Thalia Theater: Ketchup aus der Kühltruhe - DER SPIEGEL
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Thalia Theater Ketchup aus der Kühltruhe

Die herrschende Klasse liegt in der Tiefkühltruhe, die Bediensteten warten auf das Ende: Dea Lohers neues Stück "Der dritte Sektor" am Hamburger Thalia Theater beschreibt eine sterbende Welt. Als Medizin hilft da nur Lachen.
Von Britta Heidemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie haben Angst und freuen sich vor der Freiheit: Schneiderin Anna (Almut Zilcher) und Köchin Martha (Hildegard Schmahl) verbrachten ihr langes Leben in den Diensten der Frau Bierbaum. Auch der Meier Ludwig ("dargestellt von seinem Hund", heißt es bei Loher, bei Regisseur Dimiter Gotscheff aber darf Markus Graf spielen) kennt nichts als diese eine Welt. Doch die Welt, "Der dritte Sektor" als Wurzel der modernen Dienstleistungsgesellschaft, stirbt. Vielleicht hat sie jemand umbringen wollen, die Frau Bierbaum, und sie deshalb in die Kühltruhe gelegt. Vielleicht ist sie aber auch freiwillig da hineingeraten. Egal. Man wartet auf den letzten Atemzug, den Putzfrau Xana (Victoria Trauttmansdorff) am Ende des Stückes vermelden darf."Wenn sie kommen, hören wir dann auch auf, oder haben wir noch eine Geschichte?" Diese Frage beschäftigt Martha und Anna, die Dea Loher als "Hommage an die Steiner Anna und die Kraus Martha" erfunden hat. Denn ihre Geschichte bisher war fremdbestimmt, eine Geschichte der Unterdrückung. Annas Mann, Arbeiter in der Bierbaum'schen Brauerei, ist am Alkohol gestorben. Martha hatte nie einen Mann, dafür ein jahrelanges Verhältnis mit Herrn Bierbaum und eine heimliche Liebe zum "Schofför" Meier Ludwig. Der wiederum hatte eine Frau, die langsam ihrem Tod entgegenhechelte, und keine Augen für Martha. Die deshalb von einem neuen Leben träumt, davon, "in der Fremde fremd zu sein".Derartige Tragödien sind typisch für Dea Loher. Vor zehn Jahren thematisierte sie in ihrem Bühnendebüt "Olgas Raum" die Vergasung einer jüdischen Kommunistin in Nazi-Deutschland. Es folgten Geschichten von Inzest ("Tätowierung") bis hin zu den Kriegsschrecken in Bosnien ("Fremdes Haus"). In ihren letzten beiden Stücken beschrieb sie eher individualpsychologische Dramen: "Adam Geist" muss töten, was er liebt; die Protagonistin in "Klaras Verhältnisse" ist mit ihrer Liebe immer am falschen Ort.Dea Loher zerlegt Machtstrukturen mit dem Seziermesser - und serviert auch die heißesten Themen tiefgekühlt. Ihre Figuren sperren sich einem empathischen Zugriff, sie werden zur Schau gestellt, Schicht um Schicht und völlig leidenschaftslos aus ihren Geheimnissen geschält. Zusehen darf man dabei, mitleiden nicht. Treffend umgesetzt wird dieses Phänomen am Thalia Theater von Bühnenbildner Achim Römer: In den variablen Bühnenraum der Gaußstraße stellt er einen Laufsteg, auf Kopfhöhe der links und rechts sitzenden Zuschauer. Und dort oben geschieht das Seltsame: Martha und Anna sind komisch. Gotscheff hat die Uraufführung als Farce inszeniert, hat den Text einmal kräftig durcheinander gewirbelt, die Tragödie ins Komödiantische übersteigert. Zilcher und Schmahl spielen eine Serie von Slapstick-Nummern. Sie stammeln, stottern, als Karikaturen ihrer selbst. Heben klassenkämpferisch die Fäuste und wissen doch: "Dann, wenn die Frau tot ist, haben wir keinen Feind mehr außer uns selbst, die Dinosaurier des dritten Sektors."Sie üben für diesen Ernstfall, verletzen sich mit verbalen Hieben und realen. "Deine Wehleidigkeit steht im umgekehrten Verhältnis zu deiner Lebensleistung", sagt die eine, und die andere zerreißt ihr dafür den Quelle-Katalog, "die Bibel des Verbrauchers". Sie streuen Salz in blutende Wunden. Und verharren am Ende, als der Ketchup aus der Kühltruhe restlos verbraucht ist, im stummen Lachen über den absurden Gedanken einer Flucht aus dem dritten Sektor: "Wir warten bis es dunkel ist. Dann machen wir die Tür von außen zu."

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