Theater: Christiane Pohle - DER SPIEGEL
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Theater Christiane Pohle

Atmosphäre statt Reality: Die Regisseurin interessiert sich nicht für Revolutionäres, sondern "für den Menschen in seiner Kleinheit".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es begann an Neujahr. Im ersten Morgengrauen des Jahres 1999 beschlossen vier Schauspielerinnen in Hamburg-Altona, ihre Karriere selbst in die Hände zu nehmen. Tschechows "Drei Schwestern" wollten sie inszenieren, den Ressourcen entsprechend: Drei der Frauen würden spielen, die männlichen Figuren über Anrufbeantworter eingeblendet werden, die anderen Rollen zusammengestrichen, und eine, logisch, müsste Regie führen. Die Wahl fiel auf Christiane Pohle. Heute, nur drei Inszenierungen später, ist die 33-Jährige eine der gefragtesten Regisseurinnen des Landes. "sitzen in Hamburg", wie die Tschechow-Bearbeitung hieß, hatten die vier Frauen damals im Gymnastiksaal des stillgelegten Hafenkrankenhauses geprobt. Dann wurde die Inszenierung zum lokalen Nachwuchsfestival "Die Wüste lebt" eingeladen. 2000 folgte das renommierte "Impulse"-Festival des freien Theaters, wo 3sat die Produktion von Laborlavache, so der Name der Gruppe, mit einer TV-Aufzeichnung prämierte. 2001 übernahm Pohle kurzfristig die Uraufführung von Gesine Danckwarts "Täglich Brot" am Theaterhaus Jena ­ und landete wieder einen Hit. Mindestens zehn große Theater hätten sie daraufhin angerufen, erzählt die Berlinerin. "Klar fragt man sich da, was passiert, wenn das nächste Stück nicht gelingt. War's das dann? Und war man selbst nur mal kurz in Mode?" Vorerst jedoch reicht ihr Selbstvertrauen, "um die Möglichkeiten zu genießen, die ich momentan habe". Im Februar wird Pohle am TIF in Dresden inszenieren, im Mai an der Berliner Schaubühne. Das beste Angebot aber machte Christoph Marthaler: Der Intendant des Zürcher Schauspiels übernahm eine Patenschaft für Laborlavache. Einmal pro Saison können sie als Kollektiv mit Gästen ein Stück an seinem Haus inszenieren. Ihren Arbeitsstil nennt Pohle "geflechtartig". Nebenrollen gibt es nicht. Die Geschichten aller Personen werden parallel erzählt, Atmosphäre und Musik schaffen Querverbindungen. "Reality" interessiere sie nicht. Im Übrigen auch nicht Revolutionäres, allein "der Mensch in seiner Kleinheit". Derzeit probt Laborlavache Goethes "Clavigo" mit weiblicher Besetzung der Männerrollen, weil "die Zerrissenheit zwischen Karriere und Familie, unter der Clavigo leidet, heute für Frauen ein größerer Konflikt ist. Die Konsequenzen sind endgültiger, wenn sich eine Mittdreißigerin entscheiden muss". Sie selbst vermeidet eine Entwederoder-Situation, indem sie sich Absagen leistet. Bei höchstens drei Produktionen im Jahr bleibt Zeit für ein Leben neben dem Theater. Was sie sich dieses Silvester vornehmen wird? "Das zu machen, was ich angeleiert habe." Klingt realistisch. Christiane Kühl Premiere von "Clavigo" am 10.1. im Schauspielhaus Zürich.