Terror-TV Das ZDF probt den Ernstfall
Bahnhof Zoo, Alexanderplatz, Friedrichstraße, Potsdamer Platz: Dies also sind die Ziele für einen terroristischen Anschlag. Am Potsdamer Platz platzt ein mit Chlorgas gefüllter Tanklaster. Eine Panik bricht aus; Rettungsdienste und Feuerwehr werden vom Chaos überrannt. Die Anschlagwelle, die die Berliner Innenstadt in eine Szenerie des Schreckens verwandelt, schafft es sofort in die Medien: als Eilmeldung in der laufenden "heute"-Sendung, moderiert von einem mehr als besorgten Steffen Seibert.
So beginnt die fiktive Reportage "Tag X - Terror gegen Deutschland", mit der das ZDF heute Abend um 22.15 Uhr die Gefahren terroristischer Bedrohung thematisiert. Das von den Medien bereits vollmundig "Infovision" getaufte Format vermengt Fakten mit Fiktion, Akteure des realen Lebens mit Schauspielern. So kommentiert etwa Landesstudio-Leiterin Susanne Gelhard die Lage vor Ort am Bahnhof Friedrichstraße, umhüllt vom sehr realen Rauch am Tatort. Unterdessen befragt Jörg Brase einen Arzt im Virchow-Klinikum, der angesichts der zahllosen Verletzten am Verzweifeln ist. Und Peter Frey, Hauptstadt-Chef des ZDF, berichtet live vom Kanzleramt.
Unterbrochen wird das Schreckensszenario von Maybrit Illner, die mit Katastrophenschützern, Ärzten und Terrorexperten Schwächen und Stärken der deutschen Terror-Prävention diskutiert. Einspielfilme sollen die Schwachpunkte im Sicherheitssystem der Hauptstadt verdeutlichen. Die Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden, mangelhaft gesicherte Gefahrgut-Transporte oder die Notfallausstattung von Krankenhäusern gehören zu den Themen, denen sich Fachleute und Zuschauer stellen müssen.
Geschrieben hat das Ganze ZDF-Redakteur Christian Deze, der der dpa gegenüber betonte, "es ist ein Film". Dies rechtfertige auch die dramatische musikalische Untermalung des Gezeigten. Die Inhalte hingegen haben reale Attentate zum Vorbild wie zum Beispiel die Anschläge vom 11. März in Madrid oder vom November 2003 in Istanbul.
Wie realistisch ein Terroranschlag ist, darüber sind die Experten geteilter Meinung. Fest steht jedoch, dass man in Deutschland völlig ungenügend auf einen Anschlag mit Hunderten Toten oder Verletzten vorbereitet ist. So wurde das deutsche Sirenen-Alarmsystem aus dem Zweiten Weltkrieg wegen Geldmangels ersatzlos gestrichen, den Rettungskräften fehlt es an Koordination und die medizinische Notfallversorgung ist nicht gewährleistet, da deutsche Krankenhäuser im Ernstfall nicht auf nennenswerte medizinische Vorräte zurückgreifen könnten.
Die Liste der Unzulänglichkeiten des deutschen Katastrophenschutz-Systems ließe sich noch lange fortsetzen: Im Falle eines Anschlags mit atomaren, biologischen oder chemischen ("ABC")-Kampfstoffen wäre die Feuerwehr beispielsweise nur sehr bedingt in der Lage, die verseuchten Gebiete zu erkunden. Einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS") zufolge stehen nur 350 Spezialfahrzeuge zur Verfügung; doppelt so viele müssten es jedoch sein, um überhaupt denn Grundschutz sicherstellen zu können.
Noch schlimmer sieht es bei beim Ausrüstungsstandard im Bereich der Kommunikation aus. Bei einem ausbrechenden Chaos ist der permanente Informationsaustausch überlebenswichtig. Weil jedoch in Deutschland, anders als in allen anderen Industriestaaten, nicht mit dem wesentlich leistungsfähigeren digitalen Netz, sondern analog gefunkt wird, könnte der Ernstfall schnell zum Albtraum werden. "Der Funkverkehr bricht oft zusammen, wenn bei einem Einsatz nur vier oder fünf Feuerwachen beteiligt sind", zitiert die "FAS" den Berliner Landesbranddirektor Albrecht Brömme.
Dennoch wolle man das Thema ohne Alarmismus anfassen, heißt es beim ZDF. "Unser Ansatz ist, dass wir nicht denken, wir können sowieso nichts ändern", erklärte Bettina Schausten, Innenpolitik-Leiterin des ZDF, der dpa.
"Tag X - Terror gegen Deutschland", ZDF, 22.15 Uhr.