"The Blue Room" Kopulation light
Wer den Namen Nicole Kidman ins Spiel bringt, wird von seriösen Theaterkritikern vermutlich gebrandmarkt. Doch das Risiko muss eingehen, wer erklären will, warum die deutschsprachige Erstaufführung von David Hares "The Blue Room" in den Hamburger Kammerspielen ein derart großes Interesse provozierte: Die Hollywood-Diva legte in der weiblichen Hauptrolle der Uraufführung (London, 1998) die Kleider ab und fokussierte damit das Interesse auf ihren Körper und nicht auf die Theaterkunst. Allein die Tatsache, dass die filmprominenten Hamburger Lokalmatadore Natalia Wörner und Herbert Knaup die Hauptrollen in diesem Kopulationsdrama spielen, begründet den Hype jedenfalls nicht.
Über den permanent wechselnden Paarungsritualen von Wörner und Knaup liegt eine gewisse Tristesse. Kein Wunder, wenn stimmt, was aus dem Schatzkästlein lateinischer Spruchweisheiten ("Post coitum omne animal triste") überliefert wurde, dann ist nach dem Koitus jedes Lebewesen traurig. Unsere sexbesessene Epoche müsste somit die depressivste seit Anbeginn der Zeiten sein. Blau ist die Farbe der Traurigkeit, nicht nur, wenn uns der Blues befällt. Hare wird schon wissen, warum er sein Stück "The Blue Room" genannt hat. In Betten, auf Küchentischen, Parkplätzen und in Abstellkammern vögeln Wörner und Knaup mal als Taxifahrer und Au-Pair-Mädchen, mal als Student und verheiratete Frau, mal als Politiker und Model.
Das eigentliche Treiben wird im Jahre 2000 genauso ausgeblendet wie 1920 bei der Uraufführung von Arthur Schnitzlers "Reigen", dem Hare seinen Text frei nachempfunden hat. Wenn die Kopulationen auf der Bühne beginnen, geht im Saal das Licht aus und die jeweilige Paarungszeit (von null Minuten bis zu zwei Stunden) wird mit Leuchtschrift eingeblendet.
Im Gegensatz zu Schnitzler verfügt Hare nicht über die Fähigkeit "hosenausbeulende Mehrsilbigkeiten" (so prahlt der "Dramatiker", eine Figur dieses postmodernen Reigens) zu schaffen. Hohe Dichtkunst darf der Zuschauer also nicht erwarten, und Poesie kommt höchstens dann auf, wenn die Figuren in den entscheidenden Momenten schweigen. Wörner und Knaup nutzen die Vorlage für handwerklich saubere altmodische Verstellungsschauspielkunst. Wem das genügt und wer sich von einem Humor, der sein Heil auch in schwäbischer Dialekt-Nachäfferei sucht, nicht abschrecken lässt, kann sich knapp zwei Stunden amüsieren - mehr aber auch nicht.
Bis 23. 4., tägl. außer Mo., 22.-29. 5., 3. 6., jeweils 20 Uhr. Karten: 040-41 33 44 44