Serie "Das Wort" "Terror wird unterschätzt"
Terroranschlag auf das World Trade Center 2001
Foto: Seth McAllister / AFPAm 11.9.2001 greifen Unbekannte mit gekaperten Flugzeugen das World Trade Center und das Pentagon an: Die Welt ist entsetzt. Terror.
Am 10. Mai 2016 sticht im bayerischen Grafing ein geistig Verwirrter auf vier Menschen ein und ruft dabei "Allahu-akbar":
Deutschland ist entsetzt. Kein Terror.Zwischen den Taten besteht dennoch ein Zusammenhang.
Terror leitet sich ab von dem lateinischen Wort terror, wörtlich übersetzt Schrecken. Dieser Schrecken war von 1793 bis 1794 als La Terreur eine Phase der Französischen Revolution, die Sowjetunion wurde von 1934 bis 1938 vom "Großen Terror" heimgesucht, dem Hunderttausende Menschen zum Opfer fielen. Der Terror der Geschichte ist der Terror der Regierung gegen das Volk. Ziel war die Sicherung von Macht.
Terror des Schwachen gegen den Schwachen
Der Terror der Gegenwart ist ein Terror des Schwachen gegen den Schwachen. Der Terror trifft Gesellschaften und Kulturen in ihrem zivilen Leben. Dort sind sie schutzlos: bei der Arbeit, in der U-Bahn, auf der Straße, im Restaurant. Terror wird als barbarischer, feiger Akt empfunden, der Abscheu hervorruft und sein Ziel stets verfehlt.
Terror wird unterschätzt.
Gemeinhin erregt ein Terroranschlag ein schnelles, hektisches Interesse, es folgen Statements der Repräsentanten des angegriffenen Gemeinwesens. Polizei und Geheimdienste ermitteln, Gesetze werden verschärft. Normalität kehrt ein. Und still entfaltet Terror seine Wirkung.
Mit einer Bombenexplosion, einem Messerangriff, oder der Enthauptung eines Menschen ist das äußere Geschehen des Terrorangriffs vollendet: die Opfer sind verletzt oder tot, ein Gebäude zerstört, ein Flugzeug abgestürzt. Ein Vorgang mit katastrophalen Folgen, aber Grippewellen oder Naturereignisse sind gravierender.
In diesem Moment ist der Terror nicht beendet; er beginnt erst.
Eine Form der Kommunikation
Zunächst wird die angegriffene Gesellschaft durch die Nachricht von der Tat in Schrecken versetzt. Eine Organisation bekennt sich zu dem Anschlag und erklärt Grund und Ziel. Diese Erklärung hat wiederum zwei Ebenen: eine ausdrückliche und eine immanente.
Die ausdrückliche besteht in Forderungen, die durchgesetzt werden sollen oder in der Begründung für Vergeltung. Beispielsweise könnte ein Staat, der in einem anderen Land Besatzungsmacht ist, zum Verlassen des Landes aufgefordert werden oder es wird erklärt, dass eine Handlung des angegriffenen Staates Vergeltung erfordere.
Die immanente Botschaft des Terrorangriffs ist von größerer Bedeutung, denn sie ist das eigentliche Motiv.
Mitgeteilt wird den Angegriffenen, dass sie angreifbar sind. Gesellschaften, insbesondere die des Westens mit ihrer umfassenden Daseinsvorsorge, vermitteln ihren Bürgern das Gefühl, die Gefahren der Welt seien weit entfernt. Der Terrorangriff widerlegt diese Behauptung. Die Botschaft lautet: Ihr seid angreifbar. Das Entsetzen über den Angriff speist sich aus der Beliebigkeit der Opfer. Es kann jeden treffen. Die Aussage lautet: Sicherheit gibt es nicht. Gleichzeitig kommuniziert die Tat: Wir haben Macht. Der Terrorangriff dient also auch der Selbstvergewisserung der Terroristen und ihrer Organisation und der Stärkung der Kampfmoral. Terror ist also eine Form der Kommunikation.
Ein fester Bestandteil unserer Kultur
Die Anschläge vom 11. September haben die westliche Welt tief getroffen. Sie haben ihr ihre Verwundbarkeit gezeigt. Sie haben das Unvermögen des Staates bloßgelegt, seine Bürger wirksam zu schützen. Sie haben al-Qaida weltweit bekannt gemacht. Sie haben zugleich den Kämpfern und Sympathisanten von al-Qaida weltweit gezeigt, dass sie Macht haben und dass sie zu koordinierten Aktionen fähig sind.
All dies sind die Botschaften des 11. September, der Synonym für Terror schlechthin wurde.
Auf die Nachricht hin, der Messerstecher von Grafing habe "Allahu-akbar" gerufen, war in deutschen Medien zu lesen und zu hören, dass wahrscheinlich ein islamistischer Anschlag stattgefunden habe. Diese zwei Worte, die ein psychisch Kranker als seinen Schlachtruf wählte, sind der Trigger, der eine Reaktionskette in Gang setzt. Und darin liegt die Wirkung des Terrors, selbst, wenn er jenseits des Atlantiks oder in Paris oder Brüssel zuschlägt: er verändert Kulturen in ihrem Verhalten, er mobilisiert schützende Angst ebenso wie irrationale Panik.
Und so ist die Reaktion auf Grafing nichts anderes als ein Fehlalarm, eine Überreaktion. Sie zeigt, dass die Angst vor dem Terror ein fester Bestandteil unserer Kultur geworden ist.
Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er die Begriffe "Satire" und "Toleranz"