichtig:
So. 14.10. ARD 20.15 Uhr "Tatort: Zielscheibe"
(Regie: Robert Sigl, Drehbuch: Peter Zingler) Mal wieder was Medienkritisches in der ARD: Eine Reality-TV-Show ufert aus. Mit Jochen Senf als Kommissar Palü aus Saarbrücken.

Mo. 15.10. ZDF 20.15 Uhr "Paulas Schuld"
Paula trägt eine Mitschuld am tödlichen Unfall des Sohns ihrer besten Freundin. Drama mit Zug zum Psychothriller (Regie Claudia Garde, Buch: Hans-Ullrich Krause nach Motiven aus Susanne Mischkes Roman "Mordskind")

Do. 18.10. RTL 20.15 Uhr "Millennium Mann"
(Regie: Joe Coppoletta, Buch: Lorenz Lau-Uhle). Schwerverletzter Polizist (Markus Knüfken) wird im Geheimlabor mit Sci-Fi-Technik aufgemotzt. Hier tragen Zuschauer eine schwere Verantwortung: Stimmt die Quote, macht RTL aus diesem Film eine Serie.

Fr. 19.10. ARD 20.15 Uhr Hochzeit zu viert
Die Holländerin Renée Soutendijk, die neben Götz George in den deutschen Film kam ("Abwärts") und heute eine halbe Stunde später auch auf Arte spielt ("Anna Wunder") mischt in diesem Lustspiel als Harald Krassnitzers betrogene Gattin mit.

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