Thalia Theater: Das vergewaltigte Leben - DER SPIEGEL
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Thalia Theater Das vergewaltigte Leben

Es geht auf Leben und Tod in Gerhart Hauptmanns Stück "Rose Bernd". Keine Hoffnung gibt's und fast kein Bühnenbild - Regisseur Michael Thalheimer inszenierte in Hamburg den nackten Schrecken unter Menschen. Eine ungebremste Höllenfahrt, die überzeugte.
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Hamburg - Licht aus, Urschrei an: Aus der Düsternis der weit geöffneten Bühne robbt die gequälte Rose Bernd und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Über karge, rissige Bretter erhebt sie sich, in fahlem Licht, allein, erbarmungswürdig, verletzt. Keine Befreiung wartet auf sie, sondern eine selbst gewählte Passion mit Kindsmord. Regisseur Michael Thalheimer braucht nur wenige Schrecksekunden, um die hässliche, feindselige Welt der Rose Bernd zu entwerfen, wie sie Gerhart Hauptmann 1903 in seinem schnell konzipierten und ebenso rasch geschriebenen Stück entwarf. Inspiration war ein Gerichtsfall, den der Autor seinerzeit als Geschworener erlebte. Noch im selben Jahr fand die Uraufführung seines vielleicht düstersten Stückes statt. Keine Hoffnung, kein Ausweg, keine Lehre, nur Gewalt und Verzweiflung: Hauptmanns schlesisches Dorf ist die Nussschale, in der sich alles findet.

Sex und Gewinn

Sie keuchen und hecheln, sie schwitzen und grunzen, und sie denken fast alle immer nur an das eine: Die Männer, die um das Mädchen Rose Bernd herumschwirren, stellen ein veritables Panoptikum maskuliner Ekelpakete dar, sie wollen Sex oder Gewinn oder beides. Sie zerren an ihr wie ein Wolfsrudel, werfen sich in lächerliche Posen, stehen ständig unter Starkstrom und haben Mühe mit ihrer Feinmotorik. Verbogene, kranke Menschen, hochdruckrote Köpfe, immer kurz vor der Explosion, Gewaltbereit aus Gewohnheit, so ist ihr Leben.

Inmitten all dieser Hengste  ist das Mädel allerdings keine Unschuld vom Lande: Rose hat ein geheimes Liebesverhältnis mit dem Gutsbesitzer Flamm, der sie aber nur ausnutzt. Der brutale Maschinist Streckmann erpresst sie damit und vergewaltigt sie. Roses berechnender und eigensüchtiger Vater will sie mit gut situierten, aber langweiligen Buchbinder Keil verheiraten, der Rose mag, aber vor lauter schüchterner Nervosität kaum gerade gehen kann. Rose wird schwanger, und ihr Vater will den vermeintlichen Verführer Flamm vor Gericht zerren, doch Rose schwört einen Meineid um den Gutsbesitzer zu schützen. Sie bekommt ihr Kind und tötet es nach der Geburt.

Musik wie heiße Lava

Michael Thalheimers Inszenierung ist permanent in hektischer Bewegung: Die Personen um Rose Bernd müssen sich meist mühsam auf die schräge Bretterbühne turnen und stemmen (karger Bau: Henrik Ahr), wieder herunter springen, sie kreisen um Rose, berühren sie mehr oder minder gewalttätig und driften wieder ab. Rose Bernd ist Zentrum dieser Bewegung, aber sie beherrscht sie nicht. Ihre vergleichsweise geschmeidige Fortbewegung weist sie umso mehr als Fremdkörper in der Dorfgemeinschaft aus. Thalheimer stattet sein Personal bis auf die Titelheldin zeitweise mit Masken aus, was auf ebenso simple wie effiziente Weise Bedrohung und aggressive Frontenbildung evoziert. Zu den Szenenwechseln schwillt jedes Mal urgewaltig eine dröhnende Passionsmusik an (komponiert von Bert Wrede), die wie Lava gewordene Mood Music von Enya klingt: Schicksalsschwer und brachial laut, das Klang gewordene Gewicht der Welt. Unter ihm windet sich Rose mit beachtlicher Überlebensenergie: Katrin Wichmann spielt Täterin und Opfer quengeliger Zähigkeit, leider geht bei ihr wie bei den anderen manches an Texten und Wendungen in exaltiertem Geschrei unter. Obendrein beließ Thalheimer das Stück in original schlesischer Mundart, so dass ohnehin manches vage oder zumindest (beabsichtigt) fremd und blieb.

Peter Kurth als Roses Vater spielte den ängstlichen und gierigen Spießer in bekannt expressiver Manier, während die großartigsten Momente der Inszenierung von Andreas Döhler kamen, dessen zittrig verdruckster Buchbinder Heil ein ganzes Arsenal an menschlicher Schwäche und Tücke auffächerte. Felix Knopp hielt mit dem wilden Mache Streckmann dagegen, der zwischen Flamenco-Posen und tierischem Stöhnen für die brutalen Momente gut war. Ein weiteres sattes Ensemblestück wurde es, den Michael Thalheimer kann blendend mit dem Thalia-Team umgehen (er inszenierte hier "Woyzeck", "Lulu", "Liebelei"), alle folgten ihm auch hier wieder bedingungslos. Peter Moltzen (als Gutsbesitzer Flamm) wetteiferte mit Peter Kurth um den Hysteriker-Preis des Abends: Mehr als einmal fürchtete man um seine Blutdruckwerte und die Herzfrequenz. Das ging an die Grenzen, auch an die der stimmlichen Dezibelwerte. Im Oberrang wird's wohl nur als heißes Rauschen angekommen sein. Dennoch blieben alle gesund und überzeugend bis zur traumseligen Schluß-Hochzeitsszene: Ein großer Wurf, diese dunkle Rose, selbst an Thalheimer-Maßstäben gemessen. Viel Beifall vom glücklichen Premierenpublikum für alle Beteiligten.